Internet-Veröffentlichung internet publication 2013
Ed Dellian
43. Noch einmal: Der Fall Galilei und wir
Ein Plädoyer für eine wahrheitsfähige Naturwissenschaft (als Kommentar zu Friedrich Dessauers Essay „Der Fall Galilei und wir", Luzern 1943)
Zum 300. Todestag Galileo Galileis 1942 erschien in der Schweiz ein Essay des dorthin emigrierten Katholiken, Physikers, Unternehmers, Politikers (Reichstagsabgeordneter bis zum Jahr 1933) und Schriftstellers Friedrich Dessauer (1881-1963), mit dem Titel „Der Fall Galilei und wir" (Luzern 1943). Im Vorwort, das der Mathematiker Séverin Bays „im Namen der Freiburger Naturforschenden Gesellschaft" verfasste, heißt es (ich verkürze alle nachfolgenden Zitate auf das, was mir wesentlich erscheint, und setze sie zur Unterscheidung von meinen Kommentaren kursiv):
„An Namen und Schicksal Galileis knüpft die Geschichte zwei Wirkungen von wahrhaft großer Bedeutung: Beginn der experimentellen Naturforschung und Loslösung der Naturwissenschaft aus der einheitlichen Geisteshaltung zur Welt und ihrem Schöpfer. Das erstere Ereignis hat unermesslichen Nutzen gebracht. Das andere Ereignis wurde zu einer Krise für die Christenheit, ja für die Menschheit bis zur gegenwärtigen Stunde. Galilei war Physiker, Mathematiker, Philosoph - und dazu bis in den Tod ein ernsthafter Christ. Er bewahrte diese Einheit, die nachher so oft verloren ging, und die sich auch bei anderen Männern an den Pforten der neuen Zeit, wie Nicolaus von Kues, Roger Bacon, Copernicus, Kepler und Newton wiederfindet. Diese Einheit ist auch unser Anliegen."
Siebzig Jahre nach dem Erscheinen des Essays hielt am Vorabend des 449. Geburtstages Galileis, am 14. Februar 2013, Papst Benedikt XVI., drei Tage nach der Ankündigung seines Rücktritts, eine Ansprache vor dem römischen Klerus. Er erinnerte darin an das fünfzig Jahre zurückliegende Zweite Vatikanische Konzil und sagte unter anderem:
„Wir wussten [damals], dass in der Beziehung zwischen Kirche und Moderne von Anfang an ein gewisser Gegensatz vorhanden war, begonnen beim Irrtum der Kirche im Fall von Galileo Galilei. Man wollte diesen verfehlten Anfang korrigieren und wieder eine Einigung zwischen der Kirche und den besten Kräften der Welt finden, um die Zukunft der Menschheit zu öffnen, um den wahren Fortschritt zu öffnen."
Jedermann weiß, dass diese „Einigung" und diese „Öffnung" bis heute nicht stattgefunden hat. Vielleicht ist sie heute sogar ferner als je zuvor. Denn die materialistische Weltanschauung dringt unübersehbar weiter vor, und mit ihr ein zunehmend aggressiver Atheismus. Zu beobachten ist aber auch, dass innerhalb der christlichen Kirchen starke Kräfte den von Benedikt angesprochenen „gewissen Gegensatz" durchaus aufrechterhalten wollen und deshalb weiter vertiefen. Sie halten (ebenso wie die Materialisten selbst) die materialistische Wissenschaft der Moderne als solche und ihren „methodischen Atheismus" für alternativlos (Christoph Schönborn). Was aber die Weltanschauung betrifft, so lässt nun gerade der Umstand, dass die Wissenschaft eine spirituelle Dimension der Welt methodisch ignoriert, viele Christen an dem außerwissenschaftlichen „Glauben" festhalten, der sich eben dieser Dimension annimmt, und dann auch an dem weltumspannenden Apparat, der sich dafür zuständig sieht. Die Trennung von Wissenschaft und Religion wird freilich nicht nur vertieft, sondern institutionalisiert, wenn beide jetzt von allen Beteiligten als „non-overlapping magisteria" (NOMA) verstanden werden, d.h. als je in sich schlüssige Kulturbereiche, die nebeneinander existieren könnten, ohne einander zu stören. Aus dieser Sicht gibt es dann im Verhältnis zwischen Kirchen und Wissenschaft auch nichts zu korrigieren, und es gibt keinen „Irrtum der Kirche im Fall von Galilei".
Wer die jüngsten Schriften des Vatikanischen „Galilei-Experten" Kardinal Walter Brandmüller liest und findet, wie dieser Mann dem Galilei Schlechtes zuhauf hinterherruft (Reizbarkeit, Schmähsüchtigkeit, Aggressivität, Ruhmsucht, Eigensucht, Rachsucht und maßlose Eitelkeit), ihn gar „einen Giftzwerg" nennt, dem es „ein Vergnügen war, andere Gelehrte zu verunglimpfen" (so in dem Buch von Brandmüller und Langner, „Der Fall Galilei und andere Irrtümer", Augsburg 2006, S. 23), und wer liest, wie Brandmüller für die Kirche - in der Frage der Bibelauslegung! - ein „Recht auf Irrtum" in Anspruch nimmt (in dem Buch „Galilei und die Kirche oder das Recht auf Irrtum", Regensburg 2009, S. 149), der weiß, dass von solcher Seite kein Schuldbekenntnis und nichts Einigendes zu erwarten war - schon gar nicht die notwendige Anerkennung der wahrheitsfähigen neuen Wissenschaftsmethode und also der Wahrheit dessen, was Galilei damit für alle Zeiten gefunden hat.
Wohl gab es im Jahre 1992 eine freundliche Geste des Papstes Johannes Paul II., der Galilei einen guten Katholiken nannte, dem die Kirche Unrecht getan habe. Eine „Rehabilitierung" Galileis, die manche darin sehen wollen, war das nicht. Sonst hätte es wohl die nachträglichen Brandmüllerschen Ausfälle nicht geben können. Insbesondere fehlte die Anerkennung der Methode und der Ergebnisse der Philosophie Galileis, welcher Schritt allein zu der oben genannten „Einigung" und „Öffnung" hätte führen können. Ich habe das in meinem 2007 erschienenen Buch „Die Rehabilitierung des Galileo Galilei" ausführlich dargelegt.
Friedrich Dessauer verstand und beschrieb vor siebzig Jahren hellsichtig die katastrophale Auswirkung, welche die kirchliche Verurteilung Galileis von 1633 für die beginnende Moderne hatte. Ich gebe das letzte Kapitel seine Essays, welches die Überschrift „... Und wir ...?" trägt, im Folgenden verkürzt, unter Einbeziehung einiger Fußnoten, und mit wenigen hie und da notwendigen Kommentaren wieder, einschließlich der Worte, mit denen Dessauers Schrift endet: „Wir Christen - was werden wir tun?"
„Galileis historische Stellung, die eine Zeitenwende einleitet, verdankt er ebenso sehr wie seinen Entdeckungen seinem Schicksal und dem Schicksal der Christenheit, das sich an seines knüpft. Hier soll das Gedenkjahr seines Todes als Ruf zur Besinnung über den Zustand einer offen blutenden Menschheitswunde dienen. Galileis Stellung im Wendepunkt hat ihre Berechtigung aus seinem Kampf, seinem Leiden und Scheitern für eine große Erkenntnis, die nicht ihm allein aufgegangen war.
Er hatte Bekenntnis abgelegt für ein neues Weltsystem, das auch des Erdenmenschen Stellung zu ändern schien. Galileis Prozess hat - trotz des 30jährigen Krieges - die ganze gelehrte Welt in Erregung versetzt. Freund und Feind spürten das Problem, das in Rom verhandelt wurde: Naturforschung, durch Mathematik verstärkt, hat ihre Ergebnisse; die Glaubenslehre hat ihre Quellen, Schrift und Tradition. Wenn nun Ergebnisse der Forschung bisher Geglaubtes verneinen - was dann? Wer entscheidet? Die Bibel sprach vom Lauf der Sonne.
Aber - war das mehr als allgemeiner Sprachgebrauch? Ist die Heilige Schrift maßgebend in Fragen der Naturwissenschaft? Eine kirchliche Lehrentscheidung lag nicht vor.
[Hintergrund der Entscheidung gegen Galilei war] die tief eingewurzelte Denkweise der aristotelisch-ptolemäischen Welt bei Theologen und Laien; die Bedrohung des ganzen darin verwurzelten Gelehrtenstandes, der alle Kräfte zu seiner Verteidigung in Bewegung setzte; die Konsequenzen der neuen Lehre, die aus der Erde ein armseliges Sternchen machte, an einem entlegenen Winkel des Weltalls, um stärkeren Stern herumgeschleudert. Und diese Umwälzung, gegen allen täglichen deutlichen Eindruck - würde sie nicht neuen Glaubensschwierigkeiten Tür und Tor öffnen? Es ist möglich, dass zu diesen Gründen aus der Lage der Dinge noch Gründe aus der Menschennatur kamen: Kränkung, Bitterkeit, Empörung - denn auch Galilei hatte heftig gekämpft."
Was Dessauer hier „die tief eingewurzelte Denkweise der aristotelisch-ptolemäischen Welt bei Theologen und Laien" nennt, bezieht sich auf die Methode der Wissenschaft, und mit „Laien" meint er die theologischen, nicht die wissenschaftlichen Laien. Er meint also gerade die weltlichen Wissenschaftler, die ‚Experten', die es ja gab, ebenso, wie es Wissenschaft immer schon gab. Aber seit das christliche Abendland im 12. und 13. Jahrhundert die aristotelische Philosophie, insbesondere die „Physik" des Aristoteles und die dazu gehörende Wissenschaftslehre rezipierte, dominierte in der folgenden Epoche der Scholastik eine sehr spezielle wissenschaftliche „Denkweise": die hypothetisch-deduktive Methode auf der Grundlage der Logik des Aristoteles. Ich komme darauf zurück.
Im Folgenden zitiert Dessauer aus einem Buch von Gustav Schnürer, „Katholische Kirche und Kultur in der Barockzeit" (1937, S. 612):
„Tief bedauerlich bleiben die damals [von der römischen Kirche] gefällten Entscheidungen, die ganz die Bedeutung der neuen, induktiven Forschung verkannten. Sie schufen bei den Katholiken ein nur zu weit gehendes Misstrauen. Wenn die Päpste damals ihre Gunst wie den Barockkünstlern auch diesen Forschern erwiesen hätten, dann wäre es vielleicht nicht dazu gekommen, dass diese zweite Hälfte der Barockperiode unserer abendländischen Kultur als die Zeit des aufkommenden Rationalismus charakterisiert wird. Leider stand damals nicht, wie bei dem Eindringen der arabischen Philosophie im Mittelalter, ein zweiter Thomas von Aquin auf, der es verstanden hätte, auch die Fortschritte der neuen Wissenschaft so mit dem christlichen Glauben zu vereinen, dass für diesen selbst ein neues Forschen im Dienste des Quelles aller Wahrheit beginnen konnte.
Für die Inquisition war es insbesondere deshalb noch erschwert, der Copernicanischen Theorie irgendeine Beweiskraft zuzuerkennen, weil diese sich auf induktive Forschung stützte, die man nach mittelalterlicher Tradition in so großen, die göttliche Weltordnung berührenden Fragen am allerwenigsten als maßgebend betrachten wollte. Man meinte, vor einer Revolution der Geister auf der Hut sein zu müssen. Die Gefahr wurde viel größer, als man sie sich gedacht hatte. Es sollte der Kirche ein neuer Riesenkampf zwischen Glauben und Wissen bevorstehen, dessen Folgen wir in der Abwendung so vieler Gebildeter von der Kirche überblicken können. In Rom aber hoffte man, mit den Mitteln der Gewalt, durch die man den katholischen Glauben gegenüber der Lehre Luthers und Kalvins in Italien und anderswo verteidigt hatte, auch den neuen Ansturm in katholischen Kreisen leicht abwehren zu können. Man täuschte sich."
Gustav Schnürer kannte ersichtlich die große, ja ausschlaggebende Bedeutung, die (neben der Copernicanischen Lehre) der damals von den Neuerern und von Galilei betriebenen Ablösung der hypothetisch-deduktiven Forschungsmethode scholastischer Wissenschaft durch die neue Methode der (wie er sie nennt) „induktiven Forschung" zukam: Jetzt sollte die Befragung der Natur anstelle der ehemals geübten Befragung der Autorität „des Philosophen" (so nannte man den Aristoteles) über richtig und falsch entscheiden. Die Natur selbst sollte nun zum Beispiel Auskunft darüber geben, ob schwere Körper tatsächlich je nach ihrem unterschiedlichen Gewicht verschieden schnell zur Erde hin fallen, wie die aristotelische Physik das behauptete.
Zu betonen ist, dass dieser Methodenwechsel eine Abkehr von der aristotelischen Logik und ihrer Bedeutung für die Methode der wissenschaftlichen Wahrheitserkenntnis einschloss. Seit der Aristotelesrezeption hatte mehr als vierhundert Jahre lang das als „wissenschaftlich wahr" gegolten, was aus vorausgesetzten Hypothesen formal, mittels der Logik, einwandfrei deduziert wurde. Jetzt aber sollte allein die Natur der Prüfstein und das Bezugssystem sein, an dem gemessen wurde, was richtig, was also „die Wahrheit" ist.
Solange in der Scholastik die Schriften des Aristoteles und die formale Logik das Instrumentarium der wissenschaftlichen Forschung waren, hatte man jeden ernsten Dissens zwischen Glauben und „Wissen" mittels der Lehre von der „doppelten Wahrheit" vermieden: Die logisch-formal erkannte „Wahrheit" war etwas anderes als die Wirklichkeitserkenntnis, die der Glaube und die Bibel lehrten. Als bloßes gedankliches Konstrukt trat sie gar nicht in Konkurrenz zu der „eigentlichen" und „wirklichen", der metaphysischen Wahrheit des Glaubens und seiner Quellen, der allemal die Priorität zukam. Dieser Behelf musste aber versagen, sobald die Wissenschaft sich an der Wirklichkeit der Natur orientierte. Denn hier helfen gelehrte Bücher und die formale Logik gar nicht weiter, sondern nur die genaue Beobachtung und die experimentelle Erfahrung.
Und: Was durch Beobachtung und Experiment als richtig erkannt wird, wie z.B. (durch Beobachtung) die Bewegung der Erde im Raum, und (durch Experiment) die unabhängig vom Gewicht gleiche Fallgeschwindigkeit aller schweren Körper im Vakuum, war nicht ein formallogischer, hypothesengestützter Schluss, sondern eine Tatsache (ganz gegen die Logik!) - und die wirkliche Wahrheit. Dieser natürlichen Wahrheit gegenüber war nun gänzlich belanglos, was irgendeine Autorität, was vielleicht Aristoteles selbst über dieses Problem geäußert hatte - und auch, was darüber etwa in der Bibel geschrieben stand.
Damit konnte nun aber ein echter Konflikt zwischen „Glauben" und „Wissen" aufbrechen, wenn man einer nach neuer Methode erkannten „Tatsache" das gegenüberstellte, was die Bibel (wirklich oder scheinbar) zu derselben Frage Abweichendes sagt. Genau dies geschah im „Fall Galilei". Es gibt die biblische Geschichte vom Feldherrn Josua, auf dessen Bitten hin Gott die Sonne stillstehen ließ, um den Tag zu verlängern, damit Josuas Heer die fliehenden Feinde länger verfolgen konnte. Hieß das nicht, dass die Sonne über den Himmel vom Morgen zum Abend wandert, wie man es ja mit Augen sehen kann? Dass sie sich um die Erde bewegt, es sei denn, Gott befiehlt ihr stillzustehen? Galilei aber behauptete, dass es die Erde ist, die sich um die Sonne bewegt.
Um nun den Konflikt zu vermeiden, ignorierte Kardinal Bellarmin, als er Galilei 1616 erstmals ermahnte, die neue Wissenschaftsmethode, und verpflichtete den Galilei, wie es scholastischer Brauch war, im Sinne der Lehre von der „doppelten Wahrheit" die Copernicanische Sichtweise „lediglich als wissenschaftliche, logisch-mathematische Hypothese" zu lehren, d.h. ohne gegen die Bibel die Bewegung der Erde als „Tatsache" und „wirkliche Wahrheit" zu behaupten.
Das konnte freilich Galilei nicht dauerhaft hindern, seinem mit dem Wahrheitsanspruch untrennbar verbundenen wissenschaftlichen Ethos zu folgen, weil eben die neue Copernicanische Lehre nicht auf einer Hypothese beruhte, sondern auf Beobachtung und Erfahrung der Natur.
Gustav Schnürer, wie oben zitiert, bedauert, dass in dieser historischen Situation „nicht ein zweiter Thomas von Aquin" aufstand, der, so wie dieser „beim Eindringen der arabischen Philosophie im Mittelalter", den Fortschritt der Wissenschaft im Geist des Dienstes an der Wahrheit mit dem christlichen Glauben vereint hätte. Hierzu muss aber gesagt werden, dass die besagte „arabische Philosophie", die im 12. und 13. Jahrhundert in das christliche Europa eindrang, im Wesentlichen aristotelische Logik, Methodenlehre und Naturphilosophie war, vermengt mit islamischem Gedankengut.
Eben diese Logik, Methode und hypothetisch-deduktive Naturlehre hat freilich Thomas von Aquin keineswegs mit dem christlichen Glauben „vereint". Er übernahm sie vielmehr mit dem „Corpus Aristotelicum" als im Wesentlichen unveränderte Instrumente der nominalistisch-scholastischen Naturwissenschaft. Nur deshalb konnte es geschehen, dass ab dem 13. Jahrhundert in den christlichen wissenschaftlichen Bildungsstätten Aristoteles als „der Philosoph" schlechthin galt, dessen Autorität alles überragte - auch die Natur, die göttliche Schöpfung selbst.
Und das aristotelisch-scholastische wissenschaftliche Werkzeug, nämlich Logik, hypothetisch-deduktive Methode und aristotelisch-islamische Schriften, insbesondere die „Physik", war genau das, was die realitätsferne scholastische Philosophie auch zu Zeiten Galileis kennzeichnete. Die scholastische Methode bestimmte und prägte alles, was von Kardinal Bellarmin sowie überhaupt von den kirchlichen und weltlichen Gegnern der „nuova scienza" gegen den Wahrheitsanspruch Galileis und seine neue Wissenschaftsmethode und Erkenntnislehre ins Feld geführt wurde. Die Scholastik bestimmt und prägt auch heute noch sowohl die Methodenlehre der Wissenschaft, als auch das Wissenschaftsverständnis z. B. der katholischen Kirche. Das zeigt sich, wo Kardinal Schönborn die Gründung der Wissenschaft auf die materialistische Hypothese, den sogenannten „methodischen Materialismus", als „saubere naturwissenschaftliche Methode" rühmt (in seinem Buch „Ziel oder Zufall", Freiburg i. Br. 2007, S. 45), und wo der vatikanische „Galilei-Experte" Kardinal Brandmüller gegen den Wahrheitsanspruch Galileis sogar die relativistische Hypothese der modernen Physik von der Gleichberechtigung aller Bezugssysteme bemüht, die jeden „absoluten" Wahrheitsbezug zerstört („Der Fall Galilei und andere Irrtümer", S. 170 f., wie oben zitiert).
Wer und was trägt „Schuld" für diese Entwicklung? Niemand anderer als „die Kirche" trägt diese Schuld - die Kirche, die in der Person Galileis jede Wahrheitssuche außerhalb der Bibel verurteilte; die Kirche, die als damals größter und weltweiter Träger des Bildungswesens alle Wissenschaft auf die traditionelle wahrheitsferne scholastische Methode verpflichtete. Tatsächlich bewirkte dies die Säkularisierung der Wissenschaft wie schon in der Scholastik, ab dem 13. Jahrhundert, wo eben diese neue Methode die Rezeption der heidnischen, aristotelisch-islamischen „Physik" im christlichen Abendland beförderte, die als andere, „säkulare" und eben hypothetische Wahrheit neben bzw. außerhalb der Wahrheit des Christentums angesiedelt wurde (die Lehre von der „doppelten Wahrheit").
Wie damals viele diesen Prozess als „Befreiung" der Wissenschaft von klerikaler Bevormundung verstanden, so feiert man auch seit dem 18. Jahrhundert die Säkularisierung wieder als „Emanzipation der Wissenschaft". Es war aber in beiden Fällen eine Emanzipation von der Wahrheit, von der Suche nach der Wahrheit, und von dem Ethos, das aus der Wahrheitssuche folgt. Und an dem, was danach kam, war in beiden Fällen die Amtskirche schuld. Auf ihr Konto, auf das Konto der kirchlichen Rezeption der heidnischen Philosophie des Aristoteles, geht ab dem 13. Jahrhundert die Verwandlung der Wissenschaft in ein autoritätshöriges, realitäts- und also wahrheitsfernes, hypothesengestütztes Sprachspiel namens „Nominalismus".
Jetzt erst mutiert das Christentum, mit Inquisition (ab ca. 1220), Katharerverfolgung und -ausrottung (13. und 14. Jahrhundert), Hexenwahn (ab dem 14. Jahrhundert), demonstrativer Ketzerverbrennung (Johannes Hus, 1415, einer von Tausenden), gewaltsamer „Christianisie-rung" der Neuen Welt (ab dem 16. Jahrhundert), zu einer gewalttätigen Weltmacht wie der Islam. Nicht im „finsteren Mittelalter", wie man die Kinder glauben macht, sondern ganz in der neuen Zeit. Jetzt ist der abhanden gekommene persönliche Gott der Amtskirche lästig und wird verborgen, wenn der „deus absconditus" sich ganz unerwartet doch zeigen möchte (wie in Dostojewskis Geschichte von Großinquisitor). Jetzt sucht auch Martin Luther zu Beginn des 16. Jahrhunderts verzweifelt den persönlichen, den „gnädigen Gott". Und jetzt geschieht die Katastrophe der Kirchenspaltung. Gegenreformation und scholastische Restauration können die Erosion des Christentums nicht aufhalten, trotz oder gerade wegen der fortdauernden unchristlichen Bemühungen der Amtskirche, sie durch Gewalt (Verbrennung Giordano Brunos 1600, Verurteilung Galileis 1633), Verbot (Index verbotener Bücher, ab 1559) und Glaubenskrieg (1618-1648) zu verhindern. Auf der Seite des Weltwissens geht aber, ebenso wie der intellektualistische Nominalismus der Scholastik ab dem 13. Jahrhundert aus der Auseinandersetzung mit dem Aristotelismus, jetzt aus dem Kampf der Kirche gegen die natürliche Wahrheit ab dem 17. Jahrhundert in den privilegierten Gelehrtenzirkeln die neuscholastische, wiederum nominalistische, wieder als abgehoben-intellektualistisches Spiel mit Büchern von Autoritäten, mit Meinungen und mit der Sprache geübte „emanzipierte Wissenschaft" hervor.
Und wiederum bleibt, wie ab dem 13. Jahrhundert, die Rückwirkung auf das Christentum selbst nicht aus. Unter der Bezeichnung „Deismus" kehrt im 18. Jahrhundert mit der Cartesisch-Leibnizisch-Kantischen Wissenschaftslehre das scholastische Bild des „deus absconditus" wieder, und die „Uhrwerksmetapher", und der Determinismus, der dem Menschen die Freiheit des Willens nimmt. Zwar - ein Isaac Newton tritt dieser Entwicklung in den Weg, kämpft für den gegenwärtigen Gott, den sein philosophischer Antipode Leibniz erneut zu einer scholastischen Hypothese, zu einer „intelligentia supramundana" machen will, zu einem außerweltlichen Gedanken. Aber es nützt nichts.
Kirchliche Experten, Jesuiten und Minoriten, wirken dahin, dass Newtons Natur- und Gotteslehre in eine materialistische und deterministische, hypothetisch-deduktiv operierende Wissenschaft verfälscht wird, in der jener Gott, von dem zu reden nach Newtons Worten unbedingt zur Wissenschaft gehört, gleichfalls nur eine „Hypothese" sein soll. Eine Hypothese, die überdies alsbald für überflüssig erklärt wird (Laplace, ca. 1811 zu Napoleon: „Je n'avais pas besoin de cette hypothèse là") - freilich nur vor dem Hintergrund der streng deterministischen Kant-Laplaceschen Kosmologie, in der alle Veränderung sich „von selbst" ereignen soll.
.... Und die materialistischen Wissenschaftler im Gefolge von Descartes, Leibniz und Kant greifen das alles freudig auf, schieben Newton den Deismus und die „Uhrwerksmetapher und machen den so „atheistisch gewendeten" Newton zu ihrem Heros! Und produzieren seither zwar als Techniker die staunenswertesten Dinge. Aber als Denker im Elfenbeinturm, die es als ihre Aufgabe sehen, „to invent new theories" (Stephen Hawking), d.h. neue Hypothesen zu erfinden, produzieren sie ohne Ende „conjecturae et probabilia" (Newton), Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten, „conjectures and refutations" (Karl Popper), Vermutungen und Widerlegungen - aber keine Wahrheit.
Im Weiteren bezieht Dessauer „die heutige Wirtschaft, das ganze Flechtwerk von Produktion, Handel, Verkehr, Konsum, Finanz, und die ganze große Kaufmannschaft" mit ein:
„So ward die Entwicklung der Wirtschaft in die Gottesferne der Naturwissenschaft und Technik mit einbezogen - im gemeinsamen Siegeslauf des Maschinenzeitalters. Während Adam Smith noch die Eigengesetzlichkeit der Wirtschaft auf das Walten Gottes zurückgeführt hatte, wurde in der Folge, dem Zeitgeist entsprechend, die Lehre immer mehr mechanisiert, fiel der Aufklärung anheim; ein Arm ihres Deltas, der marxistische Sozialismus mit seiner materialistischen Geschichtsauffassung, wurde zu einer Art Ersatzreligion für das Proletariat. So müssen wir zu dem Riesenheer der ‚Söhne der Technik' die gewaltige Armee der Diener der Wirtschaft hinzurechnen, die wirksam der Säkularisation des Naturdenkens ebenso anheimfielen wie die anderen Opfer der Verstoßung der natürlichen Offenbarung aus Heimatraum und Verbundenheit.
Die Metaphysik, die Frage nach den Gründen des Seins und des Wesens, nach den Quellen, verstummte. In meiner Studienzeit rief der Name schon Abwehr, ja Lachen hervor. Vorwärts zu drängen war allein geachtet, den ‚Fortschritt' zu pflegen allein erstrebt. Was sollte Besinnung? Die alte Zeit hatte sich, schien es, mit dem Besinnen allzu lange aufgehalten.
Nun, in der Neuzeit, war Naturwissenschaft auf sich selbst gestellt. Sie musste allein fertig werden, und siehe da, es ging, ausgezeichnet sogar, da man die Frage nach Ursprung und Ziel ausgelöscht (hatte) und die Sachen, einschließlich der Wirtschaft, nach ihrer eigenen Art pragmatisch handhabte.
Hört jemand von ihnen allen, den Männern der Technik, Medizin und Wirtschaft, in ihren hohen oder niederen Schulen je ein Wort von Gott? Einstmals war es ganz anders. Naturwissenschaft war Bemühen um die Offenbarung Gottes in der Natur, um ‚natürliche Offenbarung', Augustinus sagte es. Bei Augustinus schon ist die frei geschaffene Welt Darstellung göttlicher Fülle und Herrlichkeit und das Alltäglichste ist das Wunderbarste: es geht aus dem Wirken unsichtbarer Kräfte hervor. In der ‚Augustinischen Beschauung' sieht der Mensch, der Gott selbst nicht sehauen kann, auf Gottes Werke, die den Schöpfer verkünden. So wird Gottes schöpferisch erhaltendes Dasein zum Wissen. Diese durch das Galilei-Unglück verlorengegangene Einheit der Schau und Haltung, die der menschlichen Natur wohl allein entspricht - hier ist sie tief erkannt und wunderbar ausgedrückt."
Wissenschaft als „Bemühen um die Offenbarung Gottes in der Natur": das war Galileis „nuova scienza". Deshalb schreibt er schon 1613, in dem bekannten Brief an Benedetto Castelli, dass die „beiden Wahrheiten" des Glaubens und der Wissenschaft „niemals einander widersprechen können, da die Heilige Schrift und die Natur gleichermaßen dem göttlichen Wort entspringen, jene als diktiert vom Heiligen Geist, diese als getreue Vollstreckerin der Anordnungen Gottes."
Hierher gehört auch, was man in Isaac Newtons „Principia" lesen kann, in der zweiten Ausgabe von 1713, in der dortigen Einführung des Herausgebers Roger Cotes: „Auf keine andere Weise konnte wahrlich diese Welt entstehen, die durch die schönste Vielfalt der Formen und Bewegungen geschmückt ist, als aus dem vollkommen freien Willen Gottes, der alles vorhersieht und lenkt. Aus dieser Quelle sind also die sogenannten Naturgesetze geflossen, in denen wahrhaftig viele Zeichen weisester Überlegung, aber keine des unausweichlichen Zwangs [d.h. von „Zufall und Notwendigkeit"] sichtbar werden. Daher müssen wir diese Naturgesetze nicht aus ungewissen Vermutungen [d.h. aus Hypothesen] folgern, sondern durch Beobachtung und Experiment erlernen. Wer glaubt, er könne die Grundlagen der wahren Physik und die Gesetze aller Dinge allein im Vertrauen auf die Kraft seines Verstandes [d.h. logisch] und auf das inwendige Licht der Vernunft [d.h. anthropozentrisch] erkennen, der muss entweder behaupten, dass die Welt aus unausweichlichem Zwang schon immer bestanden habe, und dass die formulierten Gesetze aus demselben unausweichlichen Zwang sich ergeben, oder dass, wenn die Ordnung der Natur durch den Willen Gottes entstanden sein sollte [„deistisch" gedacht, also „am Anfang aller Zeiten", ohne fernere Lenkung durch Gott], dennoch er, der armselige Zwerg, den vollen Durchblick habe, was am besten geschehen solle [z.B. nach dem Leibnizschen Prinzip, nach dem nur das „ist" und „geschieht", wofür die menschliche Vernunft einen „hinreichenden Grund" erkennt]. Jede vernünftige und wahre Philosophie gründet sich auf die Erscheinungen der Dinge. Wenn diese uns sogar gegen unseren Willen und gegen unser Widerstreben [d.h. auch: gegen die „Logik"] zu derartigen Grundlagen führen, in denen der unübertreffliche Ratschluss und die väterliche Herrschaft des weisesten und mächtigsten Wesens auf das Deutlichste erkennbar werden, so werden diese Grundlagen nicht schon deshalb verlassen werden dürfen, weil sie vielleicht später einmal gewissen Leuten weniger in den Kram passen. Für solche möge alles, was ihnen nicht passt, Wunder oder verborgene Qualitäten heißen; aber diese in boshafter Absicht verliehenen Bezeichnungen darf man nicht den Dingen selber zum Vorwurf machen. Es sei denn, sie wollen letztendlich mit dem Geständnis herausrücken, dass nach ihrer Ansicht die Philosophie auf den Atheismus [als methodisch tragende Hypothese! „Methodischer Materialismus" als „saubere Methode" (Kardinal Schönborn)!] gegründet werden müsse. Um dieser Leute willen wird man die Weltordnung nicht umstürzen müssen, weil ja die Weltordnung nicht die Absicht hat, sich zu ändern. Also wird sich vor urteilsfähigen und gerechten Richtern die vorzüglichste Methode des Philosophierens durchsetzen, die ihre Grundlage in Experimenten und Beobachtungen hat... So dürfen wir jetzt die Majestät der Natur näher anschauen und in der angenehmsten Betrachtung genießend verweilen. Den Schöpfer und Herrn der Welt aber können wir noch inbrünstiger anbeten und verehren, welches die bei weitem reichste Frucht der Philosophie ist. Blind müsste sein, wer aus der besten und weisesten Einrichtung der Dinge nicht sogleich die unendliche Weisheit und Güte des allmächtigen Schöpfers erkennen würde, und von Sinnen, wer dies nicht bekennen wollte."
Dessauer schlägt den Bogen von Augustinus über Albertus Magnus zu Giordano Bruno: „Für sie alle war der Naturforscher ein Gottsucher. Dann aber wurde - o unseliges Missverständnis - die natürliche Offenbarung aus den Heimstätten verjagt. Und da ihr Ursprung nicht mehr zu sehen war, musste er vergessen werden. Die Resultate der Forschung strömten reicher denn je, aber sie blieben allein stehen, ohne Hintergrund, wie wenn sie aus sich selbst wären. Das ist die Säkularisation der natürlichen Offenbarung zum mechanischen Materialismus. Vergessen wir nicht: nach dem Urteil und der Indizierung mit ihren Begründungen konnte man nur noch im Gegensatz zur Meinung hoher kirchlicher Autoritäten Naturforscher sein - praktisch also im Widerspruch zur Kirche. Wer je die Schulen der Naturwissenschaft und Technik und Wirtschaft durchlief, weiß von dieser Gottesferne. Naturforscher ist nicht [mehr] Gottsucher!"
Etwas genauer kann man hier sagen, dass im Machtbereich der Kirche, die - als Warnung für alle! - den Galilei verurteilt hatte, Naturforschung eben nicht als Wahrheitssuche und Gottsuche in der Natur betrieben werden konnte, sondern nur auf die hypothetische scholastische Weise. Wiederum erkennt man hier, dass das kirchliche Urteil gegen Galilei und das Verbot seiner Schriften ursächlich war (und ist) für die Verbannung der neuzeitlichen Naturwissenschaft in die Wahrheits- und Gottesferne (was in dem hier relevanten Sinn ein und dasselbe ist). Diese Säkularisierung geschah ganz und gar nicht zwangsläufig und sozusagen „von selbst", sondern deshalb, weil es der Kirche im Zuge der Gegenreformation und mit dem Galilei-Urteil nachhaltig gelang, die Wissenschaft auf einen „neuscholastischen" Kurs zu bringen, d.h. sie wieder auf die Logik des Aristoteles und auf die hypothetisch-deduktive Methode zu verpflichten.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dies im Zug der „Aufklärung" von einem freiwilligen Rückzug der Wissenschaft aus der Wirklichkeit in das Reich des bloß Möglichen, Wahrscheinlichen oder Plausiblen begleitet wurde. Dies hängt damit zusammen, dass in weiten Teilen Europas - Frankreich und Preußen voran - die Wissenschaft der „Aufklärung" sich nicht auf Galilei und Newton, sondern auf Descartes und Leibniz berief und bezog. Deren Naturlehre war aber eine (von der Kirche und besonders den Jesuiten getragene und geförderte) der Methode nach scholastisch-hypothetische, der Sache nach materialistische Lehre, weswegen insbesondere Isaac Newton sie heftig bekämpft hatte (der Streit mit Leibniz, in dem es nur vordergründig um Prioritäten ging, gehört hierher).
Dennoch setzte sie sich speziell in Preußen und Deutschland durch, so dass sie bis heute die wissenschaftliche Arbeitsweise weltweit bestimmt. Der Umstand, dass - anders als in der Scholastik - diese Methode jetzt durch eine Prüfung an Experiment und Erfahrung ergänzt ist, und dass jede Hypothese, die diese Prüfung nicht besteht, ggf. verworfen wird, ändert so gut wie nichts. Denn das so erworbene positive Wissen beruht auch hier allemal nur auf einer Hypothese, und es macht die Sache nicht besser, dass dieses Wissen, um als „wissenschaftlich" akzeptiert zu werden, ausnahmslos „falsifizierbar", d.h. widerlegbar sein muss, so dass es bestenfalls „plausibel" ist, und immer nur vorläufig sein darf, aber niemals „wirklich wahr".
Und weil die wirkliche Wahrheit niemals widerlegbar sein wird, so fehlt ihr wohl - in dieser wissenschaftsmethodischen Sicht - das wesentliche Kriterium der „Wissenschaftlichkeit", weshalb denn auch in der Wissenschaft heute „die Wahrheit" ebensowenig gilt wie Gott, und der Wissenschaftler ebensowenig von der „Wahrheit" seiner Erkenntnisse sprechen darf wie vor 400 Jahren Galileo Galilei. Tut er es doch, so muss er mit Sanktionen rechnen, durchaus vergleichbar denen, die gegen Galilei verhängt wurden: nämlich mit Verunglimpfung und Boykott seiner Arbeit, bis hin zur Ächtung durch die scientific community, die hier längst die Tugendwächterrolle übernommen hat, die ehemals den Kirchen zukam - und nicht nur diese Rolle.
Isaac Newton würde heute als unwissenschaftlich geächtet werden. Von ihm stammt das programmatische Wort „hypotheses non fingo". Das heißt: Ich denke mir keine Hypothesen aus. Es schlägt der heutigen Wissenschaftslehre ins Gesicht. Newton wusste, dass der erkenntnistheoretische Status einer hypothetisch begründeten Lehre kein anderer ist als der irgendeines Märchens.
Roger Cotes formuliert das so: „Von denjenigen, die die Grundlage für ihre Überlegungen aus bloßen Hypothesen nehmen, wird man auch dann, wenn sie im Weiteren genauestens nach mechanischen Gesetzen vorgehen, sagen müssen, dass sie ein Märchen, wohl ein geschmackvolles und reizendes, aber eben doch nur ein Märchen zusammenreimen."
Friedrich Dessauer beschwört nun eine Utopie. „Wäre es nicht möglich", fragt er, „so zu denken: In der Periode, da die Menschen ohne Besinnung, ohne Glauben (daran irre geworden) auf sich selbst gestellt zu forschen und zu gestalten unternahmen, sind sie weit in die Natur eingedrungen. Und nun packt sie diese Schau an, mit der Frage nach dem Sein, den Wesen, dem Urgrund, dem Gemeinsamen. Sie sind auf die göttliche Sphäre gestoßen. Hatte es mehr als zwei Jahrhunderte nach dem Galileiunglück geschienen, als reiße jede neue Erkenntnis ein Stück des Glaubensgutes nieder, als werde die alte Mutter, die Kirche, deren Hüter die Forscher [die Wahrheitssucher!] verscheucht hatten, täglich gedemütigt, besiegt, zurückgedrängt, so werden die nun gereiften Geister von neuer Sehnsucht nach dem Sinn erfüllt. Glaube, Vertrauen muss ja doch einstehen, wo lebenslanges Suchen stillsteht vor den der menschlichen Ratio unerreichbaren, aber doch vor Augen liegenden Tiefen. Glaube jenseits des Wissens, im Besitz des ungeheuren Reichtums, Glaube aus Wissen, wie viel größer, stärker, erleuchteter, totaler wäre er doch!"
Ich habe schon vor langer Zeit für mich selbst diese Position in die Formel „Credo quia Veritas" gefasst: Ich glaube, weil es die Wahrheit ist: „Glaube aus Wissen", wie Dessauer schreibt; wahre Vernunfterkenntnis der Wirklichkeit als Grundlage der christlichen Religion, wie Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) es lehrt. Die Wahrheit, die allein in der geschaffenen Natur, in der Schöpfung also zu finden ist, ist das widerspruchsfreie feste Fundament einer vernünftigen Glaubenshaltung oder Religion. Isaac Newton drückt etwas ganz Ähnliches aus, am Ende der „Query 31" in seinem „Treatise of the Reflexions, Refractions, Inflexions and Colours of Light" (der sogenannten „Optik"), welches ein Buch über „Elektromagnetik" ist, insofern eben Licht" ein Gegenstand dieser Wissenschaft ist.
Newton schreibt: „And if Natural Philosophy in all its parts, by pursuing this method, shall at length be perfected, the bounds of Moral Philosophy will also be enlarged. For so far as we can know by Natural Philosophy what is the First cause, what power he has over us, and what benefits we receive from him, so far our duty towards him, as well as that towards one another, will appear to us by the light of Nature." Das heißt: Die natürliche Philosophie lehrt die Wirklichkeit Gottes des Schöpfers, und aus dieser wissenden Erkenntnis wächst mit der Einsicht in dessen Macht und Güte durch das „Licht der Natur" das sittliche und religiöse Bewusstsein für die Pflichten, die wir ihm und anderen schulden.
Aber diese Vision war schon damals Utopie, und sie blieb es. Die „natürliche" Philosophie wurde nach Newtons Tod im Laufe des 18. Jahrhunderts im Zuge der „Aufklärung" im Keim erstickt. An ihrer Stelle erstand die Scholastik neu, die Trennung der religiösen von der wissenschaftlichen „Wahrheit", zum Nachteil und zum Schaden der Religion ebenso wie der Wissenschaft, oder, genauer gesagt, der Menschen, die hier wie dort wieder in wahrheitsfernen Dogmen und Gedankensystemen gefangen sind, welche dort blind zu glauben sind, während sie hier nur von erfundenen materialistischen Hypothesen („Urknall", „schräge Löcher", „Selbstevolution der Materie") und von der Autorität ihrer Erfinder getragen werden.
Dessauer beendet seinen Essay mit einem apokalyptischen Ausblick:
„Auf dem weiten Weg der Kirche durch eintausendneunhundert Jahre ist ihr viel Schmerzliches widerfahren: Verfolgung, Leid, von innen und außen. Aber - so viel ich sehe - nur drei wirkliche Katastrophen waren ihr auferlegt. Das griechische Schisma, die Kirchenspaltung der Reformation, und die Säkularisierung der natürlichen Offenbarung. Der dritte Abgrund geht mitten durch alle Völker.
Denn in einer Richtung soll der Mensch in die Welt, in die Menschheit, und durch beide auf Gott den Schöpfer blicken. So hatte es begonnen. So schlecht ihre Naturforschung war, das war richtig bei den Alten gewesen: Der Naturforscher ist ein Gottsucher. Nun ist es geändert worden. Der Materialist meint in eine Richtung zu schauen und zu schreiten - ‚wo der liebe Gott nichts zu suchen hat'. Geisteshaltung, Ideen sind es, die Menschengeschichte gestalten. Ereignisse eines Zeitalters entstammen dem Denken eines vorausgegangenen. Zerspaltet ein Geschlecht die Einheit der geistigen Haltung zu Gott und Welt, so mag ein folgendes, der Richtung verlustig, sich hadernd zerfleischen.
Die Berufsstände, die die Natur erforschen und nützen, die größten in den zivilisierten Ländern, sind so, dem Mittagsdämon verfallen, in Gottesferne gewandert, haben die Heimat verloren, hören über dem Schrei des Erfolges den Ruf des Berufes nicht mehr. Ihre Völker, im neuen Denken bewandert, häufen Erfolge, werden in Methode, Werkzeug und Waffe zu Meistern der Stunde, zu Giganten des schnellen Vollzugs. Hierauf vertrauend und bedacht stürmen sie, des Signals der geistigen Einheit in Sinn und Ziel, des Zeichens der Gottesidee verlustig, im Nebelabend der ephemeren Ideologien aufeinander, hoffend, selbst auf Trümmern und Leichenfeldern das Signal des Erfolges aufzurichten. Auch die Widerstrebenden, die noch Sterne sehen, sind von dem Strudel bedroht. Der aber zieht gurgelnd und zischend seinen Taumelweg näher zur mitternächtlichen Düsterkeit. –
Wir Christen - was werden wir tun?"