Internet-Veröffentlichung internet publication 2026
Ed Dellian
Hypotheses non fingo
Isaac Newton zum dreihundertsten Todestag
1727–2027 – Was Isaac Newton heute sagen würde ….
Über Physik als Geisteswissenschaft
Über die Fiktionalität des Weltbilds der Moderne
Über die realistische Naturphilosophie Isaac Newtons
Inhalt:
I Über „Physik" als Geisteswissenschaft.
II Was würde Isaac Newton heute sagen …
III Zur Einführung in Isaac Newtons experimentelle Naturphilosophie
IV Die Sprache der Natur und die märchenhafte Erfindungskraft der menschlichen Vernunft.
V Bewegungslehre und Philosophie
VI Exkurs
VI.1: Die Quantisierung der Gravitation, bewiesen aus der Erfahrung, oder: Wie theoretische Physiker ihre „wissenschaftlichen Probleme" selbst erzeugen. „There's a hole in the bucket"
VI.2: Die Lehre vom „Zentralkörper", und wie die allgemeine Relativitätstheorie Einsteins auch hieran scheitert.
VII „Hypotheses non fingo"
Anhang:
I Isaac Newton, Principia, Vorwort (1686)
II Roger Cotes, Vorwort des Herausgebers (Principia 1713), Auszug
III Isaac Newton, Definitionen und Axiome (Principia 1687)
IV Isaac Newton, Principia 1687, Buch III, Vorwort (Über das Gefüge der Welt)
V Isaac Newton, Principia 1687, Buch III, Leitsätze des Philosophierens
VI Isaac Newton, Principia 1713 Buch III, Scholium generale
VII Isaac Newton, Opticks (1717) Query 31; Auszug.
VIII Albert Einstein: Newtons Mechanik und ihr Einfluss auf die Gestaltung der theoretischen Physik (1927).
I Über „Physik" als Geisteswissenschaft
Im Nachfolgenden stelle ich infrage, was bisher niemand infrage gestellt hat: Ist die moderne Physik wirklich „Naturwissenschaft"?
Ausgelöst wird dies durch eine aktuelle Publikation der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG): die umfangreiche, anspruchsvoll ausgestattete, 2025 erschienene Denkschrift „Physik: Erkenntnisse und Perspektiven", abgekürzt PEP. In diesem Kompendium findet man, was man in Lehrbüchern und Monographien zur Physik nicht findet: das ungefilterte Selbstverständnis der modernen Physiker, Repräsentanten einer Wissenschaft, die von sich behauptet, sie sei „die" Wissenschaft von der Natur schlechthin und „eine der größten Errungenschaften der Menschheit" (PEP S. 1).
Handelt die Physik „von der Natur"? Das Kompendium PEP gibt allen Anlass, das zu hinterfragen - und zu bezweifeln. Denn allzu sehr stellt es in triumphalistischer Weise nicht „die Natur", sondern die Physik in den Mittelpunkt. Sie, die Wissenschaft, repräsentiert durch die „Scientific Community" der Physikerinnen und Physiker, erscheint hier als Quelle und Träger aller positiven Errungenschaften des wissenschaftlich-technischen Zeitalters. Rund 240 Fachleute aus allen Gebieten der Physik stellen sich in PEP selbst dar, als „Mitwirkende", namentlich und mit ihrer Zugehörigkeit zu Universitäten und Institutionen des organisierten Wissenschaftsbetriebs im Anhang des Werkes aufgeführt. Physikerinnen und Physiker erscheinen als Garanten des Fortschritts auf dem bisher eingeschlagenen Weg in eine immer bessere Zukunft. Und das in einem Buch, welches im Übrigen jeden Hinweis darauf vermissen lässt, aufgrund welcher wissenschaftlichen Arbeiten die „Mitwirkenden" nachvollziehbar legitimiert erscheinen, für ihr jeweiliges Arbeitsgebiet zu sprechen. Ungenannt bleiben aber auch alle Arbeiten von Gelehrten, die seit Galileo Galilei und Isaac Newton bis heute der Naturwissenschaft den Weg gewiesen oder diesen maßgeblich gestaltet haben.
Der nachdenkliche Leser bezweifelt, dass den weltweit unübersehbaren Zerstörungen der Natur durch Wissenschaft und Technik auf solcher Grundlage wirksam zu begegnen sein könnte. Ist es zum Beispiel vernünftig, mit dem Slogan „Listen to the Scientists" Wissenschaftler ohne Weiteres als Führer aus den Problemen der jahrhundertealten wissenschaftlich-technisch-industriellen Umweltzerstörung in Anspruch zu nehmen – oder macht man damit nicht vielleicht den Bock zum Gärnter?
Deshalb soll im Rahmen dieser meiner Gedenkschrift zu Newtons dreihundertstem Todestag und in Reaktion auf die Publikation PEP geklärt werden, was es eigentlich mit dem Nimbus auf sich hat, der die moderne Wissenschaft trägt, und der hinter der Forderung „Listen to the Scientists" steht. Und ich stelle das Ergebnis als These voran:
Physik heute: Das ist in Wahrheit der Anspruch der menschlichen Vernunft, die Natur, die Realität, die Welt, in der wir leben, nach Prinzipien eben dieser Vernunft zu beherrschen, ohne Gedanken daran, ohne Wissen davon, und ohne Rücksicht darauf, dass die Natur eine uns vorgegebene, geschaffene Ordnung darstellt, die eine eigene Vernunft hat und eine Sprache, ohne deren Kenntnis man nur darin herumirrt wie in einem dunklen Labyrinth (Galileo Galilei, 1623): eine Sprache, die allein uns sagen kann, wie wir dauerhaft in Frieden in und mit dieser Natur leben können.
Kennen die Personen, die die Schrift PEP zusammengestellt haben, die authentische „Sprache der Natur"? Oder kennen sie nur die menschengemachte arithmetisch-analytische Mathematik, die „Sprache der Physik", welche in dem PEP-Beitrag „Mathematik als Sprache der Physik" als „die" Mathematik verstanden und fälschlich mit der Geometrie identifiziert wird, die Galileo Galilei vor vierhundert Jahren als die Sprache erkannte, in der das „Buch der Natur" geschrieben ist; deren Buchstaben nicht „Zahlen" sind, sondern „Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren", wie Galilei nachwies? Was rechtfertigt es, diese Galileische Erkenntnis kurzerhand für die Moderne und ihre so ganz andere, arithmetisch-analytische Mathematik in Anspruch zu nehmen, als angeblich „wegweisend für die bahnbrechenden Fortschritte im Verständnis der modernen Physik" (wie es in dem genannten PEP-Beitrag auf S. 17 heißt) – obwohl doch diese moderne Physik einer „Kopernikanischen Wende" zuzurechnen ist, mit der die neue Wissenschaft sich vor rund zweihundertfünfzig Jahren von ihren Quellen lossagte, gerade was „die Mathematik" betrifft, die nun nicht mehr natürliche Geometrie sein sollte, sondern eine rationale, analytische menschliche Kunst?
Wissen die „Mitwirkenden", was zum Beispiel Immanuel Kant schrieb, der Urheber jener Idee, die Wissenschaft von den Füßen auf den Kopf zu stellen, 1787, genau einhundert Jahre nach dem Erscheinen von Isaac Newtons Methodenlehre der experimentellen Naturphilosophie, über die empirische Methode der neuen Naturwissenschaft?
„Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht, was er sich zum Voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht hatte, tragen ließ … , so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber, sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muss mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, dass sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen lässt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat sogar die Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfall zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muss, und wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. Hierdurch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viele Jahrhunderte hindurch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war."
(Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, zweite Ausgabe 1787, Vorrede).
Was wollte der Philosoph damit behaupten bzw. kritisieren?
Kant behauptet, Galileo Galilei und Evangelista Torricelli hätten zum Beweis, dass alle Körper unabhängig von ihrem Gewicht aus gleicher Höhe gleichschnell zu Boden fallen, dieses Versuchsergebnis durch die Auswahl der Versuchsbedingungen (Gewicht der Kugeln, Galilei; der Wassersäule, Torricelli) vorab selbst festgelegt. Anders gesagt: Kant behauptet, mit diesen Kugeln und mit dieser Wassersäule habe dieses Versuchsergebnis zwingend eintreten müssen.
Heißt das aber, dass mit anderen Kugeln ein anderes Ergebnis erzielt worden wäre? Dass also die Fallgeschwindigkeit entgegen der Annahme Galileis und Torricellis nicht unabhängig vom Gewicht der fallenden Körper sei?
Kant stellt zwar fest, dass die Forscher die Gesetzmäßigkeit des freien Falles selbst konstruiert haben. Er zieht aber daraus nicht den Schluss, Galileis Fallgesetz sei nicht bewiesen bzw. gar falsch. Vielmehr sieht er die Forscher methodisch durchaus auf dem richtigen Weg. Sie hätten nämlich (wie er schreibt) verstanden, „dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt", und hätten gemäß dieser Einsicht folgerichtig gehandelt.
Das heißt aber, dass die Vernunft keine andere Erkenntnisquelle hat als sich selbst, bzw. dass es andere Quellen der Erkenntnis als die menschliche Vernunft nicht gibt. Infolgedessen kann der Naturforscher, so Kant, Gesetzmäßigkeiten wie das Fallgesetz nur in sich selbst finden bzw. er-finden. Die Möglichkeit, ein solches Gesetz „draußen" zu entdecken, scheidet demnach aus. Es gibt dann keine Realität „da draußen" mit einer rationalen Ordnung, die der Mensch entdecken könnte – so, wie es der englische Dichter Alexander Pope annahm, der nach Newtons Tod schrieb:
„Natur and Nature's laws lay hid in night. God said: Let Newton be! And all was light".
Kant formuliert dem gegenüber eine rationalistische oder auch idealistische, oder auch materialistisch-atheistische, anti-Newtonische Position (ohne den Gegner Newton zu nennen). Er weist die empirische Naturforschung, d. h. die Suche nach objektiven, dem Forscher „vorgegebenen" Naturgesetzen im Sinne der experimentellen Philosophie Francis Bacons, Galileo Galileis und Isaac Newtons zurück. Gibt es aber keine äußere, uns vorgegebene Ordnung der Welt, so gibt es auch keinen Stifter oder gar „Schöpfer" einer solchen Ordnung. „Naturgesetz" ist in der Logik der Kantischen Argumentation nicht Gottes, sondern des Menschen Werk. Es ist dasjenige, was der Naturforscher kraft eines „genialen Einfalls" selbst zum Naturgesetz erklärt. Es ist demnach allein der Mensch, der die gesetzmäßige Ordnung der Natur erschafft, als selbsterklärter Herr der Welt.
Die anhaltende Wirkung dieser welterschütternden Kantischen Position wird in der modernen Erkenntnistheorie sichtbar. Diese behauptet, es gebe keine Erfahrung ohne vorgängige Theorie (Hans Poser, 2012). Und eben diese Position findet man seit Kant, d. h. seit dem Ende des 18. Jahrhunderts durchgängig in allen nennenswerten Publikationen, die sich mit der Frage befassen, ob und wie der Mensch fähig ist, sicheres Wissen, d. h. „wissenschaftliche Erkenntnis" zu erlangen, und aus welchen Quellen diese gegebenenfalls zu gewinnen ist.
Für das 19. Jahrhundert steht hier repräsentativ der Physiker, Historiker und Wissenschaftstheoretiker Ernst Mach, mit seinem überaus einflussreichen Werk „Die Mechanik in ihrer Entwicklung" (Prag 1883). Mach schreibt darin zu Galileis Fallexperimenten,
„ohne irgendeine vorgefasste Absicht ist ein Experiment überhaupt unmöglich, denn wie und was sollte man versuchen, wenn man nicht schon eine Vermutung hätte?"
Mach behauptet damit, es gebe überhaupt nur „theoriegeleitete" Experimente („Theory first").
Zum anderen nimmt Mach an, dass auf die skizzierte Weise doch immerhin Erkenntnisse gewonnen würden. Denn das Experiment bestätige, modifiziere oder widerlege die Vermutung des Naturforschers. Freilich: Diese Vermutung, die den ersten Schritt der Untersuchung bildet, lässt Kant aus „dem Genie" des Forschers entspringen. Das Genie ist aber nur in der Vernunft zu Hause; ja, es ist die „genial" überhöhte menschliche Vernunft selbst, die demnach eben doch die – einzige - Quelle der Erkenntnis wäre. Wenn ein Experiment, wie Mach schreibt, etwas bestätigt, so ist dieses Etwas doch immer eine Idee des Forschers; niemals ist es ein Gesetz der Natur. Der Forscher, dessen Idee im Experiment bestätigt wird, hat nichts „entdeckt", was da verborgen lag, sondern er hat eine Regel formuliert, die „funktioniert" – bis zu ihrer (stets möglichen) Widerlegung.
1934 erschien das Buch „Logik der Forschung" des Wissenschaftsphilosophen, Logikers und Erkenntnistheoretikers Karl Popper. Der Gelehrte untersucht im Eingangskapitel „Grundprobleme der Erkenntnislogik" die Tätigkeit des wissenschaftlichen Forschers. Sie bestehe darin, dass der Forscher „Theorien aufstellt und überprüft". Das „Aufstellen" der Theorien geschieht auch nach Popper so, dass da zu allererst „ein Einfall" ist (das, was Ernst Mach „die Vermutung" nennt), eine „Entdeckung", die, als „schöpferische Intuition", ein „irrationales Moment" enthalte.
Karl Popper zitiert dazu ein Wort von Einstein aus dessen gleichfalls 1934 erschienenem Buch „Mein Weltbild", über das Aufsuchen jener allgemeinsten Gesetze, aus denen „durch reine Deduktion das Weltbild zu gewinnen" sei. Zu diesen Gesetzen führe
„kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition".
Karl Popper erkennt als Konsequenz dieser Erkenntnistheorie, dass die experimentelle Überprüfung eines Idee niemals zu einer wirklichen, das Wissen erweiternden und also „wahren" Erkenntnis führen kann, sondern im besten Fall zu etwas, das „nur vorläufig" als „geltend" angenommen wird, weil und solange es sich „bewährt".
Hier wurzelt die moderne Auffassung, dass überhaupt nur die praktische „Bewährung" einer Idee (Theorie, Hypothese) ein sinnvolles Ziel wissenschaftlicher Forschung sei, dass also die Wissenschaft mit „Wahrheit" – wie man salopp sagt – „nichts am Hut" habe (Harald Lesch).
Albert Einstein übrigens brachte die erkenntnistheoretische wahrheitsferne Position der modernen Wissenschaft brachial-volkstümlich auf den Punkt, in einem Vortrag in den 1930er Jahren, der in Einsteins Buch „Mein Weltbild" nachzulesen ist. Unter dem Titel „Zur Methodik der theoretischen Physik" schreibt er:
„Wenn ihr von den theoretischen Physikern etwas lernen wollt über die von ihnen benutzten Methoden, so schlage ich euch vor, am Grundsatz festzuhalten: Höret nicht auf ihre Worte, sondern haltet euch an ihre Taten! Wer da nämlich erfindet, dem erscheinen die Erzeugnisse seiner Phantasie so notwendig und naturgegeben, dass er sie nicht für Gebilde des Denkens, sondern für gegebene Realitäten ansieht und angesehen wissen möchte."
Dieser einleitende Satz bereits setzt ohne Weiteres voraus, dass die theoretischen Physiker ihre Erkenntnisse „erfinden", d. h. nicht aus der Erfahrung der Natur schöpfen, sondern als Ideen aus ihrem eigenen Inneren, um sie freilich im Weiteren als „notwendig und naturgegeben" darzustellen, und als „Realitäten" auszugeben. Diese Doppeldeutigkeit erschwert es im konkreten Fall sehr, zu entscheiden, ob ein Forscher womöglich doch ein „entdecktes", reales Naturgesetz vorstellt, oder ob er lediglich einen persönlichen Einfall ehrgeizig zum objektiven „Gesetz" hochjubelt.
Im Weiteren bezeichnet Einstein Empirie und Ratio, Erfahrung und Vernunft, als „unzertrennliche Komponenten unseres Wissens", wobei er die Erfahrung (Empirie) durchaus als Quelle „allen Wissens über die Wirklichkeit" beschwört und „rein logisch gewonnene Sätze" als „völlig leer" erkennt. Er erklärt, „durch bloßes logisches Denken vermögen wir keinerlei Wissen über die Erfahrungswelt zu erlangen" - weist aber dann doch der Ratio den Vorrang zu, indem er schreibt:
„Die Ratio gibt den Aufbau des Systems; die Erfahrungsinhalte und ihre gegenseitigen Beziehungen sollen durch die Folgesätze der Theorie ihre Darstellung finden".
„Theory first", wird hier als Leitsatz formuliert. Die Erfahrungsinhalte haben sich an der Theorie zu orientieren, die ihnen vorausgeht. Deren „logisch nicht weiter reduzierbare Grundbegriffe und Grundgesetze" sind
„im Übrigen freie Erfindungen des menschlichen Geistes, die sich (weder durch dessen Natur, noch) sonst in irgendeiner Weise a priori rechtfertigen lassen." (A. Einstein).
Da ist er wieder, der autonome „menschliche Geist" als angebliche Quelle aller Erkenntnis, dessen frei erfundene „Grundbegriffe und Grundgesetze" aller Erfahrung voraus sein sollen. Anschließend nennt Einstein dann den Charakter der Grundlagen der Theorie folgerichtig „rein fiktiv", und er betont,
„dass die axiomatische Grundlage der theoretischen Physik nicht aus der Erfahrung erschlossen, sondern frei erfunden werden muss".
Ist aber nicht die Erfahrung der Natur, der Welt, in der wir leben, die Quelle all unserer Erkenntnisse, sondern die Vernunft selbst, nebst ihrer frei erfundenen, „rein fiktiven Grundbegriffe und Grundgesetze", so ist Gegenstand einer Wissenschaft, die sich mit diesen Erkenntnissen befasst, nicht „die Natur", sondern eben der menschliche Geist. Die Herausgeber von PEP 2025 behaupten dagegen auf S. 5:
„Die Erkenntnisse physikalischer Forschung müssen objektiv, reproduzierbar und überprüfbar sein. Vorhersagen müssen ihre Richtigkeit in Beobachtungen und Experimenten beweisen. Dieser unbestechliche Abgleich der Vorhersagen mit der Wirklichkeit ist der Grund, warum die Bedingungen für die Gültigkeit physikalischer Gesetze gut bekannt sind und ihre Vorhersagen Vertrauen genießen".
Die Behauptung ist falsch. In Wahrheit findet kein Abgleich „mit der Wirklichkeit" statt, sondern mit dem vorab entworfenen, frei erfundenen, auf Hypothesen gegründeten „wissenschaftlichen Weltbild", das die Physiker für „die Wirklichkeit" ausgeben. In Wahrheit ist es eine „Wirklichkeit", die sie selbst vorab erschaffen haben. Und so fordern sie, wo sie vorgeblich objektiven Gültigkeitskriterien (Reproduzierbarkeit, Überprüfbarkeit, Richtigkeit) genügen wollen, subjektives „Vertrauen" in ihre Vorhersagen ein – Vorhersagen auf der Grundlage frei erfundener „Theorien" – ein Vertrauen, das, zugegebenermaßen, sachlich weder begründet noch überhaupt begründbar ist. „Blindes" Vertrauen.
Merke:
„Wenn wir die Einsteinsche Allgemeine Relativitätstheorie (als gültige Beschreibung der Wirklichkeit in Raum und Zeit) voraussetzen, dann können wir sagen, wir haben ein Schwarzes Loch im Zentrum der Milchstraße entdeckt" (Reinhard Genzel).
Dann ist es allerdings konsequent, die Produktionen des Menschengeistes, die „Theorien", als „die höchste Form physikalischer Erkenntnis" zu preisen (Markus Bär und Claus Lämmerzahl in PEP S. 27). Und so erkundet die moderne Physik nicht „die Natur", sondern die grenzenlos-phantastische Reichweite der Kräfte des menschlichen Geistes: Geisteswissenschaft.
II Was würde Isaac Newton heute sagen ….
- zu der „analytischen Mechanik", die bald nach Newtons Tod 1727 Leonhard Euler (1750) und Joseph-Louis Lagrange (1788) anstelle der Bewegungslehre Galileis (1638) und Newtons zur Grundlage dessen machten, was später unter den Namen „klassische Mechanik" und „Newtonsche Mechanik" in die Lehrbücher einging?
Die von Galilei begründete und in den ‚Principia' weitergeführte experimentelle und geometrische Naturlehre, ausgehend von Erfahrung und Experiment (‚bottom up'), ging unter, als die Wissenschaftler sich der Cartesisch-Leibnizisch-Kantischen Philosophie zuwandten, woraus die arithmetische ‚analytische' Mechanik hervorging. Diese sogenannte ‚klassische', missbräuchlich auch ‚newtonsch' genannte Mechanik der Lehrbücher ab dem 18. Jahrhundert, die spätere ‚Physik', ist eine frei erfundene (‚top down') intellektuelle, auf die Hypothesen Materialismus, Relativismus und Atheismus gestützte erfahrungsferne Kopfgeburt. Ihr mathematisches Fundament, die absurd-nichtssagende Tautologie ‚Kraft = Masse mal Beschleunigung', hat sich, auf Leibnizscher Grundlage, Leonhard Euler ausgedacht (Berlin 1750). Mit der Realität, mit der Natur, und mit dem zweiten Bewegungsgesetz der Principia hat sie nichts zu tun.
- zu der speziellen Relativitätstheorie Albert Einsteins, die ab 1905 die Bewegungslehre der „klassischen Mechanik" revidierte?
Einstein hat – wiederum ohne Fundament in der Wirklichkeit der Natur - die schon der ‚klassischen Mechanik' unerkannt zugrundeliegende absurde Hypothese der Relativität von Raum, Zeit und Bewegung mit der durch Beobachtung ermittelten (Olaf Römer, 1672) endlichen Geschwindigkeit der Ausbreitung des Lichts, die er gemäß seiner materialistischen Ideologie als Bewegungsvorgang missverstand, zu einer Lehre verbunden, welche zwar die abwegige Behauptung des zeitlosen Entstehens von Veränderung überwand, zugleich aber das absolute räumlich-zeitliche Maß- und Bezugssystem der Bewegung relativierte und damit die Möglichkeit eindeutiger wahrer Naturerkenntnis nachhaltig zerstörte.
- Zu der allgemeinen Relativitätstheorie (ART) Albert Einsteins, die ab 1915 als neue Lehre von der „Raumzeit" die gelehrte Bücherwelt eroberte?
Mit der ART hat Einstein – abermals auf hypothetischer Grundlage, d. h. ‚top down', ohne Bezug zur Realität – die räumlich-zeitliche Struktur der Erfahrungswelt willkürlich durch die intellektuelle, von keiner Erfahrung getragene Verbindung von Raum und Zeit zur – flexiblen - ‚Raumzeit' ersetzt. So hat er der Wissenschaft eine hypothetische oder fiktive 'Einsteinsche Welt' vorgegeben, besiedelt von märchenhaften, nur in dieser Welt und nur in den Formen der arithmetisch-analytischen Mathematik darstellbaren ‚Phänomenen' (Schwarze Löcher, Gravitationswellen).
- Zu der im zwanzigsten Jahrhundert entstandenen Quantenmechanik (Planck, Heisenberg, Schrödinger)?
Das Wissen von der diskreten oder ‚quantisierten' Struktur aller Entitäten dieser Welt (Raum, Zeit, Materie, Bewegung) ist aufgrund natürlicher Erfahrung (‚bottom up') uralt. Es liegt auch der experimentellen Mechanik Galileis zugrunde, auf der die ‚Principia' aufbaut. Meine Definition der ‚Materiemenge' (quantitas materiae, die ‚Masse') sagt dazu alles Nötige. Alle natürliche Mechanik ist und war schon immer ‚Quanten-Mechanik'.
Aber im 18. und 19. Jahrhundert haben ‚Physiker' im Gefolge der neuscholastischen Philosophen Descartes, Leibniz und Kant deren unrealistische materialistische Kontinuumsvorstellung von Raum, Zeit und Materie ‚top down' in die analytische Mechanik eingebracht. Sie haben dazu unter anderem aus meinem erfahrungsbegründeten quantitativen Terminus technicus ‚Masse' (die Quantität der Materie) eine willkürliche kontinuierliche Materieeigenschaft, d. h. aus der diskreten Quantität eine kontinuierliche Qualität der Materie gemacht. Die ‚Masse' ist seither in der Physik bloß ein Wort, ein Begriff, der die Wissenschaft in die Irre führt, zusammen mit dem materialisierten Begriff der ‚Energie' (Leibniz' vis viva), obwohl ich die Realitätsferne und Willkürlichkeit dieser mathematischen Struktur, welcher die absurde instantane Entstehung von ‚Bewegung' immanent ist, mehrfach dargelegt und nachgewiesen habe.
Die moderne Physik, insoweit sie die Phänomene der Natur ‚im Licht' willkürlicher, vorausgesetzter Hypothesen und Theorien interpretiert, bringt anstelle wahrer Naturerkenntnis märchenhafte Konstrukte der menschlichen Phantasie hervor, die freilich unter Missachtung der Denkgesetze als Realitäten einer neuen Welt verkündet werden. In Wahrheit hat das ‚moderne Weltbild' mit der Realität der göttlichen Schöpfung nichts zu tun. Es beruht auf Unkenntnis der geometrischen Sprache der Natur und auf der ideologischen Beschränkung, nur materielle Phänomene zu betrachten, unter dogmatischem Ausschluss aller schöpferischen spirituellen Entitäten, obwohl ich deren reale, substantielle Allgegenwart in Gestalt der ‚Kräfte der Natur' bewiesen habe. Aber die materialistischen Physiker haben auch diese Kräfte ihrer substanziellen Realität beraubt, indem sie sie (ebenso wie die ‚Masse') willkürlich materialisiert, nämlich in ‚Materieeigenschaften' umgedeutet haben. Das so entstandene Weltbild ist ein geistloses materialistisches Zerrbild der Wirklichkeit.

III Zur Einführung in Isaac Newtons experimentelle Naturphilosophie
Mit diesem Buch will ich aus Anlass der bevorstehenden dreihundertsten Wiederkehr des Todestages Sir Isaac Newtons (20. bzw. 31. März 2027) an dessen authentische „experimentelle" Naturphilosophie erinnern und sie dem gegenüberstellen, was in der Moderne „Physik" heißt und die „grundlegende Naturwissenschaft" sein will; eine Wissenschaft, welche die realistische Natur- und Gotteslehre Isaac Newtons zerstört hat, den sie gleichwohl als Gründervater in Anspruch nimmt.
Zugrunde liegen dieser Arbeit mehrere Manuskripte zu verschiedenen Aspekten dieses Gegenstandes, Manuskripte, die sich zum Teil überschneiden, aber nicht widersprechen, sondern sich zu einem Gesamtbild ergänzen. Von Vorteil ist dabei, dass die Teile jeweils für sich gelesen und verstanden werden können.
Newton lehrte auf der Grundlage eines kosmozentrisch-theozentrischen Weltbildes das genaue Gegenteil dessen, was infolge der anthropozentrischen „idealistischen" Philosophie der „Aufklärung" in den Jahrhunderten seit seinem Tod als „Physik" entstanden ist und heute die Welt beherrscht.
Hier ein Beispiel für das moderne Selbstverständnis der Physik:
Auf der ersten Seite der im Jahr 2025 unter dem Titel „Physik: Erkenntnisse und Perspektiven" (abgekürzt PEP) erschienenen Denkschrift der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, der „ältesten und größten nationalen physikalischen Fachgesellschaft der Welt" (laut Impressum), feiert „die Physik" sich selbst. Schon der allererste Satz formuliert folgenden Anspruch:
„Die Physik, als die Naturwissenschaft schlechthin und gemeinsame Kulturleistung, ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit, weil sie es möglich macht, die materielle Welt durch Gesetze zu beschreiben, die nach unserem heutigen Wissensstand immer und überall gelten."
Der hohe Anspruch ist unbegründet.
Zunächst: Die Physik, wie sie sich heute präsentiert, ist in Wahrheit keine Naturwissenschaft. Schon gar nicht ist sie, wie hier behauptet wird, „die Naturwissenschaft schlechthin", zumal sie sich ideologisch-dogmatisch auf die Beschreibung „der materiellen Welt" beschränkt und den immateriellen (geistigen, spirituellen) Realanteil der nach aller Erfahrung aus Materie und Geist gebildeten Welt ignoriert, indem sie seine Wirksamkeiten der Materie als ihre Eigenschaften zuordnet (Beispiel „Trägheitskraft" bzw. „Impetus", durch alle Zeiten richtig als immaterielle Entität verstanden (siehe Michael Wolff, Geschichte der Impetustheorie, Frankfurt a. M. 1978, S. 17; 67), wie auch bei Newton; aber in der Moderne willkürlich ersetzt durch die „Materieeigenschaft Trägheit").
Was ist „Physik"?
In der genannten Denkschrift PEP werden auf Seite 27 physikalische Theorien unter der Überschrift „Fundamentale Theorien" die „höchste Form physikalischer Erkenntnis" genannt.
Was ist „physikalische Erkenntnis"? Viermal auf zwei Seiten rühmen die PEP-Autoren die Physik dafür, dass sie durch die „Theorien" der Physiker die „Beschreibung der Phänomene der unbelebten Natur" leisten würde; Konkretes erfährt man darüber an dieser Stelle nicht. Immerhin ist von „Phänomenen" der „Natur" die Rede. Warum aber nur von solchen der „unbelebten" Natur? Warum wird die belebte Natur von vornherein ausgeklammert, obwohl doch die „Belebtheit" der Natur eine allgegenwärtige tägliche Erfahrung ist, so dass die Vorstellung einer „unbelebten" Natur bereits eine Abstraktion voraussetzt, mit der die Physik sich von der Realität entfernt?
Diese Frage beantworten die Autoren nicht. Die Antwort ist, dass die „Physik" nur die „materielle Welt" betrachtet, die sie mit der „unbelebten" Natur gleichsetzt, weil sie zu dem immateriellen Phänomen „Leben" wie überhaupt zur geistigen Dimension der Realität keinen Zugang hat. „Physik" ist Materialismus, ist materialistische Ideologie. Physik beruht auf der falschen Hypothese, „alles" sei materiell.
Im Übrigen vermittelt die bloße „Beschreibung" von Phänomenen im Widerspruch zu dem hohen Anspruch der Physiker auch keine „Erkenntnis". Erkenntnis ist an „Erklärung" gebunden; Erklärung ist aber das Ergebnis von Ursachenforschung, nämlich die Identifizierung der „ursächlichen" Prinzipien, welche beobachtete Naturphänomene als ihre kausalen „Wirkungen" gesetzmäßig hervorbringen. Weil nun aber die natürlichen Ursachen natürlicher Wirkungen eben die der Physik unbekannten immateriellen „Kräfte der Natur" sind, die Isaac Newton beschreibt, so wissen die Autoren nichts hierüber zu berichten.
Was also sollen dann die „Theorien" sein oder leisten, welche die „höchste Form physikalischer Erkenntnis" repräsentieren sollen? Die Frage bleibt hier unbeantwortet.
Aber was überhaupt sind „Theorien"?
Theorien sind jedenfalls keine Gegenstände der Natur. „Physikalische" Theorien sind durch Physiker formulierte Beschreibungen der unbelebten Natur. Theorien sind Menschenwerk. Sie sind, auch wenn sie „die Natur" in den Blick nehmen, frei erfundene, fiktive Geistesprodukte von Physikern.
Das bestätigen namhafte Physiker. Zu nennen sind Albert Einstein und Stephen Hawking. Ganz aktuell bestätigt es in der Denkschrift PEP Harald Lesch. Sein Statement (S. 303/304) beschreibt die Arbeit der Physiker als „Erfindung (!) von Naturgesetzen" „aufgrund von „Vermutungen" (!).
Von irgendwelchen „Erkenntnissen", und wie diese gegebenenfalls gewonnen werden, ist keine Rede.
Die erfundenen Beschreibungen, die Harald Lesch „Naturgesetze" nennt: Was haben sie mit der „Natur" wirklich zu tun? Was bedeutet es, wenn Theorien bzw. Gesetze „experimentell überprüft" werden, wie Harald Lesch betont, um ihren Geltungsanspruch zu rechtfertigen? Welche Rolle spielt dabei die Natur? Dient sie als objektiver Prüfstein, an dem die Behauptungen der Theorie auf ihre „Richtigkeit" hin zu messen sind? So dass eine theoretische Behauptung, sei es auch nur die „Beschreibung" eines Phänomens bzw. einer Gesetzmäßigkeit, durch ihre Übereinstimmung mit der Natur als „richtig" bzw. „wahr", im Fall fehlender Übereinstimmung aber als „falsch" erkannt wäre, weil die Natur selbst unwandelbar und unabänderlich „wahr ist"?
Tatsächlich findet in der Physik eine experimentelle Überprüfung von Theorien an der Natur nur mittelbar statt; nur dann, wenn sich, wie man auf S. 27 der „Denkschrift" PEP liest, in einem Experiment „eine Abweichung von den theoretischen Gesetzmäßigkeiten" ergibt, woraufhin „nach einem experimentellen Fehler" gesucht wird. Findet man nichts, so sucht der Forscher nicht etwa in der Natur nach besserer Erkenntnis, sondern in seinem Kopf. Er versucht, „mit vorläufigen Hypothesen eine Gesetzmäßigkeit zu formulieren", die die Abweichung umfasst. Gegebenenfalls wird daraus „eine neue Theorie" formuliert. Diese ist dann „solange gültig, bis man verifizierte Abweichungen gefunden hat".
Man kann das dahin zusammenfassen, dass Theorien jedenfalls nicht erst dann „gelten", wenn ihre Übereinstimmung mit der Natur erwiesen ist, sondern sie werden als „gültig" betrachtet, solange sie nicht definitiv durch die Natur widerlegt sind: „Theory first" ist die Maxime. Es bleibt der Natur als Aufgabe überlassen, die Theorien der Physiker zu widerlegen. Gelingt das nicht, bleibt die erfundene Theorie „in Geltung" – egal, ob sie „richtig" ist oder nicht.
Genau besehen wird aber in der Praxis anders verfahren. So wird zum Beispiel in der Astrophysik, zur Beantwortung der Frage, ob ein bestimmtes Phänomen als „Schwarzes Loch" im Einsteinschen Sinn zu identifizieren ist, die Theorie, welche die Existenz von Schwarzen Löchern behauptet, ungeprüft als „richtig" vorausgesetzt,; das ist die Einsteinsche Allgemeine Relativitätstheorie.
Folglich erklärt der Astrophysiker Reinhard Genzel, Nobelpreis-Träger 2020 für die Entdeckung eines Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße:
„Wenn wir die Gültigkeit der allgemeinen Relativitätstheorie voraussetzen, können wir sagen, wir haben ein Schwarzes Loch entdeckt".
Ein solches zirkuläres Verfahren, bei dem Theorien selbst zur „Bestätigung" dessen dienen, was sie behaupten, hat freilich keinerlei Beweiswert; es beruht auf einem denkgesetzlichen Fehler, auf einer „petitio principii".
In Wahrheit wird freilich immer und unvermeidlich die Theorie, deren „experimentelle Prüfung" gegebenenfalls ansteht, als „richtig" vorausgesetzt, ob insgesamt, oder ob in Teilen. Die Autoren des Kapitels „Fundamentaltheorien" (PEP S. 27) schreiben im Hinblick auf die Überprüfung der (Newton zugeschriebenen) Gravitationstheorie bzw. des Gravitationsgesetzes:
„So kann man (diese Theorie) … unter der Annahme, dass Raum und Zeit Kontinua sind, durch das Ausmessen von Auslenkungen von Massen … bestimmen".
Die Kontinuität von Raum und Zeit ist aber das wesentliche Element und Charakteristikum der besagten Theorie. Setzt man sie als „Annahme" voraus, so setzt man damit die zu prüfende Theorie im Zirkel selbst voraus, d. h. man begründet die Theorie mit dieser selbst, ein Verfahren, das unsinnig und absurd ist und mit Sicherheit gar nichts beweist.
Es ist also nicht wahr, dass die von Physikern aufgrund von „Vermutungen" „erfundenen" Zusammenhänge (Theorien bzw. „Naturgesetze") experimentell bestätigt würden, wie Harald Lesch behauptet (PEP S. 303/304). Es ist auch nicht wahr, dass diese Theorien „durch Schlüsselexperimente festgelegt" (?) würden, wie die Autoren Markus Bär und Claus Lämmerzahl des Kapitels „Fundamentaltheorien" ohne Weiteres behaupten (PEP S. 27). Denn die Theorien werden doch nicht experimentell ermittelt, sondern sie werden „erfunden", wie Harald Lesch sagt – ganz unabhängig von Experimenten!
Festzustellen ist allerdings, dass „die Natur" für die Physiker und ihre physikalische Grundlagenforschung insofern eine wichtige Rolle spielt, als behauptet wird, die Forschungsergebnisse (Theorien) würden die Natur darstellen; die Natur sei eben das, was physikalische Theorien behaupten.
So erschaffen Physiker sich ihre „Natur", den Gegenstand ihrer Arbeit, selbst.
Wirkliche „Naturwissenschaft", in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, nämlich die Erforschung dessen, „was da ist", was also dem Forscher vorgegeben ist, kann deshalb nur die hypothesenfreie empirische Erkundung der erfahrbaren Erscheinungen der Natur und ihrer Ursachen sein. Das ist der wahre Grund, weshalb Isaac Newton es ablehnte, Naturforschung auf der Grundlage von Hypothesen oder Theorien zu betreiben: „Hypotheses non fingo".
Um ein Beispiel wahrer Naturwissenschaft zu nennen: Angenommen, jemand stellt sich vor, dass materielle Körper umso schneller fallen, je schwerer sie sind; so, wie Aristoteles das behauptete. Die sinnliche Erfahrung scheint das nahezulegen.
Es ist aber eine andere Sache, darüber die Natur zu befragen, wie Galileo Galilei es tat; und zwar durch Messung: Gibt es eine messbare, natürliche Beziehung zwischen Fallgeschwindigkeit und Gewicht?
Das Ergebnis des Experiments beweist als Wahrheit der Natur: Alle Körper fallen, unabhängig von dem Material, aus dem sie bestehen, und unabhängig von ihrem Gewicht, gleich schnell. Galilei hatte den großen Philosophen Aristoteles, dem die Menschen über zweitausend Jahre lang geglaubt hatten, widerlegt. Aristoteles hatte Unrecht.
Im Folgenden werde ich aber zeigen: Die „Physik", zumal die „theoretische" Physik, wird seit ihrer Entstehung im 18./19. Jahrhundert nicht im Sinne Galileis und Newtons als empirische Naturerkenntnis betrieben, nicht ausgehend von Beobachtung und Experiment, nicht „bottom up", sondern „top down": Sie wird durch menschengemachte „Theorien" repräsentiert. Im Licht vorausgesetzter Theorien werden die Phänomene der Natur so interpretiert und „verstanden", wie sie aus der Sicht der Theorie verstanden werden müssen. Die Theorie sagt dem Physiker, was er beobachtet, dozierte Albert Einstein. Gleichbedeutend, mit scharfer Zuspitzung, die im englischen Sprachraum bekannte Version:
„If the facts don't fit the theory then change the facts".
Allgemein gesprochen: Die Theorie bestimmt, was „ist".
Das wird von philosophischer Seite bestätigt, insofern die Wissenschafts-Theorie behauptet, es gebe gar keine „Beobachtung" ohne vorausgehende „Theorie" (Hans Poser, 2012).
Die „Gründungsurkunde" der neuzeitlichen Physik ist deshalb nicht Newtons 1687 erschienene „Philosophiae naturalis principia mathematica", das Buch, in dem die „experimentelle Naturphilosophie" gelehrt wird. Man würde in diesem Buch vergeblich nach physikalischen Theorien suchen, aus denen „Erkenntnisse über die Natur" deduktiv hergeleitet werden.
Stattdessen finde ich das theoretische Fundament der naturfernen materialistisch-atheistischen Wissenschaft, der Geistewissenschaft, die im 19. Jahrhundert als „theoretische Physik" entstand, in Immanuel Kants „Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" von 1786. Hierzu setzte im 20. Jahrhundert der Kant-Bewunderer Albert Einstein einen Schlussstein, mit seinen fiktionalen, aber von ignoranten Zeitgenossen als „neue Realität" begriffenen Theorien, welche die Wissenschaft vollends von der Empirie, d. h. von der räumlich-zeitlichen Erfahrungswelt trennte.
Über den Stand der Dinge, die sich daraus bis heute (2025) „wissenschaftlich" ergeben haben, informiert der Rechenschaftsbericht PEP der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.
Mit klingenden Worten beschönigen da Propagandisten des „Fortschritts" die überall sichtbar werdenden katastrophalen Auswirkungen auf Natur und Kultur der seit zweihundertundfünfzig Jahren grassierenden ideologischen Unternehmung, mit technischen Mitteln den Lauf der Welt nach Maximen und Visionen zu lenken, welche „die Physik" in Form von (meist arithmetisch-mathematisch formulierten) „Theorien" ihrer Meisterdenker erfunden hat und bereitstellt.
Diese Theorien sollen, so liest man da auf Seite 11 ganz unverhohlen den vermessenen Anspruch,
„die Lebensweise der Menschen sowie ihr Welt- und Selbstverständnis" prägen.
Nun sind Theorien der Physiker aber, wie gesagt und unbestritten (Albert Einstein, Karl Popper, Stephen Hawking, Harald Lesch bestätigen es), bloße „Erfindungen" des menschlichen Geistes. Ihrem erkenntnistheoretischen Status nach sind es Märchen wie andere auch. Die theoretische Physik insgesamt ist deshalb bestenfalls das, was man „Science Fiction" nennt. In Wahrheit handelt es sich bei ihren Hervorbringungen um „geisteswissenschaftliche" Phantasieprodukte, um literarische Erzeugnisse von mehr oder weniger großem Unterhaltungswert.
Das zeigt sich gerade an der mathematischen Form, in der sie meist auftreten. Denn die dabei verwendete arithmetische Mathematik, auf der Grundlage des Zahlenkontinuums, ist unstreitig selbst eine geisteswissenschaftliche Errungenschaft der Menschheit, in neuerer Zeit von René Descartes begründet (1637). Sie hat nichts gemeinsam mit dem, was Galileo Galilei 1623 die mathematische „Sprache des Buches der Natur" nannte, die man kennen muss, wenn man die Gesetze kennen lernen will, denen die Natur folgt.
Es war Isaac Newton, der nach Galilei diese spezifischen mathematischen Grundlagen erforschte. Er stellte sie in seinen Principia dar, in Abschnitt 1 des Ersten Buches, unter der Überschrift „Über die Methode der ersten und letzten Verhältnisse, mit deren Hilfe das Nachfolgende bewiesen wird". Aber die Wissenschaft „Physik" hat zu keiner Zeit von dieser Methode Gebrauch gemacht oder auch nur Kenntnis genommen.
Newton zeigt: Die mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie sind geometrische Prinzipien, und es sind diejenigen der Euklidischen Proportionenlehre, wie man sie elementar in Euklids „Elementen" findet, im fünften Buch. Die Geometrie ist keine menschliche Erfindung, sondern sie repräsentiert die in jahrtausendealter Erfahrung erkannte tatsächliche Struktur des Raumes und der Zeit (des Bezugssystems "Natur). Galileo Galilei machte diese Struktur als erster sichtbar, 1638, in seinem Werk „Discorsi", im „Dritten Tag", „De motu locali", Über die Bewegung der Körper im Raum.

Galilei zeigt zwei geradlinige, skalierte Maßstäbe. IK repräsentiert die Zeit, GH repräsentiert den Raum. Die Elemente von Raum und Zeit sind zueinander geometrisch proportional. Diese beiden Maßstäbe bilden zusammen das räumlich-zeitliche Bezugssystem der Bewegung ab. Das ist nichts anderes als die geometrische Struktur „der Natur" oder der „Welt", in der wir leben, weben und sind. Dieses Bezugssystem liegt der Bewegungslehre Galileis und Newtons zugrunde, d. h. den geometrischen Gebilden, durch die diese Lehre in Galileis „Discorsi" und in Newtons „Principia" zeichnerisch sinnfällig gemacht wird. Diese Gebilde stellen die Verbindung der Wegstrecken von Bewegung und der entsprechenden Zeitstrecken zu Geschwindigkeiten (Weg durch Zeit), und die Verbindung von Geschwindigkeiten (Bewegungen) mit den sie erzeugenden Kräften dar. Sie ohne Kenntnis des genannten Bezugssystems zu verstehen, ist schlechthin unmöglich.
Die geometrische natürliche Bewegungslehre beschreibt Bewegungen in Bezug auf den Raum und die Zeit, die Newton „absolut" nennt. Dieser reale Raum und diese reale Zeit, beide unveränderlich, machen die messende Bestimmung von „Bewegung" objektiv möglich. Dagegen in der Bewegungslehre der analytischen Mechanik beziehen sich die rechnerisch (nicht messend) bestimmten Bewegungen nicht auf ein solches objektiv-reales Bezugssystem, sondern auf das „ideale" Zahlenkontinuum, das, als Kontinuum, keine innere Struktur hat, weder Anfang noch Ende, so dass Bewegungen damit nur relativ bestimmt – nämlich nur „berechnet", aber nicht als real existierend „gemessen" werden können. Hier zeigt sich die Verbindung der arithmetischen Mathematik von Descartes und seiner ideologisch-dogmatischen (materialistischen) Kontinuumsvorstellung von Raum, Zeit und Bewegung zur realitätfernen „relativistischen" Raum-Zeit-Lehre (Descartes, Leibniz, Kant, Einstein), und man sieht, dass diese relativistische Lehre von Anfang an der rechnenden „analytischen Mechanik" zugrunde lag, die Leonhard Euler und andere um die Mitte des 18. Jahrhunderts anstelle der messenden, diskreten (quantisierten) Galilei-Newtonischen geometrischen Bewegungslehre formal erschufen.
Auf diesem Fundament operiert die moderne Physik mittlerweile ganz offen mit unbewiesenen Voraussetzungen. Zum Beispiel der oben schon einmal zitierte Astrophysiker Reinhard Genzel, Nobelpreisträger 2020 „für die Entdeckung eines Schwarzen Loches im Zentrum der Milchstraße", erklärt seine Entdeckung mit den Worten, noch einmal:
„Wenn wir die allgemeine Relativitätstheorie Einsteins voraussetzen, können wir sagen, wir haben ein Schwarzes Loch entdeckt".
„Wenn wir voraussetzen …".
Reinhard Genzel hat freilich recht: Man kann nämlich aus jeder Theorie, sofern man sie als „richtig" voraussetzt, alles als ebenfalls „richtig" herleiten, was die Theorie behauptet bzw. enthält. Nun behauptet aber und enthält die als „richtig" vorausgesetzte Einsteinsche Theorie die Existenz „Schwarzer Löcher" in Galaxienzentren (in Form mathematischer „Singularitäten"). „Bewiesen" wird dann die Existenz, d. h. die Realität eines konkreten „Schwarze Lochs" z. B. im Zentrum der Milchstraße von den Astrophysikern, indem Daten beobachteter Phänomene „im Licht" der vorausgesetzten Theorie so interpretiert werden, dass das beobachtete Phänomen ein Schwarzes Loch in Sinne dieser Einsteinschen Theorie sein muss. Und so „bestätigt" schließlich die Theorie sich selbst.
Das ist der „Pferdefuß" des modernen „top down"-Verfahrens, dass Hypothesen und Theorien der Physik als Beurteilungsmaßstäbe dafür dienen, worum es sich bei den zu messenden Gegenständen handeln soll. Wie Einstein 1934 schreibt: Die rein fiktiv geschaffenen Grundlagen einer Theorie geben den Erfahrungen die Richtung vor. Auf diese selbstreferentielle Weise entsteht zirkulär das moderne „wissenschaftliche" Weltbild. Es ist insgesamt eine Hypothese: ein Märchen.
Warum glauben Wissenschaftler an die Realität von „Gravitationswellen"? Weil sie glauben, reale Wellen anhand theoretischer Modelle, d. h. anhand der Theorie, an die sie glauben, als Gravitationswellen „identifizieren" zu können. Warum glauben sie an diese Theorie, die in Wahrheit ein Märchen ist? Weil „alle" daran glauben, so dass keiner ein „Ungläubiger" sein will; denn die Ungläubigen gelten als dumm. So sagt es das bekannte Märchen „Des Kaisers neue Kleider" des dänischen Märchenerzählers Hans Christian Andersen, der von 1805 bis 1875 lebte.
Andersens Märchen gibt auch den modernen „wissenschaftlichen Stand der Dinge" auf unübertroffene Weise der Lächerlichkeit preis. Das Märchen verdient deshalb, in Erinnerung gerufen zu werden. Es geht darin um zwei Betrüger, die als angebliche Schneider behaupten, die schönsten Kleider herstellen zu können, und zwar aus wunderbaren Stoffen, die allerdings, wie die Betrüger verbreiten, nur kluge Menschen sehen können. So schneidern sie für einen prunkliebenden Kaiser Kleider - aus gar nichts. Aber alle Höflinge und auch der Kaiser selbst loben die Schönheit der neuen Kleider über den grünen Klee. Sie wollen nicht zugeben, dass sie „nichts" sehen; denn das hieße ja, dass sie „dumm" sind. Also trägt der Kaiser die neuen Kleider in öffentlicher Prozession durch das Volk, und alle Welt bewundert seine Erscheinung - bis ein kleines Kind ruft: „Aber er hat ja gar nichts an!".
„Herrgott, hört die Stimme der Unschuld!" sagte der Vater, und der eine flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte: „„Er hat gar nichts an, sagt ein kleines Kind, er hat gar nichts an!"
„Er hat ja aber auch gar nichts an!" rief schließlich das ganze Volk. Und der Kaiser erschrak, denn er fand, dass sie recht hatten, aber er dachte bei sich: „Die Prozession muss ich nun aushalten." Und dann hielt er sich, nackt wie er war, vor dem gaffenden Volk noch stolzer, und die Kammerherren gingen hinter ihm drein und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.
IV Die Sprache der Natur und die märchenhafte Erfindungskraft der menschlichen Vernunft.
Die dreihundertste Wiederkehr des Todestages Isaac Newtons erinnert an das Hauptwerk dieses Mathematikers und Naturphilosophen des 17. und des beginnenden 18. Jahrhunderts, die „Philosophiae naturalis principia mathematica" (London 1687, 1713, 1726), wofür die Kurzbezeichnung „Principia" gebräuchlich ist. Manche nennen das Buch ein „Jahrtausendwerk"; so (richtig) der Mathematiker H. Heuser, andere die „Bibel der klassischen Mechanik"; so (falsch) der Wissenschaftshistoriker Max Jammer: falsch, weil die „klassische Mechanik" lange nach Newtons Tod aus anderen Quellen entstand und mit Newtons Naturlehre nichts gemein hat.
Ich habe es ab den 1980er Jahren unternommen, das „Principia" genannte, vom Autor in lateinischer Sprache abgefasste und veröffentlichte Werk, das nach 1905 infolge Albert Einsteins „relativistischer" Umorientierung der Wissenschaft zunehmend in Vergessenheit geraten war, wieder in den Blick zu nehmen: zunächst mit einer eigenen Übersetzung aus dem Lateinischen ins Deutsche, da die bis dahin einzige deutsche Fassung, unter dem Titel „Die mathematischen Prinzipien der Naturlehre" publiziert von dem Astronomen Jacob Philipp Wolfers (Berlin 1872), aus mehreren Gründen mangelhaft war.
Meine Ausgabe der „Principia" erschien, in einer nach Empfehlungen Newtons auf das Wesentliche konzentrierten Auswahlausgabe, im Jahre 1988, gut dreihundert Jahre nach der Londoner Erstveröffentlichung 1687, im Verlag Felix Meiner in Hamburg. Ich halte sie für die erste qualifizierte deutschsprachige Ausgabe dieses Jahrtausendwerks, und für die erste Ausgabe überhaupt, die dessen gebotene Einordnung in den Kanon der philosophischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts vornimmt.
Der Umstand, dass es Jahrhunderte dauerte, bis Newtons Principia in deutscher Sprache, angemessen übersetzt, zur Verfügung stand, spricht für das geringe Interesse, das hierzulande bestand und besteht, Newtons authentische Lehre kennenzulernen. Deutschland ist das Land, in dem im 18. und 19. Jahrhundert anstelle von Newtons geometrischer Naturphilosophie aus Arbeiten des Cartesianers Gottfried Wilhelm Leibniz (Specimen Dynamicum, 1695) eine neue mathematische, nicht mehr auf die natürliche Wirklichkeit von Raum und Zeit, sondern auf das Zahlenkontinuum als Maßstab gegründete intellektuelle Bewegungslehre entwickelt wurde, nachdem Jean d'Alembert (Traité de Dynamique, Paris 1743) dazu einen entscheidenden Anstoß gegeben hatte. In Berlin, in einem intellektuellen Klima, das wesentlich von französischen Materialisten und Atheisten bestimmt war, die der preußische König Friedrich II. an seinen Hof geholt hatte, entstand an der Preußischen Akademie ab 1750 durch Leonhard Euler und Joseph Louis Lagrange die „analytische Mechanik" aus Cartesisch-Leibnizischem Geist.
1786 dann veröffentlichte Immanuel Kant in Riga die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft" im selben Geist der materialistisch-atheistischen „Aufklärung". Aus alledem ging im 19. Jahrhundert die „theoretische Physik" hervor, die heute – zu Unrecht – beansprucht, Newtons Erbe zu verwalten.
Newtons Naturlehre war keine „Theorie" der Natur, keine „klassische Mechanik", und schon gar keine „theoretische Physik", sondern die philosophische Entdeckung (Wieder-Entdeckung) der mathematischen (geometrischen) „Sprache der Natur" (mit atemberaubender „theologischer" Reichweite), methodisch nicht „im Lehnstuhl" betrieben, sondern experimentell entwickelt, auf der Grundlage der natürlichen Erfahrung.
Newton lehrte, was die experimentelle Erfahrung lehrt: Die Materie ist durchaus passiv. Sie ist keine „Ursache". Sie ist tatsächlich ganz außer Stande, irgendetwas ursächlich aktiv zu „bewirken" (Principia, Erstes Gesetz der Bewegung).
Was sind dann „Ursachen" im Sinn der Lehre Newtons?
Für die Newtonsche Philosophie sind „Ursachen" erfahrbare, real existierende spirituelle „Kräfte der Natur", deren Existenz die materialistische Physik a priori leugnet und ignoriert. Sie sind das maßgebliche Agens, welches in Wechselwirkung mit der Materie bzw. der ihr innewohnenden Kraft „vis insita" die natürlichen Phänomene schöpferisch erzeugt.
Newton gewinnt die Kenntnis dieser Kräfte ohne Hypothesen aus der Beobachtung und Analyse natürlicher Phänomene. Hinter den Kräften aber steht die „erste Ursache" von allem, der reale, aus den Phänomenen a posteriori (empirisch, durch natürliche Erfahrung) als wirklich existierend erfahrbare Schöpfergott.
Die „experimentelle Naturphilosophie" Isaac Newtons ist also dadurch gekennzeichnet, dass sie ausschließlich aus natürlicher, gegebenenfalls experimenteller Erfahrung hervorgeht, so dass sie ein wirkliches und also wahres Bild der „dualistisch" aus Materie und Geist („spiritus") in Wechselwirkung hervorgehenden Wirklichkeit zeichnet, wobei der atemberaubende wissenschaftliche Beweis der wirklichen Existenz Gottes des Schöpfers das höchste Ziel der Unternehmung Newtons ist.
Im Gegensatz dazu haben Physiker generationenlang die Phänomene der Natur unter der ideologischen Prämisse des Materialismus und Atheismus „theoretisch" als märchenhaft behauptete aktive „Eigenschaften der Materie" beschrieben (Kants „Körperlehre"). Zugrunde lag die dogmatische Annahme der Materialisten, alles Seiende sei „Materie"; die Materie sei aktiv und allmächtig, so dass „alles", was geschieht, ursächlich auf sie zurückgeführt werden könne.
Kurz gefasst kann über den methodischen Unterschied zwischen Newtons Naturphilosophie und der etablierten Physik gesagt werden:
Newton erforschte von Grund auf („von unten her", oder „bottom up") ohne Hypothesen, d. h. voraussetzungslos, die Wahrheit der lebendigen Natur, indem er aus den Phänomenen deduktiv die ihnen jeweils zugrunde liegenden Prinzipien ermittelte.
Die theoretische Physik hingegen unternimmt es, sozusagen „von oben her", („top down"), und unbedingt auf der Grundlage intellektueller Hypothesen, gedankliche Gebäude (mathematische „Theorien") zu errichten, aus denen Schlussfolgerungen über „die (hier als „unbelebt" begriffene) Natur" und über ihr „Wirken" gezogen werden.
Die empirische Erfahrung spielt dabei für die Physiker nur insofern eine Rolle, als versucht wird, die Schlussfolgerungen (Deduktionen) aus Theorien und damit die Theorien selbst zu „bestätigen", indem tatsächlich beobachtbare Erscheinungen „im Licht" der jeweils vorausgesetzten Theorie so interpretiert werden, dass sie zu dieser Theorie „passen".
Passen Interpretation des Phänomens und Theorie zusammen, so gilt die Theorie – erforderlichenfalls nach entsprechender Anpassung der Fakten - als bestätigt.
Die paradoxe Folge ist, dass theoretische Physiker nicht objektive Naturerkenntnis, nicht faktisches, wahres Wissen über die wirkliche Natur der Dinge verbreiten, sondern sie verkünden ihre Theorien, als „die höchste Form physikalischer Erkenntnis" (PEP S. 27). Wodurch die in meinem nachfolgenden Essay „Hypotheses non fingo" kritisierte märchenhafte Realitätsferne der gesamten modernen „physikalischen" Wissenschaft sozusagen offiziell bestätigt wird.
Hat man die aktuelle Standortbestimmung PEP der Physik gelesen, so erkennt man die tiefe Kluft, die sie von Newtons Naturlehre trennt. Newtons experimentelle Philosophie erforschte die Wahrheit der Natur, indem sie die geometrische „Sprache der Natur" zu verstehen lernte und respektierte, wie Galilei es forderte (Il Saggiatore, 1623). Sie ist deshalb wirklich Naturwissenschaft, als Wissenschaft der Natur.
Die Physik jedoch ergründet, genau betrachtet, mit Theorien, die unbestritten freie Erfindungen des Menschengeistes sind, tatsächlich nicht die Natur, sondern die phantastische Reichweite der menschlichen Vernunft.
Newton wird also von vornherein dramatisch missverstanden, wenn man seine Naturlehre im Sinn der Physiker als „Theorie" begreifen will, und wenn man gar seinen Terminus technicus „philosophia naturalis" mit dem Wort „Physik" ins Deutsche übersetzt, wie das in einer (dem äußeren Anschein nach anspruchsvollen) Edition der „Principia" der Fall ist, die aus dem ideologischen Geist des dialektischen Materialismus in der ehemaligen DDR entstand (Sie wurde 1999 in Berlin publiziert; Volkmar Schüller, Isaac Newton: Die mathematischen Prinzipien der Physik, de Gruyter).
Ich habe meine Übersetzung von Newtons „Principia" nach der Erstausgabe bei Felix Meiner Hamburg (1988) in weiteren Ausgaben im Academia Verlag Sankt Augustin veröffentlicht, zuletzt im Jahr 2016. Diese vierte Ausgabe enthält neben einem neuen Vorwort die Einleitung zur ersten Ausgabe (1988), sowie die Einführung zur zweiten Ausgabe (2007) und das Vorwort zur dritten Ausgabe (2014). Weiteres findet man auf meiner seit mehr als zwanzig Jahren geführten, unabgeschlossenen Webseite.
Sie enthält eine Übersicht über veröffentlichte und unveröffentlichte Arbeiten (Aufsätze; Essays).
Insgesamt ergeben die in diesen Texten zusammengestellten Nachweise zu Newtons Naturlehre ein Bild, dessen oben skizzierte Zielsetzung im Ganzen wie auch seine Grundlegung im Einzelnen diametral dem widerspricht, was die etablierte Wissenschaftslehre aufgrund ideologischer („aufgeklärter", d. h. materialistisch-atheistischer) Vorbelastung hartnäckig behauptet, und zwar im offenen Widerspruch zu Wortlaut und Sinn der authentischen „Principia".
Hier lege ich nun als Summe meiner Bemühungen um die wahre Newtonische Naturlehre den Nachweis vor, dass Newtons bekannte und berechtigte Ablehnung „hypothetischer" Begründungen der gesamten modernen theoretischen Physik, zumal den seit über einhundert Jahren „geltenden" Einsteinschen Fiktionen, den Boden der Wissenschaftlichkeit vollständig entzieht. Ich schließe damit an meine Publikation „Taking Sides with Nature, Taking Sides with Truth" aus dem Jahre 2022 an.
Wie dort gezeigt, ereignete sich im 18. Jahrhundert eine fundamentale Änderung der Weltanschauung, von der vormaligen, Jahrhunderte hindurch allgemein anerkannten „kosmozentrisch-theozentrischen" Perspektive hin zu einer angeblich „aufgeklärten", in Wahrheit unrealistischen, weil nicht auf natürliche Erfahrung und Experiment, sondern „scholastisch" auf intellektuelle Hypothesen und Theorien gestützten und folglich logisch fehlerhaften (weil zirkulären) anthropozentrischen Weltsicht.
Die dazu entwickelte hypothetisch-deduktive Wissenschaftsmethode bestimmt heute, zumal in der theoretischen Physik „alles", und zwar aufgrund scheinbar unbestreitbarer Argumente und Beweise für ihre Leistungsfähigkeit. In Wahrheit sind diese angeblichen Beweise nichts anderes als Repräsentationen des mehrfach aufgezeigten Denkfehlers, den man „petitio principii" nennt. Das Verfahren ist dadurch gekennzeichnet, dass unbewiesene Theorien unter der Hand als bewiesen vorausgesetzt und im Weiteren als Maßstab für die Interpretation von Phänomenen verwendet werden.
Karl Popper beschreibt in seinem berühmten Standardwerk „Logik der Forschung" (1934; 1982) im ersten Satz „die Tätigkeit des wissenschaftlichen Forschers". Sie bestehe darin,
„Sätze oder Systeme von Sätzen aufzustellen und systematisch zu überprüfen; in den empirischen Wissenschaften sind es insbesondere Hypothesen, Theoriensysteme, die aufgestellt und an der Erfahrung durch Beobachtung und Experiment überprüft werden".
Allerdings findet die „Überprüfung an der Erfahrung durch Beobachtung und Experiment" stets und unvermeidlich „im Licht der Theorie" statt, die da überprüft werden soll, weil – wie die allgemeine Wissenschaftstheorie heute von Kant her lehrt – jede Beobachtung eine Theorie voraussetzt, oder anders gesagt: weil jede Beobachtung zwangsläufig und immer eine Beobachtung "im Lichte einer Theorie" ist bzw. sein muss.
In der Tat verwenden die Physiker vorausgesetzte Hypothesen und Theorien, um Phänomene mit Hilfe und „im Licht" dieser Voraussetzungen näher zu bestimmen. So geschieht es, dass beobachtete, aber noch unidentifizierte astrophysikalische Objekte im Sinne der Einsteinschen allgemeinen Relativitätstheorie als „Schwarze Löcher", und gemessene Wellen (Erschütterungen) unbekannter Herkunft als „Gravitationswellen" identifiziert werden – Objekte, die allerdings überhaupt erst mit und nur unter Annahme der Einsteinschen Theorie „existieren".
Was die moderne „theoretische Physik" angeht, so hatte Immanuel Kant sicherlich recht, als er in der zweiten Ausgabe seiner „Kritik der reinen Vernunft" 1787 im Vorwort das zirkuläre Denken und „Beweisen" der Naturwissenschaftler mit den Worten charakterisierte, die Forscher würden nur das verstehen, was ihre eigene Vernunft „selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt".
Der elementare Denkfehler „petitio principii", der sich in der Methode der „Überprüfung" von Theorien an diesen selbst verbirgt, ist freilich nicht immer leicht zu erkennen. Er trifft aber mit dem zusammen, was der Logiker Karl Popper unwidersprochen vor Jahrzehnten schon auf andere Weise festgestellt hat: dass nämlich wissenschaftliche Theorien (entgegen den Behauptungen der Physiker) nicht beweisbar sind. Es ist nun einmal denkgesetzlich ausgeschlossen, eine Theorie durch ihre Übereinstimmung mit sich selbst, bzw. dadurch zu beweisen, dass man etwas, das aus einer Theorie deduziert wurde, als mit dieser übereinstimmend erklärt.
Im 21. Jahrhundert aber geschieht es, dass in der allgemeinen geistigen Verwirrung der Moderne ein Theoretiker der Quantenmechanik, Anton Zeilinger, den Nobelpreis für Physik erhält – ein Experte, der in seinem 2003 erschienenen Buch „Einsteins Schleier" die neue Welt der Quantenphysik die logische Selbstwidersprüchlichkeit der modernen Quantenmechanik zu einem tragenden Prinzip der neuen Lehre erhebt!
Wirkliche Existenzbeweise für was auch immer findet man nicht in den Köpfen und nicht in den Theorien der Experten, sondern ausschließlich a posteriori, durch Erfahrung und Beobachtung, in der Natur, in der Realität. In der man eben auch den Beweis der Existenz Gottes findet, wie Newton zeigt, und wie Paulus schon vor zweitausend Jahren den Römern zu bedenken gab. (Ich sehe den Protesten oder dem dröhnenden Stillschweigen der Theoretiker, die Roger Cotes in seinem Vorwort zu Newtons 1713 erschienener zweiter Ausgabe der „Principia" als „gottlose Schar" bezeichnet, gefasst entgegen).
Der vorliegende Text enthält im Anschluss an meinen Essay zum Thema „hypotheses non fingo" einen Anhang, darin Newtons Vorwort von 1686 zu den „Principia", dann einen Auszug aus Roger Cotes' Vorwort zu der Principia-Ausgabe von 1713, danach Newtons „Definitionen" und „Axiome", die Einleitung zum Dritten Buch nebst Newtons „Leitsätzen des Philosophierens", und schließlich das „Scholium generale" aus den Principia von 1713, sowie einen Auszug aus der „Query 31" der „Opticks" Newtons von 1717.
Den Abschluss bildet die Wiedergabe von Albert Einsteins rund einhundert Jahre altem Aufsatz „Newtons Mechanik und ihr Einfluss auf die Gestaltung der theoretischen Physik", der zur zweihundertsten Wiederkehr des Todestages Newtons vor rund einem Jahrhundert im Jahre 1927 in der Zeitschrift „Die Naturwissenschaften" erschien.
Der Aufsatz ist ein Musterbeispiel für die Leichtfertigkeit, Ignoranz und Anmaßung, mit der Einstein Newtons Naturlehre über seinen eigenen „theoretischen" Leisten schlug, um sie alsdann so zu kritisieren, als handle es sich dabei um eine frühe, noch mangelhafte Form der „theoretischen Physik", die freilich erst mit seinen (Einsteins) Theorien ihre vollendete Form erhalten habe.
Tatsächlich geht es aber bei diesen Theorien überhaupt nicht um wahres „naturwissenschaftliches" Wissen, sondern – wie Einstein in seinem 1934 erschienenen Buch „Mein Weltbild" selbst richtig erklärte - ausschließlich um Fiktionen, also, noch einmal, um freie „Erfindungen" (Harald Lesch in PEP S. 304) des menschlichen Geistes, um „geisteswissenschaftliche" Produkte der menschlichen Phantasie.
Einstein schreibt in dem genannten Buch unter dem Titel „Zur Methodik der theoretischen Physik":
„Wir haben nun der Ratio und der Erfahrung ihren Platz im System einer theoretischen Physik zugewiesen. Die Ratio gibt den Aufbau des Systems; die Erfahrungsinhalte und ihre gegenseitigen Beziehungen sollen durch die Folgesätze der Theorie ihre Darstellung finden. In der Möglichkeit einer solchen Darstellung allein liegt der Wert und die Berechtigung des ganzen Systems und im Besonderen auch der ihm zugrundeliegenden Begriffe und Grundgesetze.
Im Übrigen sind Letztere (die Harald Lesch in PEP S. 304 „Naturgesetze" nennt) freie Erfindungen des menschlichen Geistes, die sich weder durch die Natur des menschlichen Geistes, noch sonst in irgendeiner Weise a priori rechtfertigen lassen."
Im selben Sinn schreibt der Logiker Karl Popper (Logik der Forschung, 1934, 7. Aufl. 1982), indem er Einstein ausdrücklich zustimmt:
„Wir haben die Tätigkeit des wissenschaftlichen Forschers eingangs dahin charakterisiert, dass er Theorien aufstellt und überprüft.
Die erste Hälfte dieser Tätigkeit, das Aufstellen der Theorien, scheint uns einer logischen Analyse weder fähig noch bedürftig zu sein: An der Frage, wie es vor sich geht, dass jemandem etwas Neues einfällt – sei es nun ein musikalisches Thema, ein dramatischer Konflikt, oder eine wissenschaftliche Theorie – hat wohl die empirische Psychologie Interesse, nicht aber die Erkenntnislogik…. Wir wollen also scharf zwischen dem Zustandekommen des Einfalls und den Methoden und Ergebnissen seiner logischen Diskussion unterscheiden und daran festhalten, dass wir die Aufgabe der Erkenntnistheorie oder Erkenntnislogik derart bestimmen, dass sie lediglich die Methoden der systematischen Überprüfung zu untersuchen hat, der jeder Einfall, soll er ernst genommen werden, zu unterwerfen ist…. Unsere Auffassung, dass es eine logische, rational nachkonstruierbare Methode, etwas Neues zu entdecken, nicht gibt, pflegt man oft dadurch auszudrücken, dass man sagt, jede Entdeckung enthalte ein ‚irrationales Moment', sei eine ‚schöpferische Intuition' (im Sinne Bergsons); ähnlich spricht Einstein über ‚… das Aufsuchen jener allgemeinsten … Gesetze, aus denen durch reine Deduktion das Weltbild zu gewinnen ist. Zu diesen … Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition".
Um Karl Popper auf den Punkt zu bringen, nenne ich Einsteins Relativitätstheorien – und nicht nur diese - Glasperlenspiele der menschlichen Vernunft mit sich selbst. Sie haben gar nichts zu tun mit der Realität von Raum und Zeit, in der wir unabänderlich leben, weben und sind.
Diese Feststellung schließt nun aber „intuitive Einfälle", auch wenn man sie „Theorien" nennt, und ganz egal, wem sie „eingefallen" sind, a priori aus der wahren Naturwissenschaft aus und ordnet sie – meinetwegen unter der Bezeichnung „Science Fiction" – ebenso wie andere Märchen richtig der geisteswissenschaftlichen oder „schöngeistigen" Literatur zu – der „Belletristik" (das ist nach dem Online-Lexikon Wikipedia die im Buchhandel präsente „fiktionale Unterhaltungsliteratur in ihren verschiedenen Erscheinungsformen").
Ich sehe in der unabweisbaren Einsicht, dass Einsteins unstreitig fiktionale Theorien (um die es hier gehen soll) von vornherein nicht als tatsächliche „naturwissenschaftliche Erkenntnisse" gelten können, definitiv die „Widerlegung" dieser Theorien, oder besser ihre Verweisung aus der objektiven Wissenschaft in das Reich der phantastischen subjektiven Literatur. Dass sie – wie hier gezeigt wird - im Übrigen an den Denkgesetzen scheitern, rundet das Bild ab: Der Einsteinsche Ansatz ist zur Kritik und „Verbesserung" der realistischen Naturlehre Newtons vollkommen untauglich.
Einsteins bekannte Phrase, die mit den Worten „Newton, verzeih' mir" beginnt und sein Verhältnis zur Naturlehre Newtons betrifft (ich zitiere sie in diesem Buch vollständig als Einleitung zum Anhang VIII), mag über einhundert Jahre lang mit dafür gesorgt haben, dass dieser Ansatz von allen, die Newton nie gelesen haben, ernst genommen wurde. Inzwischen ist die Zeit aber dafür gereift, die Hohlheit und Dreistigkeit gerade dieser anmaßenden Phrase zu erkennen, die den aberwitzigen Anspruch erhebt, alles Wissen früherer Jahrhunderte dem angeblich „tieferen Begreifen der Welt aus moderner „aufgeklärter" (bzw. spezifisch „Einsteinscher") Sicht unterzuordnen.
Den Lesern stelle ich anheim, beim Studium des Einsteinschen Aufsatzes von 1927 nicht zu vergessen, dass der Verfasser (wie er auf dem Totenbett einräumte) Newton nie gelesen hat. Das heißt aber: Einstein schrieb nicht wirklich einen ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Aufsatz über „Newtons Mechanik", sondern er phantasierte frei über das, was er sich aus allen möglichen Büchern zusammengelesen hatte.
Ich habe im Übrigen Einsteins ebenso skandalösen wie enthüllenden Aufsatz in meinem 2022 erschienenen Buch „Taking Sides with Nature" im Anhang Satz für Satz widerlegt, worauf ich mich hier beziehe.
Abschließend noch ein erklärendes Wort, worin Einsteins neuer Ansatz von 1905 (die „spezielle Relativitätstheorie") im Kern bestand, d. h. wodurch er so außerordentlich wirkungsvoll werden konnte.
Dieser Ansatz war als Korrektur der von der „klassischen Mechanik" implizit behaupteten instantanen Wirkung bewegender bzw. bewegungsändernder Kräfte erfolgreich, weil er einen elementaren Mangel der klassischen Mechanik zu korrigieren schien. Die Physiker hatten die zeitlose Aufeinanderfolge von Ursachen und Wirkungen, die sowohl in dem Grundgesetz der Mechanik „Kraft gleich Massebeschleunigung", als auch im „klassischen", Newton zugeschriebenen Gravitationsgesetz vorausgesetzt war, mit Recht als unrealistisch bzw. unnatürlich erkannt. Einsteins „relativistisches" Bewegungsgesetz korrigierte nun diesen Mangel, indem es Wirkungen nicht mehr „instantan" oder „zeitlos", sondern mit endlicher Geschwindigkeit aus ihren Ursachen hervorgehen ließ, welche endliche Geschwindigkeit als absolute und invariante „Vakuum-Lichtgeschwindigkeit" angenommen wurde.
Weil aber die beiden zu korrigierenden Gesetze der „klassischen" Mechanik, die das „Instantanitätspinzip" voraussetzen, ebenso wie überhaupt die ganze Kontinuumsmechanik allgemein und fälschlich Newton zugeschrieben wurden, so konnte es geschehen, dass mit Einsteins Korrektur nichts anderes als eben die Lehre Newtons falsifiziert schien. Dass die beiden falsifizierten Gesetze Prinzipien der klassischen Kontinuumsmechanik sind, die mit dem intrinsischen diskreten „Atomismus" der Lehre Newtons und überhaupt mit der Newtonischen Naturlehre unvereinbar sind, wurde kurzerhand ebenso ignoriert wie die unübersehbare Tatsache, dass es Leonhard Euler war, der mit der analytischen Mechanik das Gesetz „Kraft gleich Massebeschleunigung" im Jahr 1750 unwidersprochen als seine ganz persönliche „Entdeckung" („Découverte d'un nouveau principe de Méchanique") bekannt- und zum Fundament der neuen un-geometrischen (und schon deshalb un-realistischen und un-Newtonischen) „analytischen" Bewegungslehre machte. Auch Newtons ausdrückliche Verwerfung des Instantanitätsprinzips – in einem Brief von 1692/3 an den Gelehrten Richard Bentley – als
„so great an absurdity that I believe no man who has in philosophical matters a competent faculty of thinking, can ever fall into it"
hat namhafte Physiker bis heute nicht gehindert, eben dieses fehlerhafte Prinzip Newton zuzurechnen (ich verweise auf Domenico Giulini/ Claus Kiefer, Gravitationswellen, Springer Essentials 2017, S. 9). Diese Autoren lassen Newton als jemanden erscheinen, der sich selbst widerspricht, so dass sein Ansehen schwer beschädigt wird, sofern man ihnen gläubig abnimmt, was sie da gegen alle Vernunft und Redlichkeit zu Papier gebracht haben. Sie sind und bleiben aufgefordert, ihre absolut unhaltbare Darstellung zurückzunehmen.
V Bewegungslehre und Philosophie
Isaac Newton (1642-1727) gilt als einer der Begründer der neuzeitlichen Wissenschaft Physik. Zu Unrecht. Denn seine philosophische Lehre von der Natur, veröffentlicht in zwei Werken („Principia", 1687; 1713; 1726; „Opticks", 1707; 1717), wurde zu keiner Zeit als das verstanden, was sie war, und sie hat bisher keine wirkliche Aufnahme in den Kanon des Weltwissens gefunden. Ihre übliche Wiedergabe in Lehrbüchern als eine Art Einführung in die „theoretische Physik" bzw. „klassische Mechanik", meistens beschränkt auf drei „Bewegungsgesetze", die dort in zuweilen abenteuerlichen „Übersetzungen" aus Newtons Latein erscheinen, kann in Kenntnis der authentischen Lehre Newtons nur als gröbliche Entstellung bezeichnet werden.
Was war Newtons Naturlehre? Es war ganz gewiss keine „Theorie" und keine „Physik" (Materielehre), geschweige denn „theoretische Physik". Es war zunächst eine Fortsetzung dessen, was Galileo Galilei mit dem Dritten Buch seiner „Discorsi" von 1638 als ausschließlich auf Erfahrung und Experiment gegründete Lehre von der „örtlichen Bewegung" (de motu locale) begonnen hatte. Fünfzig Jahre später veröffentlichte Newton 1687 seine weiter- und tieferreichende Erkundung dieses Gegenstandes (den Galileo Galilei nach eigenem Bekenntnis nur in allerersten Schritten der Weltöffentlichkeit hatte vorstellen können), in zwei Büchern „de motu" (über die Bewegung) und einem dritten „de systemate mundi" (über das Weltsystem), zusammengefasst in seinem Werk „Philosophiae naturalis principia mathematica", den sogenannten „Principia".
Was Newtons Naturlehre war, worauf sie abzielte, und was mit dieser Lehre gewonnen wurde, kann also nicht verstanden werden, wenn man nicht zuerst verstanden hat, was Galilei lehrte.
Galileo Galilei (1564-1642) hatte von Nicolaus Copernicus (1473-1543) die Einsicht übernommen, dass nicht die Sonne die Erde umkreist, wie es scheint, sondern dass die Erde sich um die Sonne bewegt. Wenn Copernicus recht hatte, wenn also die Bewegung der Erde im Raum eine erkennbare Tatsache war, dann war die Copernicanische Lehre „wirklich wahr". Dann war gezeigt, dass der Mensch wahrheitsfähig ist, das heißt, dass er die Wahrheit erkennen kann, und zwar nicht nur „aus der Bibel", worauf die Kirche streng insistierte, und auch nicht aufgrund irgendwelcher „Theorien", sondern allein „aus der Natur", durch genaue Beobachtung der Naturerscheinungen.
Die Copernicanische Lehre widersprach freilich nicht nur dem Augenschein, sondern sie stellte auch die uralte Erkenntnis der Philosophen von der Bewegung als einem sogenannten „Relationsbegriff" infrage. Schon der sagenhafte frühgriechische Dichter Homer hatte gewusst, wie man in seinen Epen nachlesen kann, dass der Seemann auf dem Schiff, wenn es aus dem Hafen läuft, den Hafen entschwinden sieht, als schwimme nicht das Schiff und er selbst mit diesem davon, sondern, als bewege sich entgegengesetzt der Hafen von ihm weg und entschwinde in die Ferne.
Wie sollte aber zuverlässig erkannt werden, was sich da „wirklich" bewegt? Das Schiff? Oder der Hafen?
Die wirkliche Bewegung eines Körpers zu erkennen hängt davon ab, dass man einen Ort oder „Bezugspunkt" hat, der selbst wirklich ruht, also unbewegt ist. Nur in Relation zu diesem Bezugspunkt kann eine beobachtete Bewegung als „wirklich" und „wahr" erkannt werden. Die Wahrheitsfähigkeit des Menschen als Beobachter der Natur hängt also davon ab, ob er einen solchen, wirklich ruhenden Bezugspunkt findet, von dem aus (in Bezug auf den) man in der Lage ist, wirkliche von scheinbaren Bewegungen zu unterscheiden.
Gelehrte des 16. und 17. Jahrhunderts hatten im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um die Wahrheit der Lehre des Copernicus und Galileis von der Bewegung der Erde die Bewegungslehre richtig als allererste Grundlage und Voraussetzung wahren Wissens von der Natur erkannt. Wer die Bewegung nicht verstanden hat, der hat die Natur nicht verstanden; so hieß es damals. Deshalb schrieb Galileo Galilei den „Dritten Tag" seiner Discorsi von 1638 unter dem Titel „De motu locale", das heißt „Über die örtliche Bewegung", nämlich die Bewegung im Raum.
Galilei wusste, dass alles, was geschieht, erfahrungsgemäß in Raum und Zeit geschieht. Folglich war der Raum selbst, als unbeweglich verstanden, der ruhende Bezugsort, relativ zu dem eine beobachtete Bewegung als „wirklich und wahr" erkannt werden konnte. Nicolaus Copernicus hatte in seiner Lehre von den wahren Bewegungen im Sonnensystem richtig den Rotationsmittelpunkt der im Kreis umlaufenden Himmelskörper, d. h. den Schwerpunkt des Systems als „ruhenden Bezugspunkt" erkannt, welcher ein Ort des ruhenden Raumes ist, der insgesamt aus einer unendlichen Vielzahl solcher Örter besteht.
Isaac Newton zeigt in den „Principia" von 1687 im Detail, dass und warum der Raum – der unendliche, allseits unbegrenzte, und deshalb nicht (wie Einstein meinte) als dreidimensionales „Behältnis", sondern als eindimensionale „Ausdehnung in alle Richtungen" zu verstehende „absolute" Raum – das einzige als wirklich ruhend in Betracht kommende „Bezugsystem" zur Bestimmung der wirklichen Bewegung ist, und dass dieser Raum mit allen Örtern, die er einschließt, als Folge aus seiner allseitigen Unbegrenztheit notwendigerweise selbst absolut ruht. Denn da ist nichts, relativ wozu der Raum selbst bewegt sein könnte.
Mit der Bestimmbarkeit wirklicher Bewegung war nun bewiesen, dass der Mensch in der Lage ist, das Scheinbare (zum Beispiel die Bewegung der Sonne um die Erde) und das Wirkliche (die Bewegung der Erde um die Sonne im Raum, wie von Copernicus erkannt) sicher voneinander zu unterscheiden, das heißt, die Wahrheit der Natur zu erkennen.
Das war das wirkliche Ziel der Naturlehre Isaac Newtons. „Hunc enim in finem tractatum sequentem composui", schreibt er in den Principia, in der Erläuterung zu Definition VIII; das heißt: „Zu diesem Zweck (nämlich, um durch den Nachweis der Erkennbarkeit wirklicher Bewegung die Wahrheitsfähigkeit des Menschen zu beweisen) habe ich die nachfolgende Abhandlung verfasst".
In einem Briefwechsel Anfang der 1690er Jahre mit Bischof Bentley präzisiert Newton den Plan seines Werkes mit den Worten:
„Sir, when I wrote my Treatise about our System, I had an eye upon such principles as might work with considering men, for the belief of a Deity; and nothing can rejoice me more than to find it useful for that purpose. But if I have done the public any service this way, it is due to nothing but industry and patient thought".
Die menschliche Wahrheitsfähigkeit schließt die Erkenntnis Gottes ein, dessen wirkliche Existenz auf der Grundlage der Beobachtung der Naturerscheinungen a posteriori beweisbar und erwiesen ist: so, wie das schon Paulus in seinem Ersten Brief an die Römer beschreibt, den Newton in den Principia als Quelle heranzieht. Die Wirklichkeit Gottes ist für Newton eine erwiesene Tatsache. Man erkennt sie aus der Betrachtung der Werke Gottes, die allen Menschen zu aller Zeit als „Kosmos" vor Augen stehen.
Newton setzte ans Ende der Principia ein „Scholium generale", eine allgemeine Anmerkung, die aber erst in der zweiten Ausgabe (London 1713) zu finden ist. Ich drucke sie in diesem Buch mit ab (Anhang VI). Diese Anmerkung beweist, dass Newton nicht weniger beabsichtigte, als unabhängig von allem, was Theologie und Philosophie bislang darüber hervorgebracht hatten, der Welt einen unabweisbaren, schlüssigen mathematischen und deshalb wissenschaftlichen Beweis der wirklichen Existenz des allgegenwärtigen Geistwesens zu geben, das man „Gott" nennt.
Dass ihm das gelungen ist, steht außer Zweifel. Es mag aber jede Leserin und jeder Leser diese Frage für sich selbst beantworten.
Hat man Newtons Naturlehre als Gottesbeweis richtig verstanden, so versteht man auch, welche tiefe Kluft dieses Werk von dem trennt, was unter der Bezeichnung „Physik" oder „klassische Mechanik" in den dreihundert Jahren nach Newtons Tod als neuzeitliche „Naturwissenschaft" etabliert wurde.
Diese Physik entstand nicht, wie Newtons Naturlehre, empirisch, aus der unvoreingenommenen Beobachtung der natürlichen Phänomene. Sie entstand vielmehr mit der von französischen und englischen Materialisten (Jean d'Alembert; David Hume) betriebenen Entwicklung einer materialistisch-atheistischen „Theorie" der Bewegung, der sogenannten „analytischen Mechanik" („Traité de dynamique"; d'Alembert 1743). Diese gründete sich auf eine willkürliche Voraussetzung, eine ideologische Hypothese über die Wirklichkeit der Welt. Sie besagt, dass alles, was es wirklich gibt, materiell ist. Folglich kann und darf keine Erklärung von Naturerscheinungen nichtmaterielle Entitäten behaupten. Damit wird zugleich statuiert, dass in dieser Welt keine nichtmateriellen (spirituellen) „Geistwesen" existieren, also auch kein „Gott". (D'Alembert wollte deshalb sogar die natürliche Erfahrung des Wirkens schöpferischer Ursachen und damit das Kausalprinzip überhaupt aus der neuen Wissenschaft verbannen).
Mit dem Wegfall des „Raumes an sich" als Bezugssystem entfiel aber die Möglichkeit der Bestimmung von „Bewegung an sich". Somit wurde das „Relativitätsprinzip der Bewegung" zur Grundlage der neuen Lehre.
Etwas mehr als vierzig Jahre später veröffentlichte dann Immanuel Kant 1786 seine „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft". Seither ist dieses (wenig bekannte) Werk Kants tatsächlich als Gründungsurkunde der entstehenden „theoretischen Physik" zu sehen.
In der neuen Lehre ist zwar die Rede von „Ursachen" nicht schlechthin aus der Wissenschaft verbannt, wohl aber die von „Schöpfung", ein Wort, das im wissenschaftlichen Kontext (im Licht des Materialismus und Atheismus) geradezu ein Unwort geworden ist. Obwohl „Schöpfung", die ursächliche Entstehung des Neuen, in der Natur erfahrbar alltäglich und allgegenwärtig ist.
Als „kausale" Erklärungen realer Phänomene werden nunmehr wissenschaftlich nur noch menschliche Ideen akzeptiert, „Theorien", die „alles" auf die Materie beziehungsweise auf aktive „Eigenschaften" der Materie zurückführen.
Solche „ursächlichen" Eigenschaften oder Fähigkeiten der Materie werden von Fall zu Fall auch frei erfunden. Man denke nur an die im Zusammenhang der Quantenmechanik „entdeckte" angebliche Fähigkeit der Materie, „als Welle" oder „als Teilchen" zu erscheinen – je nachdem, welche Versuchsanordnung der Naturforscher wählt (Doppelspaltversuch).
Festzuhalten ist, dass in den Jahren nach Newtons Tod (1727), ausgehend von d'Alemberts „Traité" von 1743, anstelle und in Ersetzung von Newtons Naturlehre eine ganz un-newtonische theoretische Mechanik entstand, die „analytische Mechanik". Diese Wissenschaft des 19. Jahrhunderts gründet sich seither als „theoretische Physik" methodisch auf intellektuelle „Theorien", nämlich auf Naturerklärungen „aus den Köpfen" (top down) genialer Theoretiker, an deren großen Namen sich die Wissenschafts-Geschichtsschreibung entlanghangelt.
„Experimentalphysik" bleibt dann nur die Aufgabe, die theoretischen Erklärungen nach Möglichkeit durch Tatsachen zu untermauern, bzw. beobachtete Tatsachen so zu interpretieren, dass sie die vorausgesetzte Theorie, aus der sie hergeleitet wurden, bestätigen:
„If the facts don't fit the theory then change the facts".
Als Musterbeispiele für solche Leistungen der theoretischen Physik seien hier die „Relativitätstheorien" Albert Einsteins von 1905 und 1915 genannt. Deren allgemeine Anerkennung hat gemäß dem materialistischen „Relativitätsprinzip der Bewegung" die scholastische Lehre von der Wahrheits-Unfähigkeit des Menschen erneuert; sie hat die zeitlos wahren Erkenntnisse Galileis und Newtons über die Natur des Raumes als ruhendes Bezugssystem der Bewegung zurückgenommen, und sie hat mit der impliziten Behauptung, sozusagen „alles" sei „relativ", nicht nur die Wahrheitsfähigkeit der Wissenschaft und ihren Realitätsbezug beseitigt, sondern auch seit mehr als hundert Jahren heillose weltanschauliche Verwirrung in den Köpfen von Wissenschaftlern, Philosophen und Theologen angerichtet, mit katastrophalen Folgen für die natürliche Welt- und Gotteserkenntnis.
Die aktuelle Denkschrift PEP der Deutschen Physikalischen Gesellschaft führt dem Leser das Resultat deutlich genug vor Augen, sofern er sich nicht blenden lässt von der triumphalistischen Vorführung all der wunderbaren Dinge, die diese Wissenschaft in die Welt gebracht haben will. Heute weiß eigentlich jeder nachdenkliche Zeitgenosse, dass es sich bei diesen „Errungenschaften" im Wesentlichen um solche einer entfesselten Technik handelt, deren Agenten sich allein dem Machen des Machbaren verpflichtet fühlen.
VI Exkurs
VI.1
Die Quantisierung der Gravitation, bewiesen aus der Erfahrung, oder: Wie theoretische Physiker ihre „wissenschaftlichen Probleme" selbst erzeugen.
Wo immer theoretische Physiker, bei aller Begeisterung über die „Physik als die Wissenschaft schlechthin", doch in gebotener Bescheidenheit einräumen, längst nicht „alles" verstanden zu haben, erscheint in ihren Aufzählungen der offenen Fragen, von der Natur der mysteriösen „Dunklen Materie" bis zu den Raumzeit-Strukturen im Inneren „Schwarzer Löcher", regelmäßig das Problem der „Quantisierung der Gravitation". Weil seit der Entstehung der Quantenmechanik vor über einhundert Jahren außer Frage steht, dass alle natürlichen Entitäten „quantisiert" sind, was heißt, dass sie als Mengen diskreter elementarer Einheiten, der „Quanten", auftreten, so soll auch die Gravitationskraft „quantisiert" sein. Dem widersprechen aber vorerst alle bekannten theoretischen Erklärungsansätze zu diesem Bereich, weil sie, wie vor allem die als besonders erfolgreich behauptete Einsteinsche allgemeine Relativitätstheorie, auf der materialistischen Kontinuums-Hypothese der analytischen Mechanik beruhen. Gemäß dieser Hypothese hatte die Physik des 19. Jahrhunderts Raum, Zeit und Materie als unstrukturierte Kontinua behandelt. Ihr hatten die Physiker auch Newtons Lehre von der Gravitation unterworfen, wobei sie Newton ein entsprechendes materialistisches „Gravitationsgesetz" von der „gegenseitigen Masseanziehung" zuschrieben; ein Gesetz, das freilich in Newtons Lehre nirgends zu finden ist.
An dieser Kontinuumshypothese halten die Physiker vorerst unbeirrbar fest, obgleich das Gegenteil erwiesen ist.
Warum ist das so?
Zunächst: Was ist „Gravitation"? Es ist in erster Linie die alltägliche Erfahrung, dass materielle Körper „nach unten fallen", sofern nichts sie an dieser natürlichen Bewegung hindert. Daneben wird das Wort Gravitation auch zur Bezeichnung der „Ursache", d. h. der „Kraft" verwendet, die diese Fallbewegung hervorbringt.
Die natürliche alltägliche Erfahrung scheint nun zu zeigen, dass fallende Körper umso schneller fallen, je schwerer sie sind. So behauptete es die „Physik" des griechischen Philosophen Aristoteles seit alter Zeit, und von daher rührt auch die Bezeichnung „Gravitation". Sie führt das Fallphänomen auf die „gravitas", die Schwere der Körper zurück.
Erst Galileo Galilei zu Beginn des 17. Jahrhunderts unternahm es, dies durch Messung nachzuprüfen. Sein Ergebnis widerlegte die uralte Lehre des Aristoteles. In Wahrheit fallen materielle Körper, sofern nichts ihre Fallbewegung hindert, unabhängig von ihrem Gewicht alle gleich schnell.
Wie war dieser überraschende Befund erklären?
Die Erklärung ist einfach, wenn man die „Quantisierung" der Materie beachtet.
Was ist „Quantisierung der Materie"? Es ist die erfahrbare Tatsache, dass materielle Körper teilbar sind. Da aber eine Teilung „bis ins Unendliche" ausgeschlossen ist (sie müsste zuletzt zum absurden Verschwinden des Körpers ins Nichts führen), so muss es letzte unteilbare Teile der Materie geben: die „Atome" (vom griechischen Wort „a-tomos", was „unteilbar" heißt).
Die auf die natürliche Erfahrung gegründete Lehre von der „atomistischen" Struktur der Materie war schon den griechischen Philosophen des Altertums bekannt (Demokrit, 460-340).
Diese Lehre wurde im 17. Jahrhundert wieder aufgenommen. Sie entwickelte sich zu einem Grundpfeiler der neuen „experimentellen Philosophie" (Francis Bacon; Galileo Galilei; Isaac Newton), wobei erkannt wurde, dass die elementaren „Atome" der Materie einander gleich sind und, zusammen mit dazwischen liegendem leeren Raum, ausnahmslos alle makroskopischen materiellen Körper konstituieren. Es entstand die „atomistische" Lehre von der „quantitas materiae", der diskreten „Materiemenge", als einer ganzzahligen Vielzahl gleichartiger materieller Elementarteile in einem makroskopischen Körper.
Auf diesem „diskreten" (diskontinuierlichen) Fundament steht Isaac Newtons Materielehre. Newton führt sie in die Principia von 1687 mit der ersten der „Definitionen" ein, mit denen er sein Werk beginnt (siehe Anhang III).
Hängt ein Apfel am Baum, so wirkt auf ihn „die Gravitation" oder „Zentripetalkraft" (Principia, Definition 6 mit Erläuterung) als eine Ursache, die ihn zur Erde hin fallen lässt, sobald seine Haftung am Zweig im Zuge des Reifevorgangs so gering geworden ist, dass die Gravitation sie überwiegt.
Die Gravitation wirkt aber nicht einfach auf „den Apfel", sondern sie wechselwirkt nur mit der „quantitas materiae", nur mit den materiellen Teilen, den „Quanten" des Apfels, wobei sie jedem Quant dieselbe Quantität an Fallbeschleunigung wie jedem anderen mitteilt, so dass alle diese Quanten, unabhängig davon, wie viele es sind, gleich schnell fallen (Principia, Def. 7 mit Erläuterung); und ebenso schnell fällt der ganze Apfel, zumal das Ganze gewiss nicht schneller (und auch nicht langsamer) fallen kann als seine Teile.
Wie man vor dem inneren Auge sieht, ist in diesem Vorgang die ursächliche Gravitationskraft auf natürliche Weise „quantisiert", das heißt, diese Kraft wirkt in Form endlicher, einander gleicher Beschleunigungs-„Quanten" auf alle materiellen Teile im Apfel unabhängig von ihrer Anzahl in gleicher Weise und erzeugt gleiche „Quanten der Bewegung" (quantitas motus, Newton, Principia, Def. 2), während doch das Gewicht des Apfels von der Anzahl dieser Quanten bestimmt wird, die zusammen die diskrete Materie oder „Masse" des ganzen Apfels ausmachen (Principia, Def. 8 mit Erläuterung).
Das ist das ganze „Geheimnis" der Quantisierung der Gravitation. Es genügt, Newtons Lehre zu lesen und vorurteilsfrei zu verstehen, um ohne alle vorgängige „Theorie" das gleichschnelle Fallen aller Körper als einfachen natürlichen Vorgang zu erkennen.
Wie oben gezeigt, bestimmt die natürliche Erfahrung der „Quantisierung" aller natürlichen Entitäten Newtons Naturlehre von allem Anfang an. Nachzulesen ist das in den Principia seit 1687, in der ersten Definition (hier im Anhang III), in der Newton die „quantitas materiae" definiert und „Masse" nennt.
Theoretische Physiker aber haben diese Definition im Rahmen der analytischen Mechanik frühzeitig und willkürlich so uminterpretiert, dass der Terminus „Masse" nicht mehr eine diskontinuierliche Quantität, sondern eine kontinuierlich über alle materiellen Körper verteilte Qualität der Materie bezeichnen soll. Zugrunde liegt dem wieder die realitätsferne Cartesische Kontinuumsvorstellung der Materie, verbunden mit der dogmatischen Leugnung des „leeren Raumes", welcher, Newton zufolge, zwischen den materiellen Quanten der Materie liegt. Diesen leeren Raum darf es, Cartesisch, nicht geben, weil es außer und neben der Materie nichts Reales geben soll, und dann eben auch nicht den Raum als solchen; die Materie müsste hiernach „alles" kontinuierlich ausfüllen.
In der Folge hat sich in den Lehrbüchern der theoretischen Physik seit Generationen die Vorstellung etabliert, „Masse" sei eine (kontinuierlich über die materiellen Körper verteilte) Eigenschaft der Materie, so, dass materielle Körper nicht etwa Massen „sind", sondern Masse „haben" - so, wie sie auch andere Eigenschaften „haben". Daraus entwickelten die Physiker dann den weiteren Gedanken, es müsse wohl irgendetwas geben, was den Körpern diese Eigenschaft „Masse" mitteilt. Dieses Etwas, nachdem es nun einmal als Gedanke „in der Welt" war, sollte dann aber auch „real" existieren, d. h. „experimentell nachgewiesen" werden. Und so geschah es. „Entdeckt" wurde ein Elementarteilchen, welches, unter Voraussetzung der Theorie, die ein solches Teilchen „vorhersagte", eben das repräsentiert, was die Theorie von ihm verlangt: Es ist das „Higgs-Teilchen".
Also liest man jetzt in der Wikipedia-Enzyklopädie: „Das Higgs-Teilchen gehört zum Higgs-Mechanismus, einer schon in den 1960er Jahren vorgeschlagenen Theorie, nach der außer dem Higgs-Boson selbst alle Elementarteilchen (beispielsweise das Elektron) ihre Masse durch die Wechselwirkung mit dem allgegenwärtigen Higgs-Feld erhalten".
Ganz ebenso wie im Fall des „Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße" haben die Physiker auch hier – gegen alle Vernunft - aus einer „Theorie", d. h. aus einem bloßen Gedankengebäude, die reale Existenz eines Objekts (das „Higgs-Teilchen") „hergeleitet"; und ganz ebenso wie später bei der „Entdeckung" eines Schwarzen Lochs wurde auch diese Leistung, nachdem im Jahre 2012 ein Teilchen gefunden worden war, das man in dem gewünschten Sinn interpretieren konnte, mit dem Nobel-Preis gewürdigt (für den britischen Theoretiker Peter Higgs, 2013).
Aber noch einmal zurück zum Thema „Quantisierung der Gravitation". Wie diese als Realität, als Tatsache, als Faktum der Natur auf die einfachste Weise experimentell vorgeführt werden kann, ohne Voraussetzung irgendeiner Theorie, habe ich oben bereits gezeigt. Dazu ergänze ich hier ein Beispiel, aus naheliegenden Gründen in englischer Sprache:
„There's a hole in the bucket"…
Quantization of Gravity Experimentally Explained
Just take some bucket, drill a small hole into its bottom, and fill the bucket with water. The water will flow out of the hole, falling to the ground under the action of gravity, and according to Torricelli's law, that is, with a velocity that depends on the height of the water column above the hole only.
Now drill a second hole into the bottom of the bucket, as small as the first one. Water will now fall (flow) out of two holes, and – again according to Torricelli's law – it will fall out of both holes with the same velocity as when there was just one hole.
The more such holes you drill into the bottom of the bucket, the more such flows of water will fall, and all of them according to the same natural law: that is, with the same velocity. But the whole quantity of water, and the weight of that whole quantity falling out of the bucket, that is, the sum of water flowing from the sum of holes, will of course be the greater the more holes you have drilled.
Now, imagine a piece of matter, say a plate of porcelain. According to Newton's Principia, Definition 1, it consists of a vast number of equal elementary material particles and of void filling the spaces between these particles. Now let the plate fall to the ground. It will break into pieces. Pick one of these pieces and let it fall again. It will fall with the same velocity as the whole plate, and, when fallen to the ground, it will again break into pieces. And so on, and so on. Ultimately, imagine that there remains a very small piece that contains only one material particle. Of course this particle will fall to the ground with the same velocity as before.
Evidently the force of gravity interacts with matter by interacting with each of the material particles that build gross matter. And, by this interaction gravity, which first, being equivalent to the whole weight of the matter (all the water in the bucket), appears as a continuous something after interaction with the falling plate, will appear discontinuously when these particles accordingly fall to the ground, that is, gravity will appear quantized (as well as the plate itself, since it actually consists of distinct material particles, and of void).
Nothing hinders us to call the equal elementary material particles that build together with void any macroscopic objects whatsoever by the name „quanta of matter", and, accordingly, „quanta of gravity" the discrete quantities of gravity generating the motion of each single material particle.
So the example with holes in the bucket demonstrates the quantization of gravity to the eye.
By the way, every shower head demonstrates the same fact: It shows the divisibility of some quantity of water into equal little fountains springing of the holes of the shower head, all of them moving with one and the same velocity according to Torricelli's law.
Die theoretische Physik folgt trotz alledem unbeirrt seit mehr als einhundert Jahren der Kontinuumstheorie namens „allgemeine Gravitationstheorie", die Albert Einstein 1915 bekannt machte, als Ergebnis seiner langjährigen Bemühungen um eine neue Erklärung der Gravitationsphänomene auf der Grundlage seines hypothetischen „Relativitätsprinzips der Bewegung": die allgemeine Relativitätstheorie. In dieser Theorie nennt man das Phänomen des gleichschnellen Fallens im Vakuum anspruchsvoll „Äquivalenzprinzip", und behauptet, durch dieses Prinzip habe Einstein das Phänomen erstmals „erklärt". In Wahrheit ist das Äquivalenzprinzip ein Musterbeispiel dafür, wie aus dem Unverständnis der Lehre Newtons von der diskontinuierlichen (diskreten) „Masse" der Körper ein „Problem" hervorgeht, welches dann pompös auf eine Weise „gelöst" wird, die weder mit Newtons Lehre, noch mit der Realität irgend etwas zu tun hat, und die im Übrigen das Phänomen des gleichschnellen Fallens aller Körper mitnichten erklärt. Träfe nämlich die verbreitete „Erklärung" zu, dass da eine „schwere Masse" und eine „träge Masse" einander aufwiegen würden – wie wäre dann zu verstehen, dass ein Körper überhaupt fällt?
Einsteins Theorie operiert in einem „Raum-Zeit-Kontinuum". Sie weiß nichts von der natürlichen „Quantisierung der Materie". Einstein behandelt den Apfel (wie alle Materie) fälschlich so, wie die fälschlich Newton zugerechnete, in Wahrheit aus der Cartesischen Philosophie kommenden Kontinuums-Mechanik des 19. Jahrhunderts alle Materie behandelte, nämlich als materielles Kontinuum ohne Zwischenräume, und folglich erscheint hier auch die Gravitation als kontinuierliche Größe, die dem ganzen Apfel seine Schwere vermittelt.
Dann aber müsste der schwerere Apfel schneller fallen als der leichtere.
Unter Einsteins Voraussetzung war und ist schlichtweg nicht zu erklären, weshalb ein doppelt schwerer Apfel tatsächlich, wie die Erfahrung lehrt, ebenso schnell zur Erde fällt wie der einfache Apfel.
Einstein stellte zur Erklärung abenteuerliche intellektuelle Verrenkungen an, die freilich zu keinem rationalen Resultat führten. Nachlesen kann man das in dem Buch von Albert Einstein und Leopold Infeld mit dem Titel „Die Evolution der Physik", erschienen 1938, im Kapitel „Der Aufstieg des mechanistischen Denkens", unter dem Zwischentitel „Noch eine Spur".
Festzuhalten ist, dass die theoretische Physik in der Frage der Gravitation bis heute mit sich selbst uneins ist, indem sie einerseits an Einsteins fiktionaler Kontinuumstheorie festhält und dabei die diametral entgegenstehende Erfahrungstatsache der Quantisierung aller natürlichen Entitäten ignoriert, andererseits aber – vergeblich - versucht, eben dieser natürlichen Erfahrung doch Rechnung zu tragen, indem man sie mit der ihr widersprechenden Kontinuumstheorie von Raum, Zeit und Materie mathematisch unter einen Hut bringen will.
Es liegt auf der Hand, dass ein solches widersprüchliches Vorhaben vernünftigerweise niemals gelingen kann. Eine menschliche Idee, ein Ideengebäude wie die Einsteinsche Theorie, die ohne jede Erfahrungsgrundlage ausschließlich aus Gedanken besteht, ist unter keinen Umständen mit einer ihr widersprechenden Tatsache, einer realen Naturgegebenheit, die unabänderlich so ist, wie sie ist, zu vereinbaren. Folgerichtig wäre die der Realität widersprechende Theorie als widerlegt zu erkennen und zu verwerfen.
Warum aber halten die Physiker trotzdem an der Einsteinschen Theorie fest? Es geschieht, weil sie die erfahrbare und erfahrene Realität der diskreten Struktur aller natürlichen Entitäten, d. h. „die Natur", die so ist, wie sie ist, nicht als Prüfstein ihrer Theorien anerkennen. Die Physiker folgen eben nicht den Gegebenheiten der Natur, sondern ihren eigenen intellektuellen Maximen: „Theory first!" Und da ist eben eine angeblich sehr „erfolgreiche" allgemeine Relativitätstheorie, die anstelle der Realität als „Maßstab" verwendet wird, an dem sich „die Natur" zu erklären und zu bewähren hätte…..
Ich sehe darin die Geringschätzung, ja die Verachtung der Natur, ganz so, wie in dem lockeren Spruch (dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel zugeschrieben), der etwaige Diskrepanzen zwischen Theorie und Tatsachen kurzerhand den Letzteren zur Last legt („… umso schlimmer für die Tatsachen"!).
Nach der herrschenden physikalischen Lehrmeinung, die „Theorie" vor alle Erfahrung setzt, kann deshalb nur eine neue, die Quantenmechanik und die Einsteinsche allgemeine Relativitätstheorie umfassende mathematische Theorie deren Inkompatibilität überwinden. So jedenfalls liest man es in dem Band „Physik: Erkenntnisse und Perspektiven" (PEP) auf Seite 28:
„Wenn man eine vereinheitlichte Theorie von allem anstrebt, … können Quantentheorie und allgemeine Relativitätstheorie nicht unverändert bleiben. Es müssen entweder die Quantentheorie oder die allgemeine Relativitätstheorie angepasst werden – oder gar beide zusammen. Man sucht daher nach einer vereinheitlichten Quantengravitationstheorie, die die bisherige Quantentheorie und die allgemeine Relativitätstheorie ersetzt."
… Und so suchen denn die Theoretiker wie schon seit Generationen weiter nach einer „vereinheitlichten Theorie", begleitet von der lautstarken Einforderung öffentlicher Gelder zur Finanzierung dieser so überaus wichtigen „Grundlagenforschung". Wobei noch einmal klarzustellen ist, dass es sich bei der Quantisierung der natürlichen Entitäten einschließlich der Gravitation nicht um eine „Theorie" handelt, sondern um eine seit langem bekannte Tatsache.
Im Übrigen aber scheint es so zu sein, dass die allgemeine Relativitätstheorie sich bei Versuchen, sie experimentell zu verifizieren, bestens bewährt. So heißt es dann in den Büchern, diese Theorie sei überhaupt die am exaktesten überprüfte und bestätigte Theorie, über welche die Physik verfügt.
Wie dieser Befund zustande kommt, wird in dem nachfolgenden Essay „Hypotheses non fingo" unter anderem im einzelnen gezeigt. Hier beschränke ich mich auf den Hinweis, dass diese – und überhaupt jede – Theorie bei allen sogenannten experimentellen Überprüfungen unvermeidlich als richtig vorausgesetzt wird und vorausgesetzt werden muss, womit sie selbst den Maßstab für ihre Überprüfung liefert. Die Folge ist, dass alle experimentellen Ergebnisse im Prinzip genau das wiedergeben (und wiedergeben müssen), was nach Maßgabe der Theorie eben zu erwarten ist – ganz so, wie Immanuel Kant 1787 schrieb: dass die Vernunft der Wissenschaftler „nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt."
Die hypothetisch-deduktive Methode „erklärt" also Vorgänge wohl psychologisch, auf der subjektiven Bewusstseinsebene des Forschers, aus der Erwartung eines bestimmten Ergebnisses. Sie taugt aber nicht als objektive, beweiskräftige Erklärung „aus der Natur der Sache". Wer sie dennoch in diesem Sinn verwendet, verstößt gegen die Denkgesetze (petitio principii): Denn in diesem Fall wird das, was bewiesen werden soll, unter der Hand bereits als zutreffend vorausgesetzt.
Der Befund trifft dann mit der schon zitierten Erkenntnis des Wissenschaftstheoretikers Karl Popper zusammen, der vor bald einhundert Jahren fand, dass Theorien niemals beweiskräftig „verifiziert" (bestätigt) werden können.
Wenn aber ein Wissenschaftler den logischen Fehler doch immerhin ahnt, geschieht es, wie zum Beispiel im Fall des Astrophysikers Reinhard Genzel, der im Jahre 2020 für die „Entdeckung eines Schwarzen Loches" mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, dass er sich ein Hintertürchen freihält, indem er die willkürliche Voraussetzung als solche benennt und – wie mehrfach geschehen - einräumt:
„Wenn wir die Richtigkeit der allgemeinen Relativitätstheorie voraussetzen, können wir sagen, dass wir ein Schwarzes Loch entdeckt haben".
Es ist freilich vollkommen klar, dass ohne Voraussetzung der allgemeinen Relativitätstheorie kein „Schwarzes Loch" entdeckt werden kann, weil nun einmal diese Erscheinung kein objektiv und seit jeher existierendes Naturphänomen ist, sondern ausschließlich als mathematische „Singularität" aus eben dieser - als richtig vorausgesetzten – Einsteinschen Theorie hergeleitet wird.
Die Unterstellung der „Richtigkeit" dieser Theorie impliziert aber, dass diese Theorie in Gestalt der besagten Singularität die realistische Beschreibung einer Tatsache, einer realen Gegebenheit der Natur liefert - eine vollkommen willkürliche Annahme. Denn eine Theorie ist ein Gebäude aus Gedanken; sie ist keine „Tatsache". Und eine Schlussfolgerung (Deduktion) aus solchen Gedanken, auch wenn sie „mathematisch" verkleidet ist und anspruchsvoll „Singularität" genannt wird, ist wiederum nur ein Gedanke.
VI.2
Die Lehre vom „ruhenden Zentralkörper" – ein elementarer Hauptmangel der Physik, und wie die allgemeine Relativitätstheorie Einsteins auch hier an der Realität scheitert.
Isaac Newton stellt in den Principia in der dritten Definition die der Materie eingepflanzte „innere Kraft" (vis insita) vor, als „Kraft der Trägheit", und ihre beiden Erscheinungsformen: als „Kraft des Widerstands" gegen Bewegungsänderungen, und als „Bewegungskraft" oder „Impetus" (die „klassische Mechanik" weiß von diesen beiden Kräften nichts).
In der darauf folgenden Definition IV beschreibt Newton die Trägheitskraft (den „Impetus") als Ursache der gleichförmig-geradlinigen Bewegung eines Körpers, und er benennt die verschiedenen „Ursprünge" dieser Kraft: Sie geht (unter anderem) hervor aus „Stoß", „Druck" und aus der „Zentripetalkraft", jeweils vermittelt durch eine weitere Kraft, die er „eingedrückte Kraft" (vis impressa) nennt.
Der „Zentripetalkraft", einer Quelle, aus der Kräfte hervorgehen, die einem Körper „eingedrückt" werden, gelten dann die restlichen vier der insgesamt acht „Definitionen", die Newton den Principia voranstellt. Sie ist offensichtlich von herausragender Bedeutung für Newtons Bewegungslehre. Sie bildet den Gegenstand des Abschnitts II der Principia „Über die Auffindung der Zentripetalkräfte".
In diesem Abschnitt beschreibt Newton die Zentripetalkraft auch mittels einer graphischen Darstellung (zu Proposition I. Theorem I). Sie verdeutlicht den Mechanismus der Wirkung dieser Kraft und zugleich die Bedeutung ihrer Bezeichnung als „Zentripetal-Kraft", und zwar im Zusammenhang der Analyse der „Bewegung von Körpern auf Kreisbahnen" um einen „unbeweglichen Mittelpunkt der Kräfte".
Zugrunde liegt die Geometrie der Entstehung einer Kreisbewegung. Newton erkennt sie als Ergebnis der in gleichen Zeiten regelmäßig wiederholten Einwirkung von diskreten Quanten der Zentripetalkraft auf einen bewegten Körper, welche dem Körper „von außen" in Richtung auf den Kreismittelpunkt hin wiederholt Anstöße geben, so dass er schließlich eine geschlossene Kreisbahn um den Mittelpunkt beschreibt.
Festzuhalten ist, dass die Zentripetalkräfte „von außen" in Richtung auf den Kreismittelpunkt hin wirken; daher der Name „Zentripetal-Kräfte": Das sind Kräfte, die zu einem Zentrum hin streben. Damit ist bereits klar, dass es sich hier nicht um „Anziehungskräfte des Mittelpunkts" handelt. Denn dieser Mittelpunkt ist lediglich ein geometrischer leerer Punkt im Raum. Er hat keine „Wirkfähigkeit", die sich in dem ihn umgebenden Raum als Anziehungskraft des Mittelpunkts entfalten könnte.
Die Mechanik der Kreisbewegung ist seit Urzeiten (seit Erfindung des Rades?) aus der natürlichen Erfahrung bekannt. Diese Erfahrung zeigt, dass eine Kreisbewegung keines „Zentralkörpers" bedarf. Jeder rotierende leere Ring oder Reifen beweist es genauso wie die Bewegungen der Himmelskörper.
Das gilt auch für die Kreisbewegungen in einem System aus mehreren freien Körpern, die alle denselben Mittelpunkt umlaufen. Als Beispiel mag das Sonnensystem dienen. Auch dieses System halten „Zentripetalkräfte" zusammen, die sämtlich „von außen" auf die umlaufenden Himmelskörper einwirken. Diese Kräfte sind auf den gemeinsamen Mittelpunkt der Umlaufbahnen gerichtet, den man auch den Schwerpunkt des Systems nennt, und treffen in diesem Punkt zusammen.
Der Schwerpunkt eines Systems aus mehreren Körpern liegt aber nach der jahrtausendealten mechanischen Erfahrung mit der Waage stets als leerer geometrischer Punkt zwischen diesen Körpern. Im Sonnensystem ist es das sogenannte „Baryzentrum". Es liegt, wie Nicolaus Copernicus vor fünfhundert Jahren wusste und lehrte (Commentariolus, ca. 1510, tertia petitio), als Drehpunkt in der Nähe des Sonnenmittelpunkts, weil die Sonne als bei weitem schwerster Körper des Systems den ruhenden Drehpunkt mit dem geringsten Abstand (Radius) umläuft.
Weder ist also die Sonne, noch ist irgendein anderer Körper des Systems ein „Zentralkörper".
Dass die Sonne als Zentralkörper ausscheidet, weil sie sich selbst bewegt, schreibt Isaac Newton in Lehrsatz XII des Dritten Buches der Principia „Über das Weltsystem". Und in Newtons Corollar IV zu den Bewegungsgesetzen kann man nachlesen, dass in einem umlaufenden System aus mehreren Körpern jeder dieser Körper in Bewegung ist, somit als ruhender „Zentralkörper" ausscheidet.
Fazit: Es gibt keinen „Zentralkörper"; nach aller mechanischen Erfahrung kann es keinen solchen Körper geben. Der Mittelpunkt eines jeden umlaufenden Systems ist ein leerer geometrischer Punkt im Raum. In diesem Punkt treffen die Zentripetalkräfte zusammen und neutralisieren sich. Der leere Mittelpunkt ist ein Punkt ohne jede Wirkfähigkeit, wie schon Galileo Galilei wusste (Dialogo, 1632).
Nun ist aber die Annahme, es gebe in jedem System umlaufender Körper als Mittelpunkt einen ruhenden „Zentralkörper", die tragende Hypothese der Einsteinschen Relativitätstheorie. Da diese Hypothese falsch ist, weil sie den mechanischen Gesetzen zuwiderläuft, ist auch die Einsteinsche Theorie falsch. Sie gehört auf den Müllhaufen der Wissenschaft.
Man erkennt nun übrigens auch, wie abwegig die weitere, aus der Einsteinschen Theorie hergeleitete Behauptung ist, im Zentrum einer jeden Galaxie befinde sich ein extrem „massereicher" Körper – ein „Schwarzes Loch". In Wahrheit ist da definitiv „nichts".
VII Hypotheses non fingo.
1. Isaac Newton (1642-1727), Mathematiker und Experimentalphilosoph, begründete im 17. Jahrhundert unter anderem eine Lehre von der richtigen Methode naturwissenschaftlicher Forschung. Dafür steht sein auch unter Laien bekannter Ausspruch „Hypotheses non fingo", was heißt: „Ich denke mir keine Hypothesen aus".
Gemeint war, dass Naturforschung ausschließlich von Tatsachen handeln sollte, die durch Erfahrung und Experiment ermittelt werden, und dass die Beschreibung natürlicher Vorgänge unbedingt auf Hypothesen, d. h. auf unbewiesene Voraussetzungen philosophischer und sonstiger Art zu verzichten hat.
Nun ist aber in der modernen wissenschaftlichen Praxis das Arbeiten mit Hypothesen an der Tagesordnung. Hypothesen (oder „Theorien", als Bündel von Hypothesen) dienen als Grundlagen experimenteller Anwendungen, deren Resultate daraufhin überprüft werden, ob sie den theoretischen Voraussetzungen entsprechen. Gegebenenfalls gelten diese Voraussetzungen (Hypothesen) als experimentell bestätigt (verifiziert).
Wie verhält sich Newtons generelle Verwerfung von Hypothesen zu dieser Methode der modernen wissenschaftlichen Forschung?
Hypothesen in diesem Sinn sind gedankliche Voraussetzungen (Annahmen; Vermutungen), die einer wissenschaftlichen Lehre oder „Theorie" zugrunde liegen. Wenn daraus nach den Gesetzen der Logik Schlussfolgerungen gezogen werden („deduziert werden"), spricht man von der „hypothetisch-deduktiven Methode" der modernen Wissenschaft.
Eine Hypothese ist zum Beispiel die Annahme, dass die Erde (entgegen dem Augenschein) in jeweils einem Jahr um die Sonne läuft. Diese Annahme liegt der „heliozentrischen Theorie" zugrunde, welche behauptet, die Sonne sei (als „Zentralkörper"!) das ruhende Zentrum der Umlaufbahnen der Erde und auch der anderen Planeten. Diese Theorie erlaubt den weiteren deduktiven Schluss, dass die Umlaufbahnen kreisförmig um die Sonne verlaufen, mit gleichbleibenden Radien (Abständen zwischen Planet und Sonnenmittelpunkt).
Durch astronomische Erfahrung (Beobachtung) ist aber bekannt, dass der Abstand zwischen Erde und Sonne variiert. Tatsächlich bewegt sich auch die Sonne, so dass sie (bzw. ihr Mittelpunkt) ihren Ort im Raum verändert.
Die Sonne kann deshalb entgegen der Hypothese nicht das ruhende Zentrum des Systems sein (Newton, Principia 1713, Buch III, Prop. XII).
Wie man sieht, kann eine Hypothese und die darauf aufbauende Theorie sowie alles, was daraus deduziert wird, auch falsch sein; das zeigt sich gegebenenfalls, wenn man sie an der erfahrbaren Wirklichkeit, d. h. an den durch Erfahrung oder Experiment bekannten Tatsachen (den realen Prinzipien der Erfahrungswissenschaft Mechanik) misst. Sie sind der natürliche Prüfstein für den Realitäts- oder Wahrheitsgehalt.
Überhaupt ist klar, dass aus einer Theorie, die immer ein Gedankengebäude ist, nichts Reales deduziert werden kann. Also sind beispielsweise die mathematischen „Singularitäten", die Einstein aus seiner allgemeinen Relativitätstheorie ableitete und zu „Schwarzen Löchern" und „Gravitationswellen" hypostasierte, in Wahrheit bloß mathematische Gedanken, sonst nichts.
Dass die Wirklichkeit (die objektive „Realität in Raum und Zeit") erfahrbaren Prinzipien folgt und so, wie sie ist, als „Tatsache" allen menschlichen Hypothesen und Theorien vorausliegt, stand für Newton außer Frage. Er sah ebenso wie alle anderen, die sich im 17. Jahrhundert, Francis Bacon folgend, von der spekulativen, auf Hypothesen gestützten scholastischen Philosophie abwandten und die „experimentelle Philosophie" begründeten, das Wirkliche (oder „die Natur" der Dinge) zugleich als das zu erforschende „Wahre", oder „die Wahrheit". Die natürliche Erfahrung, die wissenschaftlich erkennbare objektive Natur der Dinge, nicht irgendwelche Theorien von philosophischen Autoritäten sollten von jetzt an, ohne Voraussetzung irgendwelcher Hypothesen, der Prüfstein für die Wahrheit wissenschaftlicher (d. h. wirklich wahrer) Aussagen über die Wirklichkeit sein.
So hatte Galileo Galilei (1564-1642) wenige Jahrzehnte vor Newton die uralte Behauptung der aristotelischen „Physik", fallende Körper würden je nach ihrem verschiedenen Gewicht unterschiedlich schnell zu Boden fallen, zum Staunen der ganzen Welt experimentell widerlegt. Es zeigte sich: Alle Körper, ob groß oder klein, ob schwer oder leicht, ob aus Holz oder aus Gold, fallen (ohne Luftwiderstand) in Wahrheit gleich schnell.
Das ist eine experimentell erfahrene Tatsache. In ihr tritt unmittelbar die Wahrheit der Natur in Erscheinung.
Entgegen der Behauptung der modernen Wissenschaftstheorie, dass jede Beobachtung eine Theorie voraussetze, liegt dem Ergebnis der Fallexperimente Galileis keine Theorie zugrunde. Offensichtlich zeigte sich hier die Realität selbst, oder eben „die Wahrheit der Natur", objektiv und absolut. Das Gleiche gilt für den oben geführten experimentellen Nachweis der Quantifizierung der Gravitation.
Die Experimente Galileis bewiesen über das unmittelbare Ergebnis hinaus, dass die methodische Naturforschung eindeutige Prinzipien der Natur zutage bringen kann. Es trifft erwiesenermaßen nicht zu, was Immanuel Kant behauptete: dass Naturforscher nur das erkennen könnten, was sie selbst „nach ihrem eigenen Entwurfe" vorgegeben haben. Die Natur ist da, sie ist erforschbar, und sie ist kein Chaos. Sie erweist sich dem Experimentator als geordnetes System, als „Kosmos", wie das schon die griechischen Philosophen vor Aristoteles erkannt hatten.
Galileo Galilei schreibt in diesem Sinn 1632, in seinem (damals von der Kirche verurteilten) Buch, das unter dem Titel „Dialogo" bekannt ist, über die neue Wissenschaft:
„Im Streit um Rechtsfragen oder um andere menschliche Dinge, in denen es weder Wahres noch Unwahres gibt, mag einer wohl auf seinen Scharfsinn, seine Schlagfertigkeit und seine größere Belesenheit vertrauen und hoffen, dass der in diesen Dingen Überlegene auch als der Klügere erscheinen und beurteilt werden wird.
Aber in den Naturwissenschaften, deren Schlüsse wahr und notwendig sind, und wo menschliche Willkür nichts vermag, muss man sich hüten, das Falsche zu verteidigen, weil tausend Männer wie Demosthenes und tausend wie Aristoteles nichts ausrichten gegen irgendeinen mittelmäßigen Kopf, der das Glück gehabt hat, die Wahrheit zu erkennen."
Die Royal Society und die Philosophie
Etwas später gründeten englische Gelehrte um 1660 in London die „Royal Society" unter dem Wahlspruch: „Nullius in verba". Das heißt: Wir geben nichts auf die Lehren welches Gelehrten auch immer. Lehrmeister aller wahren Erkenntnis sollte von nun an ausschließlich die Natur selbst sein, die so ist, wie sie ist, und nicht so, wie irgendein großer Peripatetiker sie sich vielleicht anders vorgestellt hat.
Einer dieser englischen Gelehrten, Henry Power, schreibt 1663 in seinem Buch „Experimental Philosophy" programmatisch:
„This is the age wherein Philosophy comes in with a Spring-tide; and the Peripateticks may as well hope to stop the Current of the Tide, or (with Xerxes) to fetter the Ocean, as hinder the overflowing of free Philosophy: Methinks, I see how all the old Rubbish must be thrown away, and the rotten Buildings be overthrown, and carried away with so powerful an Innundation. These are the days that must lay a new Foundation of a more magnificent Philosophy never to be overthrown; that will Empirically and Sensibly canvass the Phenomena of Nature, deducing the Causes of things from such originals in Nature, as we observe are producible by Art, and the infallible demonstrations of Mechanics; and certainly, this is the way, and no other, to build a true and permanent Philosophy."
Die Begeisterung dieses Philosophen, nach allen scholastischen („peripatetischen") Verirrungen endlich einen tragfähigen Neubeginn des philosophischen Forschens nach der Wahrheit gefunden zu haben und zu erleben, ist unüberhörbar.
Newton und die experimentellen Philosophen des 17. Jahrhunderts verstanden die Natur, die Realität, als wahre und einzige, zugleich aber zuverlässige Quelle allen natürlichen menschlichen Wissens. Deshalb lehnten sie alle noch so gelehrten Hypothesen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, in der wir leben, entschieden ab: „Hypotheses non fingo". Newton schreibt, es interessiere ihn nicht, nach welchen Prinzipien Gott die Welt hätte erschaffen können, wenn er es gewollt hätte, sondern, nach welchen er sie wirklich erschaffen hat.
1687 veröffentlichte Newton in London sein philosophisches Hauptwerk, die „Philosophiae naturalis principia mathematica", die mathematischen Prinzipien der natürlichen Philosophie. Das Werk, bestehend aus zwei Büchern „De motu" (über die Bewegung) und einem dritten „De systemate mundi" (über das Weltsystem), beweist aus der natürlichen Erfahrung die Erkennbarkeit der tatsächlichen, wahren und wirklichen Bewegung von Körpern als Wirkung ursächlich bewegender, nichtmaterieller (spiritueller) „Kräfte der Natur".
Mit dem Nachweis der Erkennbarkeit wahrer Bewegung aus ihren erzeugenden Ursachen ist für Newton zugleich die Existenz eines Schöpfers erwiesen, von dem sich „alles" herleitet. Deshalb schreibt er in einer 1713 dem Werk hinzugefügten allgemeinen Anmerkung („Scholium generale"), dass die „Rede von Gott" unbedingt zur wissenschaftlichen Naturlehre gehört.
Das ist genau das Gegenteil der Haltung, welche die moderne Wissenschaft zur „Gottesfrage" einnimmt. Es wird sich zeigen, dass diese Wissenschaft, so sehr sie sich auch auf Newton als einen ihrer „Gründungsväter" beruft, nicht nur in der Gottesfrage das Gegenteil dessen lehrt, was Newtons neue Wissenschaft ausgemacht hatte.
2. Was unterscheidet wissenschaftliche Theorien von Märchen?
Die Behauptung der Wahrheitsfähigkeit der neuen Wissenschaft „nuova scienza" Galileis, der „experimental philosophy" Newtons, und ihr betonter Wahrheitsanspruch waren ihre besonderen Merkmale. Alledem lag die Verwerfung jeder hypothetischen oder theoretischen „Voraussetzung" zugrunde. Denn wer sich nicht auf die Natur selbst, sondern auf menschliche Voraussetzungen (Hypothesen, Theorien) „über die Natur" stützt, so liest man im Vorwort des Herausgebers der „Principia"-Ausgabe von 1713, Roger Cotes, der verfehlt die Wahrheit der Natur zwangsläufig und immer. Cotes schreibt:
„Von denjenigen, welche die Grundlage für ihre Überlegungen aus bloßen Hypothesen nehmen, wird man auch dann, wenn sie im Weiteren genauestens nach mechanischen Gesetzen vorgehen, sagen müssen, dass sie ein Märchen, wohl ein geschmackvolles und reizendes, aber eben doch nur ein Märchen zusammenreimen."
Ist das, was auf Hypothesen gestützt und aus ihnen hergeleitet wird, notwendigerweise ein Märchen?
Märchen sind ausgedachte, frei erfundene, mit Hypothesen beginnende und auf Hypothesen gestützte Texte. Ihr erkenntnistheoretischer Status ist dadurch charakterisiert, dass sie Gedankengebilde sind, die ausschließlich der menschlichen Phantasie entspringen, nicht der natürlichen Erfahrung. Sie handeln nicht von Tatsachen. Sie gehorchen prinzipiell keinem Gesetz von Ursache und Wirkung. Im Märchen ist alles möglich. Selbst wenn aber in einem Märchen im Einzelfall aus einer Hypothese Folgerungen in Übereinstimmung mit der mechanischen Erfahrung gezogen werden, so bleibt das Ergebnis doch, wie Roger Cotes richtig sagt, ein Märchen; zum Beispiel eines, das der technischen Phantasie des modernen Menschen entgegenkommt, indem es aus einer phantastischen Hypothese – beispielsweise aus der Annahme der Möglichkeit von Reisen in die Zeit – „nach mechanischen Gesetzen" (Cotes) pseudorealistische Folgerungen etwa über die Begegnung mit längst Verstorbenen zieht. Man nennt das treffend „Science Fiction".
Roger Cotes bringt es auf den Punkt: Alles, was mit einer freien Erfindung beginnt, also auf einer Hypothese beruht, gleichgültig, ob eine Geschichte mit einem ausgedachten armen Mädchen anfängt, das im kalten Winter Schwefelhölzchen verkauft, oder ob sie von einem ausgedachten Raumfahrer handelt, der zu einer fernen Galaxie aufbricht, ist und bleibt aufgrund seines Ursprungs in der menschlichen Phantasie erkenntnistheoretisch immer ein Märchen, eine Fiktion.
Der „fiktionale" Charakter gilt für „wissenschaftliche" Theorien ganz genauso.
Die Bestätigung dieser provozierenden Behauptung liefert ein namhafter theoretischer Physiker: Albert Einstein.
Rund zweihundertundzwanzig Jahre nach Cotes hielt Einstein einen Vortrag „Zur Methodik der theoretischen Physik", in dem er den erkenntnistheoretischen Status physikalischer Theorien behandelte. Der Vortrag ist abgedruckt in seinem 1934 erschienenen Buch „Albert Einstein, Mein Weltbild". Skizziert wird darin die erhellende Auffassung dieses Experten „vom rein fiktiven Charakter" der Grundlagen physikalischer Theorien, insbesondere auch seiner eigenen, der „Relativitätstheorien".
„Fiktiv" heißt aber: erfunden, erdacht, frei angenommen. Ein Märchen. Es ist das Gegenteil von „real". Folgerichtig nennt Einstein die Theorien der Physiker (einschließlich seiner eigenen)
„freie Erfindungen des menschlichen Geistes, die sich weder durch die Natur des menschlichen Geistes, noch sonst in irgendeiner Weise a priori rechtfertigen lassen".
Tatsächlich wird dem entsprechend die allgemeine Relativitätstheorie Einsteins gerade deswegen bewundert, weil sie ein reines Gedankending ist, gewonnen ohne jeden Bezug auf irgendeine Erfahrungstatsache, eben eine ausgedachte „freie Erfindung" – ein Märchen.
In seinem Vortrag von 1934 thematisiert Einstein die Naturlehre Newtons. Ist auch sie nur eine „Fiktion"?
Einstein nennt Newton den „ersten Schöpfer eines umfassenden, leistungsfähigen Systems der theoretischen Physik"- was Unsinn ist. Denn Newton hat kein „System" geschaffen, und ganz gewiss keine „theoretische Physik". Newton erforschte die unserer Erfahrung gegebene reale Natur, die, aus Materie und Geist in Wechselwirkung betehend, so ist, wie sie ist. Insbesondere erforschte er die spirituellen „Kräfte der Natur", der belebten wie der unbelebten (wenn es eine eine unbelebte Natur überhaupt geben sollte), einschließlich der Kräfte des „Willens", die allen Lebewesen zukommen (Principia 1713, Buch III, Scholium generale am Ende). Von diesen spirituellen Entitäten weiß die materialistische Physik – nichts.
Aber weiter mit Einstein: Dieser Gelehrte behauptet, Newton habe irrtümlich noch
„daran geglaubt, dass die Grundbegriffe und Grundgesetze seines Systems aus der Erfahrung abzuleiten seien: Sein Wort ‚hypotheses non fingo' ist wohl in diesem Sinne zu interpretieren".
Überhaupt seien die Naturforscher früherer Zeiten fälschlich „vom Gedanken durchdrungen" gewesen, dass die Grundbegriffe und Grundgesetze der Physik „nicht im logischen Sinne freie Erfindungen des menschlichen Geistes seien, sondern dass dieselben aus Experimenten … abgeleitet werden könnten," dass sie also gerade keine „Märchen" seien, sondern Tatsachen.
Einstein weist das zurück. Seine allgemeine Relativitätstheorie habe bewiesen, dass alle früheren Naturforscher sich mit ihrer „realistischen" Auffassung grundlegend geirrt hätten. In Wahrheit hätten sie alle nur Fiktionen vorgestellt und aus diesen, nicht aber aus Beobachtung und Experiment, ihre Erkenntnisse hergeleitet. Einstein schreibt:
„Die klare Erkenntnis von der Unrichtigkeit dieser Auffassung (Newtons und anderer) brachte eigentlich erst die allgemeine Relativitätstheorie".
Einsteins zitierte Behauptungen entbehren jeder realen Grundlage. Noch einmal: Weder hat Newton ein „System der theoretischen Physik" geschaffen, noch hat Newtons Naturlehre überhaupt mit „Physik" zu tun (ein Terminus technicus zur Bezeichnung der materialistisch-atheistischen Wissenschaft, den man in Newtons Principia vergeblich sucht).
Richtig ist nur, dass Newton in der Tat „die Grundbegriffe und Grundsätze" seiner Lehre als Tatsachen „aus der Erfahrung" gewinnen wollte und auch wirklich gewann, nämlich methodisch durch Deduktion aus der Erfahrung. Das kann man in den Principia nachlesen – die Einstein, wie er andernorts einräumte, niemals studiert hat.
Wie man sieht, bestritt Einstein die Möglichkeit experimenteller Erfahrung überhaupt und hielt die menschliche Erfindungskraft, obwohl sie nur „Fiktionen" hervorbringe, für die einzige Erkenntnisquelle der Wissenschaft. Er folgte damit der Philosophie Immanuel Kants (den er seit früher Jugend las und sehr bewunderte). Dieser Grundhaltung, die der menschlichen Fantasie als Quelle der Erkenntnis den obersten Rang einräumt („theory first"), entspricht der gelegentlich zu hörende zynische Satz „If the facts don't fit the theory then change the facts" durchaus, und es kommt gar nicht darauf an, ob z. B. Einstein das wirklich so gesagt oder geschrieben hat.
Zu Kants Philosophie wird weiter unten noch einiges gesagt werden. Hier genügt es festzustellen, dass mit Kant und Einsteins Methode wissenschaftlichen Arbeitens jeder Wahrheitsanspruch der Wissenschaft hinfällig wird. Denn der Wirklichkeitsbezug einer Theorie kann niemals aus deren Übereinstimmung mit eben dieser vorab konstruierten sogenannten „Wirklichkeit" hergeleitet werden. Vielmehr wären dann von der Lehre (Theorie) ausgehend Tatsachen aufzusuchen, die so interpretiert werden könnten, dass sie zu den „Vorhersagen" der Theorie passen. Dann wäre aber „die Wirklichkeit" eben das, was die Theorie vorhersagt und beschreibt: „If the facts don't fit the theory ….".
Genau diese Position steckt in der vielfach verbreiteten Anekdote über ein folgenreiches Gespräch Einsteins mit Werner Heisenberg in Berlin, im Frühjahr 1926. Darin belehrte Einstein seinen mehr als zwanzig Jahre jüngeren Kollegen:
„Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann".
„Theory first!" Das leuchtete allen modernen Physikern in aller Welt sofort ein, ebenso, wie es damals den jungen Werner Heisenberg elektrisierte. Einsteins Wort wurde zu einem Eckstein nicht nur der Heisenbergschen Wissenschaftslehre, sondern überhaupt der „modernen Physik".
Dieses Wort liegt übrigens auch dem arrogant-abschätzigen Urteil über „die Realität" zugrunde, das in dem gern zitierten Satz eines Philosophen steckt (es war wohl Hegel, der sich das leistete):
„Wenn die Tatsachen mit meiner Theorie nicht übereinstimmen, umso schlimmer für die Tatsachen".
Hier wird sinngemäß behauptet, Theorien seien immer richtig; „falsch" könne überhaupt nur „die Wirklichkeit" sein! Diese, d. h. die „Tatsachen", müssten gegebenenfalls der Theorie angepasst werden, um „gelten" zu können.
„Theory first"?
Ein Beispiel: In einem im Juliheft 2025 der Zeitschrift „Physik Journal" erschienenen Artikel (Kai Schmitz, „Rauschende Raumzeit") wird über die „Jagd" nach „Gravitationswellen" berichtet. Das sind fiktive Erscheinungen (mathematische „Singularitäten"), die Einstein schon 1916 aus seiner ebenfalls fiktiven allgemeinen Relativitätstheorie abgeleitet (deduziert, „vorausgesagt") hatte, als angebliche „Störungen der (wiederum fiktiven) Raumzeit".
Zugrunde liegt die Einsteinsche Hypothese, Raum und Zeit seien als „Raumzeit-Kontinuum" allgegenwärtig in einer Art flexibler Substanz miteinander verbunden (die im Schulalltag gern als reales „Gummituch" beschrieben wird). Darin könnten sich „Störungen" wellenartig mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten und am Empfangsort ggf. über Jahrmilliarden hinweg von kosmischen Ereignissen berichten, die solche Störungen der Raumzeit ausgelöst haben.
Als Ereignisse dieser Art werden bevorzugt „Verschmelzungen kompakter astrophysikalischer Objekte" (Schmitz) behauptet, die, in unvorstellbarer Entfernung von der Erde, einander bzw. einen gemeinsamen Schwerpunkt umkreisen, dabei, kontinuierlich Gravitationswellen abstrahlend, langsamer werden (so behaupten die Lehrbücher, gegen alle mechanische Erfahrung), bis sie schließlich in einer kosmischen Katastrophe ineinander stürzen („verschmelzen"). Dieser Vorgang soll dann ein „Gravitationswellenereignis" auslösen, das sich durch das „Gummituch Raumzeit" fortpflanzt und in der Zukunft ggf. in den entferntesten Ecken des Weltalls detektiert werden kann, also auch auf der Erde!
Freilich kann man nur dann, wenn man Einsteins Theorie kurzerhand als „richtig", d. h. als zutreffende Beschreibung der Realität voraussetzt, und wenn man den logischen Zirkel nicht scheut, „theory first", Folgerungen über die tatsächliche Existenz von Objekten, welche diese Theorie fingiert, aus ihr selbst ziehen, seien es Gravitationswellen oder „Schwarze Löcher" oder was immer sonst.
A propos „Schwarzes Loch": Dass der schon genannte Astronom Reinhard Genzel 2020 sogar den Nobelpreis erhielt, weil er, die Richtigkeit der Einsteinschen Theorie ausdrücklich voraussetzend, ein kosmisches Objekt als Einsteinsches „Schwarzes Loch" identifizierte, beweist natürlich nicht die reale Existenz solcher Objekte. Man versuche nur einmal, diese Existenz ohne Voraussetzung der Einsteinschen Theorie einfach aus der natürlichen Erfahrung herzuleiten …
Die Physiker aber folgen seit mehr als einhundert Jahren längst nicht mehr, wie Galilei und Newton, den Gesetzen der Natur und der Mechanik. Sie orientieren sich nicht an Tatsachen, sondern an Tatsachenbehauptungen, an fiktiven Theorien (als angeblich „höchste Form physikalischer Erkenntnis"), und an daraus mathematisch deduzierten „Vorhersagen", die kurzerhand für die Realität genommen werden.
Demgemäß sind seit langem schon Detektoren (großformatige Interferometer) an verschiedenen Standorten in aller Welt in Betrieb, die nach realen Gravitationswellen suchen. Empfangen sie irgendein unbekanntes Signal, so werden fiktive Signale, die maschinell aus der allgemeinen Relativitätstheorie rechnerisch hergeleitet werden, damit verglichen. „Passt" ein gemessenes Signal mit einem fiktiv errechneten zusammen, so heißt es, „theory first", man habe wirklich eine Gravitationswelle gemessen, d. h. durch Messung identifiziert. Womit dann zugleich die Theorie, aus der die Existenz dieser Welle folgen soll, zirkulär als „bestätigt" unterstellt wird.
In Wahrheit hat man willkürlich einem gemessenen, realen Wellenphänomen kurzerhand die errechneten Charakteristika einer fiktiven Gravitationswelle als „real" zugeordnet.
Das Wort „zirkulär" besagt, dass ein scheinbarer „Existenzbeweis" geführt wird, indem die Existenz dessen, was da bewiesen werden soll („Gravitationswellen"), schon in den hypothetischen Voraussetzungen des Arguments, nämlich in der ohne Beweis vorausgesetzten Theorie enthalten ist und im Weiteren als bewiesen unterstellt wird („petitio principii").
3. Wie kommt es, dass ernsthafte Naturwissenschaftler ihren Gegenstand „Natur" (oder: „die Realität") nach dem bestimmen wollen, was ihre Theorien lehren, anstatt umgekehrt diese Theorien an der erfahrbaren Realität zu messen und ggf. als unrealistisch bzw. absurd zu verwerfen?
Wie ist es möglich, dass Wissenschaft heute - in absolutem Widerspruch zu Newtons Diktum gegen Hypothesen - generell (und, wie es scheint, auch erfolgreich) auf der Grundlage von Hypothesen betrieben wird?
Als Isaac Newton in London gerade zweiundachtzig Jahre alt war, kam in Königsberg Immanuel Kant (1724-1804) zur Welt. Dieser wohl berühmteste deutsche Philosoph, seit 1770 Inhaber eines Lehrstuhls für Logik und Metaphysik an der Universität von Königsberg, unternahm es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, mit einer vermeintlich neuen Wissenschaftslehre die mathematische Naturphilosophie Isaac Newtons „auf den philosophischen Begriff zu bringen", wie die Philosophen sagen, das heißt, begrifflich in Worte zu fassen. 1781 veröffentlichte Kant seine „Kritik der reinen Vernunft". 1786 folgte ein Werk mit dem Titel „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft", 1787 dann die zweite Ausgabe der „Kritik", auf deren „Vorrede" ich mich im Folgenden beziehe.
In dieser Vorrede nimmt Kant die Methode der „experimentellen Naturphilosophie" Newtons ins Visier. Kant setzt dabei seine eigene (philosophische; geisteswissenschaftliche) Wissenschaftslehre voraus. Deren Kernstück besteht in einer Hypothese. Die stellt er der hypothesenfreien, auf Erfahrung gegründeten „experimentellen Philosophie" der Naturforscher gegenüber, wobei er Galileo Galilei, dessen Schüler Evangelista Torricelli, und Georg August Stahl – aber merkwürdigerweise weder Francis Bacon noch Isaac Newton - mit Namen nennt.
Kants Hypothese lautet im Widerspruch zur Methodenlehre der experimentellen Naturphilosophie: Rein empirisch, aus der bloßen sinnlichen Erfahrung, gewinnt man keine Erkenntnisse. Aller Erfahrung vorausgehen muss unbedingt die philosophische Klärung der „Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung".
Das heißt aber: Der Naturforscher müsse, damit er „sieht", was da „ist", eine Brille aufsetzen, die ihn „sehend" macht. Diese „Brille" wäre dann die „Bedingung der Möglichkeit", überhaupt „sehend" Erfahrungen zu machen. Da diese „Brille" selbst kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, ist sie nichts anderes als eine Hypothese. Ist das Glas der Brille grün, so wird der Forscher freilich alles „in grün" sehen. Die Hypothese bestimmt für Kant den Forschungsgegenstand.
Dann sind es aber nicht mehr die tatsächlichen Dinge der Außenwelt, deren Erforschung unsere Erkenntnis leitet, sondern unsere eigenen Hypothesen bestimmen darüber, was wir sehen, und in welcher Farbe.
Das Verfahren ist offenbar wiederum zirkulär. Die Erkenntnisse, die aufgrund von Hypothesen gewonnen werden (die „grünen" Bilder der durch die grüne Brille betrachteten Umwelt), stimmen mit der Voraussetzung „grüne Brille" überein, von der sie hergeleitet werden (petitio principii). Das ist der Kern der Kantischen Erkenntnistheorie. Das ist auch der Kern der methodischen „Überprüfung von Hypothesen" an diesen selbst, womit wiederum die Kritik dieser Methode auf den Punkt gebracht ist.
Als wesentliche Hypothesen, das heißt, als aller Naturforschung vorauszusetzende Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung bezeichnet Kant den „absoluten Raum" und die „absolute Zeit", weil alle unsere Erfahrungen unvermeidlich „in Raum und Zeit" stattfinden, d. h. die Existenz von Raum und Zeit (als Maß- und Bezugssystem) zwingend voraussetzen.
Für „Raum" und „Zeit" gilt aber nach Kant dasselbe wie für die genannte „grüne Brille": Sie sind selbst keine Tatsachen, keine objektiv-realen Gegenstände der Erfahrung, sondern hypothetisch. Sie existieren – immer nach Kant - nicht „außer" uns, sondern sie sind sozusagen unverzichtbare „Organe" des menschlichen Wahrnehmungsvermögens.
Die Konsequenz aus dieser Raum-Zeit-Lehre für die messende Naturwissenschaft, die bis dahin Raum und Zeit als absolute (reale) Maßstäbe für die Messung von relativen Räumen (repräsentiert durch Lineale usw.) und relativen Zeiten (repräsentiert durch Uhren) nutzte, zieht mehr als einhundert Jahre nach Immanuel Kants dessen gläubiger und gelehriger Schüler Albert Einstein. Er entwickelt 1905 eine ausdrücklich auf das vorausgesetzte „Relativitätsprinzip der Bewegung" gegründete mathematische Lehre der Messung der Bewegungen von Körpern ohne absolute Maßstäbe. Räume und Zeiten werden nun nicht mehr an Raum und Zeit, an Linealen und Uhren, sondern an relativen und variablen räumlichen und zeitlichen Bewegungszuständen der Körper gemessen, welche Zustände relativ zu beliebigen „Bezugskörpern" bestimmt werden: Das ist die spezielle Relativitätstheorie.
Ihr folgt 1915 die „allgemeine" Relativitätstheorie, die nun zwar Raum und Zeit scheinbar als objektive Gegenstände der Wissenschaft zurückbringt, jedoch nur verbunden als „Raumzeit". Diese ist aber – immer nach Einstein - nichts Absolutes, sondern ein variables Etwas („Gummituch"!), das unter dem behaupteten Einfluss der Gravitation massiver Körper, zumal großer Himmelskörper, seine geometrische Struktur verändert, und zwar in je größerer Abweichung von geraden Linien zu gekrümmten, zu Kurven, je größer die Masse ist, welche (Einstein zufolge) die Krümmung verursacht.
Die Einsteinschen Relativitätstheorien beruhen somit beide nicht auf der Erkenntnis von Tatsachen, sondern ausschließlich auf dem frei erfundenen Gedanken (auf der Hypothese), dass Raum und Zeit nichts Unveränderliches, keine Absoluta seien. Da nun aber „alles", was wir erfahren können, in Raum und Zeit geschieht, so geht mit dem Verlust des absoluten räumlich-zeitlichen Maß- und Bezugssystems die eindeutige („absolute") Möglichkeit der messenden Erfahrung von Tatsachen überhaupt verloren. Zugleich damit kommt der Wissenschaft die Möglichkeit eindeutig „wahrer" Erkenntnis, das heißt der Zugang zur Realität, d. h. zur objektiven Wahrheit der Natur abhanden.
Dies geschieht, wie gesagt, nicht auf der Grundlage irgendwelcher realer Einsichten in die Natur der Dinge, sondern allein in der Folge eines Gedankens. Die Realität, die Wirklichkeit „der Welt" wird auf diese Weise unter der Hand zu einem Produkt der menschlichen Erfindungskraft. Nichts ist dann mehr, was es ist. Nichts ist mehr unverbrüchlich „wirklich und wahr", sondern „alles" steht zur freien Disposition des Denkens. Die Unterscheidung von „Denken" und „Sein", von Fiktion und Realität, von Tatsachen und Märchen ist aufgehoben. Es gibt keine „absolute Wahrheit" in der raumzeitlichen Welt, die Albert Einstein eingerichtet hat.
Konsequent erklären heutige Wissenschaftler, mit der Wahrheit „nichts am Hut zu haben" (Harald Lesch). Ganz ebenso, wie ihnen die „Rede von Gott" abhandengekommen ist, die Newton noch als unverzichtbares Element der Naturforschung bezeichnete, so ist den Wissenschaftlern infolge der allgemeinen Akzeptanz von Kants erkenntnistheoretischer Kritik der experimentellen Philosophie des 17. Jahrhunderts auch die Rede von der „Wahrheit der Natur" unmöglich geworden.
Kant nannte seinen intellektuellen Salto mortale, nicht unsere Erkenntnis müsse sich nach den Dingen, sondern umgekehrt müssten die Dinge sich nach unserem Erkenntnisvermögen richten, seine „Kopernikanische Wende". Diese Wende hat nun durch Albert Einstein und seine Nachfolger dahin geführt, dass heutige Naturforscher nicht mehr auf der Grundlage von Tatsachen nach Wahrheit und Erkenntnis streben, sondern sie suchen nach Theorien, nach der Übereinstimmung von Theorien mit anderen, und nach Erfolgen ihrer Anwendung.
4. Zur Kritik des Kantischen intellektuellen „Salto mortale".
Immanuel Kants „Kopernikanische Wende", die er in der Vorrede zur zweiten Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft" skizziert, beruht wiederum auf einer Hypothese – und zwar einer zweifelsfrei falschen. Kant unterstellt nämlich, Nicolaus Copernicus habe anstelle der damals herrschenden Lehre vom Ruhen der Erde und der Bewegung der Sonne einfach die Perspektive umgedreht, so dass nunmehr die Erde sich bewegen, die Sonne aber ruhen sollte – und gerade hierdurch habe er der Wissenschaft den richtigen Weg gewiesen.
Wer aber Nicolaus Copernicus selbst studiert, findet schon in dessen kleiner Schrift von ca. 1510, die als „Commentariolus" bezeichnet wird, in der „tertia petitio" (dem dritten „Grundsatz") die Feststellung, die ich eingangs mit Newtons Lehrsatz XII belegt habe:
Die Sonne (bzw. ihr Mittelpunkt) ist, wie man sicher weiß, nicht der ruhende Drehpunkt des Systems. Vielmehr umkreisen alle Körper des Sonnensystems und auch die Sonne selbst dessen „Schwerpunkt", das „Gravizentrum" (einen leeren Punkt im Raum, einen „Ort" im Raum, der ebenso absolut ruht wie der Raum selbst), was nach der mechanischen Erfahrung auch gar nicht anders sein kann (Newton, Principia Buch I, Corol. IV zu den Gesetzen). Das weiß auch die moderne Astronomie, obwohl sie ansonsten, widersprüchlich, mit Einsteins fiktiver allgemeiner Relativitätstheorie die Sonne als „ruhenden Zentralkörper" behandelt.
Alles, was aus der erfahrungsfernen allgemeinen Relativitätstheorie hergeleitet wird – „Schwarze Löcher" in der „Raumzeit", „Gravitationswellen" als Störungen (Stauchungen, Verzerrungen) dieses Raumzeitkontinuums – fällt aber, zusammen mit den märchenhaft-absurden Hypothesen über „Raum" und „Zeit", die Albert Einstein sich vor über einhundert Jahren ausdachte, ersatzlos weg, wenn man die den mechanischen Prinzipien zuwiderlaufende „Zentralkörper-Hypothese" an der Erfahrung korrigiert.
Immanuel Kants ebenso wirkungs- wie verhängnisvolle „Wende" beruht darüber hinaus auf einer weiteren falschen Annahme. Kant behauptet nämlich, die menschliche Vernunft könne überhaupt nur das einsehen, „was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt". Dies sei den Experimentalwissenschaftlern seiner Zeit (namentlich nennt er Galileo Galilei, Evangelista Torricelli, und Georg Ernst Stahl) als „ein Licht aufgegangen". Und deshalb hätten diese Naturforscher ihre Experimente so eingerichtet, dass ihre Ergebnisse bestätigten, was die Forscher von ihnen erwarteten.
Kants gewundene, schwer nachvollziehbare Argumentation enthält im Kern die nachgerade ehrenrührige Behauptung, die Experimentalphysiker könnten und würden nur Ergebnisse erzielen, die sie selbst sozusagen vorprogrammiert hätten.
Das riecht nach Täuschung und Betrug.
Indessen fällt der Verdacht auf den zurück, der ihn erhoben hat. Kant verschweigt, was Galileo Galilei tatsächlich berichtet (auf seine Experimente zum Fallgesetz, die Kant ausdrücklich heranzieht, beschränke ich mich hier), dass nämlich das Resultat seiner Versuche das ganze Gegenteil dessen ans Licht brachte, was er vermutet und erwartet hatte: Die Geschwindigkeit eines fallenden Körpers wächst nicht (wie Aristoteles behauptet hatte) proportional zum Fallweg (je weiter je schneller), sondern proportional zur Zeit des Fallens (je länger je schneller).
Galileis Fallversuche bewiesen folglich genau das, was Kant für unmöglich erklärte (wobei er Galilei unter falscher Tatsachenbehauptung implizit unterstellte, seine Versuchsergebnisse manipuliert zu haben): Sie bewiesen ein Ergebnis, welches Galileis Vernunft gerade nicht „nach ihrem eigenen Entwurfe" hervorgebracht hat, sondern das die Natur den Forscher sozusagen über ihre wahre Verfassung „eines Besseren belehrte".
Darüber hinaus bewiesen diese Versuche, dass die Natur kein ungeordnetes „Chaos" ist, in das erst der Mensch durch seine Vernunft Ordnung bringen muss. Im Gegenteil: Die Natur, der „Kosmos", hat eine eigene, rationale Ordnung, eine „innere Vernunft", welcher der Naturforscher dann, aber nur dann auf die Spur kommen kann, wenn er die Sprache versteht, in der das „Buch der Natur" geschrieben ist: Das ist, wie Galilei in seinem 1623 erschienenen Werk „Il Saggiatore" (die Goldwaage) darlegt, die natürliche Geometrie. Ohne deren Kenntnis irrt der Forscher nur in der Natur herum wie in einem finsteren Labyrinth.
Die skizzierte Argumentation Immanuel Kants, dass es nicht möglich sei, ohne eine theoretische Grundlage allein aus der natürlichen Erfahrung Erkenntnisse zu gewinnen, kennzeichnet alle philosophischen Behauptungen über die Notwendigkeit eines theoretischen Fundaments der Naturforschung a priori. Sie liegt auch der heute herrschenden Wissenschaftslehre zugrunde, welche behauptet, es gebe keine „Beobachtung" ohne vorausgehende „Theorie" darüber, was da beobachtet wird; anders gesagt:
„Jede Beobachtung ist eine Beobachtung im Lichte einer Theorie" (Hans Poser, Wissenschaftstheorie, Reclam 2012).
Und diese Lehre wurzelt in Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft", in der sogenannten „Kopernikanischen Revolution" die nun, konfrontiert mit Galileis Fallexperimenten als philosophischer Missgriff entlarvt ist: Wenn es auch sein mag, dass die Geisteswissenschaft Philosophie ihre geisteswissenschaftlichen Forschungsgegenstände selbst bestimmt und bestimmen muss, so kann das doch keinesfalls für die naturwissenschaftliche Forschung gelten. Denn deren Gegenstände sind dem Forscher „von Natur aus" vorgegeben.
Es steht aber noch ein weiteres Argument dafür zur Verfügung, dass Naturforschung eben nicht darin besteht, Regelmäßigkeiten zu beschreiben, die der Forscher vorab selbst erfindungsreich „theoretisch" (hypothetisch und zirkulär) konstruiert hat.
Tatsächlich beweist die reale Existenz der Erfahrungswissenschaft „Mechanik" und ihre durch keine „Theorie" vorab festgelegte, in Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte vielfach und immer wieder vor Augen gestellte und bestätigte Leistungsfähigkeit das Gegenteil: Die Mechanik ist keine „Erfindung des Menschen". Und deshalb beweist sie die uns vorgegebene vernünftige Ordnung des „Kosmos".
Zu ergänzen ist, dass voraussetzungslos durch Erfahrung gewonnene mechanische Prinzipien nicht nur zum menschlichen Erfahrungsschatz gehören. Sie stehen auch Tieren zur Verfügung, die sich ihrer bedienen – und zwar „natürlich", ohne jede „theoretische" Grundlage. Jede Katze, die erfolgreich nach einer Maus jagt, und jeder Affe, der von Baum zu Baum springt, hat zuvor die mechanische Weite des Sprungs und die erforderliche mechanische Sprungkraft aus Erfahrung richtig abgeschätzt, ohne mit Kant über die „Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung" nachgedacht zu haben.
5. Das Fazit: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ….
„Hypotheses non fingo". Der kritische Blick über den philosophischen Tellerrand hinaus auf die erfahrbare Realität des Lebens lehrt: Mit Hypothesen und logischer Deduktion zu operieren ist das Charakteristikum einer spezifischen, natur- und deshalb wahrheits-fernen Form des menschlichen philosophischen Denkens: des zirkulären anthropozentrischen Intellektualismus.
Man kann den Weg der Entwicklung dieser Philosophie zurückverfolgen bis zu den griechischen Philosophen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts. Protagoras von Abdera (ca. 485-415) ist der erste bekannte Denker jener Zeit, der, anders als die griechischen Naturphilosophen bis hin zu Platon, nicht die Realität und die tatsächlich erfahrbare Natur, sondern den Menschen und sein Denken zum „Maß aller Dinge" erklärte. „Homo mensura": Der Mensch, nicht das objektive Sein, nicht die Natur soll darüber bestimmen, was ist und was nicht ist, was wahr ist und was nicht; was eine Rose ist und was nicht. So nimmt Protagoras vorweg, was zweieinhalb Jahrtausende später Immanuel Kant als seine „Kopernikanische Wende" bezeichnen wird.
Die „anthropozentrische" Position des Protagoras griff in der Antike Aristoteles (384-322) auf, mit seiner relativistisch-skeptizistischen Philosophie. Diese beherrschte das antike Denken bis in die Zeit des erwachenden Christentums. Der Skeptizismus gegenüber den Tatsachen, d. h. gegenüber der Realität, welcher dieser Philosophie innewohnt, wird schlaglichtartig sichtbar mit der Verachtung des gebildeten Römers Pontius Pilatus für die „Wahrheit", wovon die Bibel berichtet (Pilatus: „Was ist Wahrheit ….").
Aber die neue christliche Weltanschauung, nun weitgehend nicht mehr anthropozentrisch, sondern kosmozentrisch-theozentrisch orientiert, brachte vor zweitausend Jahren ein anderes, ein verlässliches Verhältnis zur Wahrheit hervor. Diese liegt, wie Paulus im ersten Römerbrief schreibt, mit der kosmischen Schöpfung vor aller Augen. Sie ist also durch Erfahrung und Experiment erkennbar.
Erst mehr als tausend Jahre nach Paulus, in der Scholastik ab dem 12. Jahrhundert, mit der erneuten Verbreitung des Aristotelismus im Abendland (das Morgenland hatte sich nie von der anthropozentrischen aristotelischen Philosophie abgewandt), und befördert durch die Bemühung des Thomas von Aquin (1225-1274) um eine Synthese zwischen Aristotelismus und Christentum (die freilich auf eine Re-Aristotelisierung der Philosophie hinauslief) ergab sich im „Thomismus" eine Renaissance des philosophischen Denkens, ein thomistischer „Christozentrismus": Nicht mehr (anthropozentrisch) „der Mensch an sich", sondern ein bestimmter Mensch, der menschgewordene Gott Jesus von Nazareth wird nun zum Bezugspunkt allen Denkens und Wissens gemacht, von dem her alle Urteile über richtig oder falsch, über wahr oder unwahr kommen.
Das war aber offensichtlich nur eine Variante der antiken anthropozentrisch-materialistischen und relativistischen Weltanschauung. Weiterhin blieb die objektive Realität der Natur als Quelle der Wahrheit unerkannt, trotz und gegen Paulus (Röm. I, 19 ff.).
Somit bestimmt die anthropozentrische Ausrichtung auf „den Menschen" bis in die heutige Zeit nicht nur die Wissenschaft, sondern, als „Christozentrismus", auch weite Bereiche des theologischen Denkens der verschiedensten Bekenntnisse.
Die dieser Philosophie innewohnende Ignoranz gegenüber der Wahrheit der Realität (der göttlichen Schöpfung) zeigte sich, als kirchliche Autoritäten der in der Renaissance ab dem 16. Jahrhundert aufkommenden Erneuerung einer wirklichkeits-orientierten Naturphilosophie (Nicolaus Copernicus, 1473-1543; Galileo Galilei 1564-1642) mit der Behauptung entgegentraten, der naturforschende Mensch könne niemals die Wahrheit in der Natur finden, weil er seine Wissenschaft überhaupt nur auf der Grundlage von Hypothesen betreiben könne. Die Wirklichkeit (die Wahrheit) werde immer eine andere sein, als irgendeine menschliche Hypothese behaupte. Hypothesengestützte Theorien würden, etwa am Beispiel der Astronomie, nur zeigen, wie die Verhältnisse der Himmelskörper „möglicherweise" sein könnten. Aber die wirkliche Wahrheit kenne niemand anderer als Gott allein. So der Exponent der katholischen Gegenreformation und Anhänger der thomistischen, neuaristotelischen Philosophie, Roberto Bellarmin, 1542-1621). Folglich verbot dieser wirkmächtige Kirchenmann dem Galilei, die Bewegung der Erde als „Wahrheit" zu lehren, während ihm freigestellt blieb, die von Copernicus widerlegte und mechanisch evident falsche Lehre vom Ruhen der Erde mit dem Segen der Kirche zu verbreiten …. „Was ist Wahrheit?"
Man erinnert sich hier an die Verachtung der „Wahrheit" durch den antiken Bildungsbürger Pontius Pilatus, aber auch an Isaac Newtons ganz entgegengesetztes, oben zitiertes Diktum aus dem Geist der erkannten Wahrheitsfähigkeit des Menschen: Ihn interessiere nicht, wie Gott die Welt „möglicherweise" eingerichtet haben könnte, sondern, wie er sie wirklich eingerichtet hat.
Wie man sieht, trägt die Kirche ein gerütteltes Maß Verantwortung für die Entwicklung der wahrheits-fernen „hypothetischen" Wissenschaft seit dem scholastischen Mittelalter bis in die neueste Zeit.
Der dogmatischen Realitäts- und Wahrheitsferne des anthropozentrischen philosophischen Denkens der Scholastik trat (nach Copernicus) erst der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon (1561-1626) und ihm folgend Galileo Galilei mit der Einsicht entgegen, dass der Mensch, sofern er nur die anthropozentrische Perspektive ablegt und nicht länger im Kreise denkend seinen Hypothesen folgt, sondern auf die „Sprache des Buches der Natur" hört, sehr wohl wahrheitsfähig werde und im Licht der Natur das Richtige vom Falschen unterscheiden lerne.
Ich fasse zusammen:
Schon die antiken griechischen Naturphilosophen vor Aristoteles hatten Naturforschung hypothesenfrei betrieben, das heißt ohne ideologische Voraussetzungen, als Wahrheitssuche in der Natur. Nachdem dieser Ansatz mit dem Aufkommen der anthropozentrischen Weltanschauung (Protagoras; Aristoteles) für einige Jahrhunderte verlorengegangen war, hatte ihn das frühe Christentum (Paulus) erneuert, bis er mit der Aristoteles-Rezeption ab dem 12. Jahrhundert abermals abhandenkam, als sich der natur- und erfahrungsferne und deshalb auch wahrheitsferne aristotelische Intellektualismus des anthropozentrischen logischen Denkens ab dem 13. Jahrhundert als „Scholastik" an allen abendländischen Bildungsstätten etabliert hatte (Thomas von Aquin).
Nach einer relativ kurzen Periode der „Renaissance", in der das antike Wissen anhand der Wiederentdeckung alter Schriften stückweise erneuert wurde, ist dann im 18. Jahrhundert, fünfhundert Jahre nach Thomas von Aquin, mit der Restaurierung des anthropozentrischen Philosophierens durch David Hume und durch die Kantische Philosophie auch die hypothetisch-deduktive Methode und die ihr eigene Wahrheitsferne und Wahrheitsverachtung wiedergekehrt, als vorgebliche „Aufklärung" und unter der irreführenden Bezeichnung „moderne Naturwissenschaft", während die hypothesenfreie experimentelle Naturphilosophie mitsamt ihrem Realitätsbezug und darin wurzelndem Wahrheitsanspruch verdrängt und vergessen wurde, und die kosmozentrisch-theozentrische Weltanschauung in der anschwellenden Flut aus Materialismus, Hedonismus und Atheismus versank und unterging.
Damit soll diese Reflektion, zum Ausgangspunkt zurückkehrend, ihren Abschluss finden; aber nicht, ohne zum Newton-Gedenktag an einem Beispiel noch einmal sichtbar zu machen, wie tief die weltanschauliche Kluft ist, die den modernen Menschen, insbesondere den „theoretischen Physiker" von der Naturlehre der experimentellen Philosophie und damit überhaupt von der Natur und ihrer Wahrheit trennt:
In Newtons Buch über die „Optik" findet man in der Ausgabe von 1717, am Ende der letzten „Query" (Newton formulierte dort eine Reihe von Fragen, „Queries", welche die künftige Naturforschung zu beantworten hätte), folgenden Ausblick auf die Leistungsfähigkeit und Zukunft der „experimentellen Philosophie" bzw. der Menschheit, wenn sie sich dieser realistischen und wahrheitsfähigen Philosophie bedient:
„And if Natural Philosophy in all its parts, by pursuing this method, shall at length be perfected; the bounds of Moral Philosophy will be also enlarged. For so far as we can know by Natural Philosophy what is the First cause, what power he has over us, and what benefits we receive from him; so far our duty towards him, as well as that towards one another, will appear to us by the light of Nature."
„By pursuing this method …". Ich habe dazu vor Jahrzehnten schon eine Untersuchung publiziert, die unter dem Titel „Neues über die Erkenntnistheorie Isaac Newtons" in der „Zeitschrift für philosophische Forschung" (1992 Nr. 1 S. 89) nachzulesen ist. Newtons methodische Naturforschung geht, wie ich dort gezeigt habe, von der Beobachtung der natürlichen Phänomene, d. h. von Tatsachen aus. Daraus werden die schöpferischen Prinzipien deduziert, welche den Phänomenen ursächlich zugrunde liegen. Newton ist weit davon entfernt, Erfahrungen durch „Induktion" zu verallgemeinern, wie viele ihm fälschlich unterstellt haben. Seine Methode ist „Deduktion aus der Erfahrung". „Induktion", newtonisch, ist nicht „Verallgemeinerung von Beobachtungsdaten", sondern Generalisierung deduktiv erkannter Gesetzmäßigkeiten. Dabei gilt für die Deduktion die Selbstverständlichkeit, dass, was immer „deduziert", d. h. „hergeleitet" wird, notwendigerweise die Natur der Quelle teilt, aus der es stammt. Naturgesetze entdeckt man, indem man die Natur erforscht; „nature first". Wer dagegen mit gedanklichen Hypothesen oder Theorien beginnt und aus ihnen Folgerungen herleitet, „theory first", der erforscht nicht die Natur, sondern die Reichweite der menschlichen Phantasie. Die „moderne theoretische Physik" beweist es.
Und die Deutsche Physikalische Gesellschaft beweist es, indem sie die Gestaltung ihres Periodikums „Physik Journal" phantasiebegabten Zeichnern überlässt, wie in der Ausgabe Juli 2025 geschehen. Wo der Laienwelt die Wirklichkeit von „Doppelsystemen aus „extrem massereichen Schwarzen Löchern" im „Zentrum einer Galaxie" vorgegaukelt wird, so wie in Andersens Märchen die Wirklichkeit von Kleidern aus „nichts" ….
Ich erkenne den Umstand, dass zur bildlichen Darstellung der „Einsteinschen Welt" phantasiebegabte Zeichner bemüht werden müssen, als hinreichenden, selbständigen Beweis für die Absurdität dieser pseudowissenschaftlichen Weltanschauung. Die DPG, „die Physik" hat damit die Grenzen seriöser Wissenschaft definitiv hinter sich gelassen. Ihre spekulativen, fiktiven Hervorbringungen mögen zuweilen als „Science Fiction" einen gewissen Unterhaltungswert haben, als „geschmackvolle und reizende Märchen", wie Roger Cotes sie 1713 nennt). „Erkenntnisse" und „Perspektiven" für den weiteren Weg der Menschheit, wie sie die Publikation PEP so frohgemut behauptet, liefert sie nicht.
Klar geworden ist: Die kritische Auseinandersetzung mit „Physik" ist nicht möglich ohne Kritik der Philosophie und Weltanschauung, welche der Wissenschaft zugrunde liegt. Die Realitätsferne der Moderne und die aus ihr resultierende Verherrlichung der menschlichen Erfindungsgabe, der Kult um das menschliche „Genie", hier das der Erfinder physikalischer Theorien, den man in der Denkschrift PEP dokumentiert findet, reicht weit über die Physik hinaus. Er wurzelt in neuerer Zeit in der anthropozentrischen Philosophie des Rationalismus. Diese sogenannte „Philosophie der Aufklärung", in Deutschland getragen als „deutscher Idealismus" von Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant und ihren Nachfolgern bis heute, ist verantwortlich für die auf Materialismus, Relativismus und Atheismus gegründete geistige Verfassung der Eliten der „Neuzeit". Sie war und sie ist der Nährboden für alle möglichen Zukunfts-Vorstellungen wissenschaftlicher, politischer und philosophischer „Führer".
Hinter der euphemistischen Rede von der „Aufklärung" verbirgt sich tatsächlich die Verachtung der geschaffenen objektiven Wirklichkeit, in der wir leben, weben und sind (mit Martin Luther gesprochen). Sie impliziert die Diffamierung der „Wahrheit", wie sie paradigmatisch in einem Text des Physikers Max Born zum Ausdruck kommt, den man in einer 1965 erschienenen Aufsatzsammlung Max Borns findet, unter dem bemerkenswerten Titel „Von der Verantwortung des Naturwissenschaftlers". Darin verherrlicht Born den wissenschaftlichen Relativismus wie folgt:
„Ich glaube, dass Ideen wie absolute Richtigkeit, absolute Genauigkeit, endgültige Wahrheit usw. Hirngespinste sind, die in keiner Wissenschaft zugelassen werden sollten. Diese Lockerung des Denkens (sic) scheint mir als der größte Segen, den die heutige Wissenschaft uns gebracht hat. Ist doch der Glaube an eine einzige Wahrheit und deren Besitzer zu sein, die tiefste Wurzel allen Übels auf der Welt."
Max Borns „Lockerung des Denkens" ist nichts anderes, als die Relativierung der Wahrheit. Nun ist aber Wahrheit und Wirklichkeit ein und dasselbe. Deshalb öffnet sich, wo die Wahrheit und folglich die Wirklichkeit als „Übel" und „Hirngespinst" begriffen wird, der unendliche Raum der menschlichen Phantasie. In diesem Raum entfaltet sich die moderne „Physik": wahrheitsfern, wirklichkeitsfern. Science Fiction.
Anhang:
I Isaac Newton (1686), Vorwort zu den „Principia"
VORWORT DES AUTORS AN DEN LESER
Da die Alten (nach Pappus) die Mechanik bei der Erforschung der Natur sehr hoch schätzten und die Neueren, nachdem sie die substantiellen Formen und verborgenen Eigenschaften aufgegeben haben, es unternommen haben, die Naturerscheinungen auf mathematische Gesetze zurückzuführen, so ist es der Zweck dieser Abhandlung, die Mathematik zu entwickeln, insoweit sie sich auf die Philosophie bezieht.
Allerdings ordneten die Alten die Mechanik in zwei Teilgebiete: in die theoretische, welche genau nach Beweisen vorgeht, und die praktische. Zur praktischen Mechanik gehören alle handwerklichen Künste, von denen deshalb der Name Mechanik entlehnt wurde. Da aber die Handwerker nicht besonders genau zu arbeiten pflegen, so kam es dahin, dass die Mechanik insgesamt von der Geometrie unterschieden wurde, und zwar so, dass alles Genauere der Geometrie, alles weniger Genaue der Mechanik zugeordnet wurde.
Eigentlich ist aber nicht die handwerkliche Kunst fehlbar, sondern die Handwerker. Wer weniger genau arbeitet, ist ein weniger vollkommener Mechaniker, und wenn jemand vollkommen genau arbeiten könnte, so wäre er der allervollkommenste Handerker. Zum Beispiel gehört sowohl die Herstellung gerader Linien, als auch diejenige von Kreisen, worauf die Geometrie gegründet ist, zur Mechanik. Die Geometrie lehrt nicht, wie diese Linien herzustellen sind, sondern sie erfordert sie. Sie fordert nämlich, dass der Neuling deren genaue Herstellung bereits erlernt hat, ehe er die Schwelle der Geometrie betritt; alsdann lehrt sie, wie mit dieser Arbeitsweise wissenschaftliche Probleme zu lösen sind.
Gerade Linien und Kreise herzustellen ist ein Problem, aber kein geometrisches. Seine Lösung fordert man von der Mechanik, die Geometrie lehrt den Gebrauch der Lösungen. Und die Geometrie ist stolz darauf, dass sie mit so wenigen anderswoher genommenen Grundlagen so Vieles leistet. Also gründet sich die Geometrie auf die mechanische Praxis, und sie ist nichts anderes als jener Teil der Mechanik insgesamt, welcher die Kunst des genauen Messens behauptet und beweist.
Da aber die handwerklichen Künste sich vornehmlich mit dem Bewegen von Körpern beschäftigen, so ergibt es sich, dass man allgemein die Geometrie auf die Größe, die Mechanik auf die Bewegung bezieht. In diesem Sinne wird die theoretische Mechanik die Wissenschaft von den Bewegungen sein, die aus bestimmten Kräften hervorgehen, und von den Kräften, die zu bestimmten Bewegungen erforderlich sind, und zwar genau behauptet und bewiesen. Diesen Teil der Mechanik hatten die Alten in den den handwerklichen Künsten zuzurechnenden fünf Kräften ausgebildet. Sie betrachteten deshalb die Schwere (da sie keine handwerkliche Kraft ist) kaum anders als im Zusammenhang mit Gewichten, die durch diese Kräfte bewegt werden sollten. Wir aber, die wir uns nicht um handwerkliche Künste kümmern, sondern um die Philosophie, und die wir deshalb nicht über die handwerklichen, sondern über die natürlichen Kräfte schreiben, behandeln bevorzugt das, was sich auf die Schwere, die Leichte, die elastische Kraft, den Widerstand der Flüssigkeiten und derartige Kräfte, seien es anziehende oder abstoßende, bezieht, und deshalb legen wir dieses Werk als Mathematische Grundlagen der Philosophie vor. Alle Schwierigkeit der Philosophie besteht wohl darin, dass wir aus den Bewegungserscheinungen die Kräfte der Natur erschließen und alsdann von diesen Kräften ausgehend die übrigen Erscheinungen genau bestimmen. Und hierauf beziehen sich die allgemeinen Sätze, die wir im Ersten und Zweiten Buch abgehandelt haben. Im Dritten Buch aber stellen wir ein Beispiel hierfür durch die genaue Darlegung des Weltgefüges vor. Dort nämlich werden aus den Himmelserscheinungen mit Hilfe der in den vorhergehenden Büchern mathematisch bewiesenen Sätze die Kräfte der Schwere abgeleitet, mit denen die Körper zur Sonne und zu den einzelnen Planeten hinstreben. Danach leiten wir aus diesen Kräften durch gleichfalls mathematische Sätze die Bewegungen der Planeten, der Kometen, des Mondes und des Meeres ab. Wenn es doch möglich wäre, die übrigen Naturerscheinungen mit der gleichen Methode auf mechanische Grundlagen zurückzuführen. Ich habe nämlich viele Gründe dafür jedenfalls zu vermuten, dass alles von bestimmten Kräften abhängen könnte, durch die die Teilchen der Körper aus noch nicht bekannten Ursachen entweder wechselseitig gegeneinander stoßen und in regelmäßigen Strukturen zusammenhängen, oder sich wechselseitig fliehen und voreinander zurückweichen. Da diese Kräfte bisher unbekannt sind, haben die Philosophen die Natur bislang insoweit vergebens untersucht. Ich hoffe aber, dass diese hier gelegten Grundlagen für diese meine Art des Philosophierens, oder für eine andere Philosophie, die der Wahrheit noch näherkommen wird, erhellend wirken werden.
Für die Herausgabe dieses Werkes hat sich der höchst scharfsinnige und in allen Wissenschaften höchst gebildete Edmond Halley mit großer Kraft eingesetzt, indem er nicht nur die Druckfehler korrigierte und die Herstellung der Holzschnitte besorgte, sondern überhaupt der Urheber dessen war, dass ich mich an die Herausgabe dieser Schrift machte. Als er nämlich auf dringende Bitten meine Darstellung der Bahnen der Himmelskörper erhalten hatte, hörte er nicht auf in mich zu dringen, dass ich diese der Royal Society vorlegen sollte, die schließlich, dank ihrer ermunternden und freundlichen Aufforderungen, bewirkte, dass ich zu erwägen begann, diese Schrift zu veröffentlichen. Nachdem ich aber mit den Ungleichheiten der Mondbewegung begonnen und daraufhin angefangen hatte, anderes zu untersuchen, was sich auf die Gesetze und Maße der Schwere und anderer Kräfte, auf die Bahnen, die von Körpern gemäß bestimmten gegebenen Anziehungskräften beschrieben werden, auf die gegenseitige Bewegung mehrerer Körper, auf die Bewegung der Körper in widerstehenden Medien, auf Kräfte, Dichten und Bewegungen der Medien, auf Kometenbahnen und Ähnliches bezieht, hielt ich dafür, die Ausgabe auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, um das Übrige auszufeilen und es dem Publikum insgesamt vorzulegen. Was sich auf die Mondbewegungen bezieht (so unvollständig es ist), habe ich in den Corollarien zu Proposition LXVI gleichzeitig zusammengefasst, um nicht Einzelnes auf weitläufigere Weise, als es die Sache wert ist, darlegen und ausgeschmückt in aller Feinheit beweisen zu müssen, wodurch die Reihenfolge der übrigen Propositionen unterbrochen worden wäre. Einiges erst spät Aufgefundene wollte ich lieber an weniger passenden Stellen einfügen, als die Zahl der Propositionen und die Verweisungen zu ändern. Dass nun alles klar lesbar sei und Mängel in der so schwierigen Materie weniger zu Tadel Anlass geben, als dass sie den Leser zu neuen Nachforschungen und gefälligen Ergänzungen veranlassen, das ist mein Wunsch.
Gegeben zu Cambridge, im Trinity College, 8. Mai 1686, Is. Newton.
II Roger Cotes (1713), Vorwort des Herausgebers der „Principia" (Ausgabe London 1713) - Auszug.
Die neue und lang ersehnte Ausgabe der Newtonischen Philosophie übergeben wir dir jetzt, wohlwollender Leser, auf vielfache Weise verbessert und vermehrt …
(Zur Methode:)
Von denjenigen, die die Grundlage für ihre Überlegungen aus bloßen Hypothesen nehmen, wird man auch dann, wenn sie im Weiteren genauestens nach mechanischen Gesetzen vorgehen, sagen müssen, dass sie ein Märchen, wohl ein geschmackvolles und reizendes, aber eben doch nur ein Märchen zusammenreimen.
Es bleibt noch eine … Art von Leuten …welche sich zur experimentellen Philosophie bekennen. Diese wollen, dass die Ursachen der Dinge aus möglichst einfachen Prinzipien abgeleitet werden, aber sie erkennen nichts als Prinzip an, was noch nicht von den Erscheinungen bestätigt worden ist. Hypothesen ersinnen sie nicht und nehmen sie nicht in die Physik auf, es sei denn als Problemstellungen, über deren Wahrheitsbezug disputiert werden soll. Sie gehen deshalb nach einer zweifachen Methode vor, der analytischen und der synthetischen. Die Kräfte der Natur und die einfacheren Gesetze der Kräfte leiten sie aus gewissen ausgewählten Erscheinungen analytisch ab. Davon ausgehend machen sie dann synthetisch Aussagen über die Beschaffenheit der übrigen Dinge. Das ist jene bei weitem beste philosophische Methode, für deren Aneignung – vor allen anderen – sich unser hochberühmter Autor wohlbegründet entschieden hat. Diese allein hielt er also für wert, seine Kraft dafür aufzuwenden, dass er sie entwickelte und ausgestaltete. Als lichtvollstes Beispiel für diese Methode lieferte er allerdings seine auf das Erfolgreichste aus der Theorie der Schwere abgeleitete Erklärung des Weltsystems. Dass die Fähigkeit zur Schwere allen Körpern innewohne, haben andere schon vermutet oder gedacht; er als Erster und Einziger konnte sie aus den Erscheinungen beweisen und durch außerordentlich scharfsinnige Überlegungen ein unerschütterliches Fundament legen.
(Gegen die Cartesische „Wirbeltheorie"):
… Die das Weltall mit „Fluidum" [d. h. einer Materie, die sich wie eine Flüssigkeit verhält] angefüllt sehen wollen, stellen in der Tat die These auf, dass dieses nicht träge sei; mit Worten beseitigen sie das Vakuum, aber in Wirklichkeit führen sie es doch ein. Da nämlich eine solche flüchtige Materie in keiner Weise vom leeren Raum unterschieden werden kann, dreht sich der ganze Streit nur um die Bezeichnungen der Dinge, nicht um ihre Natur. Wenn aber Leute so sehr der Materie verhaftet sind, dass sie glauben möchten, man könne einen von Körpern leeren Raum auf keine Weise zulassen, so wollen wir einmal sehen, wohin diese Leite schließlich mit ihrem Glauben kommen müssen. Entweder nämlich werden sie sagen, die Beschaffenheit der Welt, wie sie sie sich denken, nämlich als eine ganz und gar volle, sei aus dem Willen Gottes hervorgegangen, zu dem Zweck, dass für das Walten der Natur eine immer verfügbare Hilfe zuhanden sei durch den alles durchdringenden und erfüllenden Äther; das kann man aber doch nicht sagen, da ja bereits aufgrund der Erscheinungen der Kometen gezeigt ist, dass dieser Äther keinerlei Wirkung hat.
Oder sie werden sagen, eine solche Welt sei aus dem Willen Gottes um eines unbekannten Zweckes willen geschaffen. Auch das darf man nicht sagen, da ja genauso eine ganz andere Beschaffenheit der Welt gestützt werden könnte. Oder sie werden zuletzt sagen, dass eine solche Welt nicht aus dem Willen Gottes, sondern aus einer gewissen Naturnotwendigkeit hervorgegangen sei. Man stürzt zwangsläufig am Ende in den abscheulichen Gedankensumpf einer heidnischen Horde. Diese Leute sind es, die delirieren, durch das Fatum, nicht aber durch die Vorsehung werde die Welt gelenkt; und die Materie habe kraft eigener Notwendigkeit immer und überall existiert, sie sei grenzenlos und ewig. Setzt man dies als richtig voraus, so wird sie auch überall gleichgestaltig sein, denn die Mannigfaltigkeit der Formen verträgt sich überhaupt nicht mit dem unausweichlichen Zwang… Auf keine andere Weise konnte wahrlich diese Welt entstehen, die durch die schönste Vielfalt der Formen und Bewegungen geschmückt ist, als aus dem vollkommen freien Willen Gottes, der alles vorhersieht und lenkt.
Aus dieser Quelle sind also die sogenannten Naturgesetze geflossen, in denen wahrhaftig viele Zeichen weisester Überlegung, aber keine des unausweichlichen Zwanges sichtbar werden. Daher müssen wir diese Naturgesetze nicht aus ungewissen Vermutungen folgern, sondern durch Beobachtung und Experiment erlernen…. Jede vernünftige und wahre Philosophie gründet sich auf die Erscheinungen der Dinge; wenn diese uns sogar gegen unseren Willen und gegen unser Widerstreben zu derartigen Grundlagen führen, in denen der unübertreffliche Ratschluss und die väterliche Herrschaft des weisesten und mächtigsten Wesens auf das Deutlichste erkennbar werden, so werden diese Grundlagen nicht schon deshalb verlassen werden dürfen, weil sie vielleicht später einmal gewissen Leuten weniger in den Kram passen. Für solche möge alles, was ihnen nicht passt, Wunder oder verborgene Qualitäten heißen; aber diese in boshafter Absicht verliehenen Bezeichnungen darf man nicht den Dingen selber zum Vorwurf machen. Es sei denn, sie wollen letztendlich mit dem Geständnis herausrücken, dass nach ihrer Ansicht die Philosophie auf den Atheismus gegründet werden müsse. Um dieser Leute willen wird man die Philosophie [aber] nicht umstürzen müssen, weil ja die Weltordnung nicht die Absicht hat, sich zu ändern.
Also wird sich vor urteilsfähigen und gerechten Richtern die vorzüglichste Methode des Philosophierens durchsetzen, die ihre Grundlage in Experimenten und Beobachtungen hat. Man wird kaum zum Ausdruck bringen können, welches Licht und welche Würde dieser philosophischen Methode aus dem vorliegenden lichtvollen Werk unseres so hochberühmten Autors zuwächst. Die außerordentliche Fruchtbarkeit seines Geistes, der jedes noch so schwierige Problem löst und bis dorthin vordringt, wohin der menschliche Geist nicht einmal hoffen durfte sich erheben zu können, bewundern und verehren verdientermaßen alle, die ein wenig tiefer in diese Materie eingedrungen sind. Ihm nämlich gelang es, die Schlösser zu öffnen, und er machte uns dadurch den Zugang frei zu den schönsten Geheimnissen der Natur. Das außerordentlich kunstvolle Gefüge des Weltsystems legte er auf diese Weise schließlich offen und ermöglichte uns, dieses Gefüge tiefer zu durchschauen, so dass auch König Alphons [der Weise von Kastilien; 1221-1284], wenn er jetzt ins Leben zurückkehrte, weder die Einfachheit, noch den Reiz der Harmonie darin vermissen würde. So dürfen wir jetzt die Majestät der Natur näher anschauen und in der angenehmsten Betrachtung genießend verweilen. Den Schöpfer und Herrn der Welt aber können wir noch inbrünstiger anbeten und verehren, welches die bei Weitem reichste Frucht der Philosophie ist. Blind müsste sein, wer aus der besten und weisesten Einrichtung der Dinge nicht sogleich die unendliche Weisheit und Güte des allmächtigen Schöpfers erkennen würde, und von Sinnen, wer dies nicht bekennen wollte.
Newtons außerordentliches Werk wird daher die sicherste Festung gegen die Angriffe der Atheisten sein, denn nirgends wird man wirkungsvoller als aus diesem Köcher Geschosse gegen die gottlose Schar hervorholen….
Cambridge, 12. Mai 1713, Roger Cotes, Mitglied des Trinity College, Inhaber des Plume'schen Lehrstuhls für Astronomie und experimentelle Philosophie.
III Isaac Newton (1713), Principia, Definitionen und Axiome.
DEFINITIONEN.
Definition I.
Die Menge der Materie ist der Messwert derselben, der sich aus dem Produkt ihrer Dichte und ihres Volumens ergibt.
Die Luft hat bei doppelter Dichte im doppelten Raum die vierfache Menge, im dreifachen die sechsfache. Dasselbe findet man beim Schnee und bei Pulvern, wenn sie durch Zusammendrücken oder Verflüssigen verdichtet worden sind. Und genauso ist das Verhalten aller Körper, die durch beliebige Ursachen auf verschiedene Weise verdichtet werden. Ein Medium (falls es Derartiges geben sollte), welches Zwischenräume zwischen den Teilen ungehindert durchdringen könnte, berücksichtige ich hier nicht. Die Materiemenge aber, von der hier die Rede ist, verstehe ich im Folgenden jeweils unter den Begriffen Körper oder Masse. Sie ist feststellbar durch das Gewicht eines jeden Körpers. Denn dass sie dem Gewicht proportional ist, habe ich durch sorgfältigst aufgebaute Pendelversuche herausgefunden, wie später gezeigt werden wird.
Definition II.
Die Menge der Bewegung ist der Messwert derselben, der sich aus dem Produkt der Geschwindigkeit und der Menge der Materie ergibt.
Die Bewegung des Ganzen ist die Summe der Bewegungen der einzelnen Teile. Daher ist sie im doppelt so großen Körper bei gleicher Geschwindigkeit verdoppelt, bei doppelter Geschwindigkeit vervierfacht.
Definition III.
Die der Materie eingepflanzte Kraft ist die Fähigkeit Widerstand zu leisten, durch die jeder Körper von sich aus in seinem Zustand der Ruhe oder in dem der gleichförmig-geradlinigen Bewegung verharrt.
Diese Kraft ist immer dem jeweiligen Körper proportional und unterscheidet sich von der Trägheit der Masse nur durch die Art der Betrachtung. Durch die Trägheit der Materie wird bewirkt, dass jeder Körper sich nur schwer von seinem Zustand, sei es der Ruhe, sei es der Bewegung, aufstören lässt. Deshalb kann die eingepflanzte Kraft sehr bezeichnend Kraft der Trägheit genannt werden. Tatsächlich übt aber der Körper diese Kraft ausschließlich bei der Veränderung seines Zustands durch eine andere Kraft aus, die von außen auf ihn eingedrückt hat, und diese Ausübung ist von verschiedenen Standpunkten aus sowohl Widerstandskraft, als auch Impetus [Bewegungskraft]; Widerstandskraft, insofern der Körper, um seinen Zustand zu bewahren, gegen die von außen eingedrückte Kraft kämpft; Impetus, insofern derselbe Körper, da er sich der Kraft eines Widerstand leistenden Hindernisses nur schwer geschlagen gibt, den Zustand dieses Hindernisses zu verändern sucht. Der naive Beobachter weist von jeher Widerstandskraft den ruhenden und Impetus den sich bewegenden Körpern zu; aber Bewegung und Ruhe, wie sie gemeinhin verstanden werden, sind nur dem Standpunkt nach voneinander verschieden, und nicht immer ruht wirklich, was nach üblicher Anschauung als ruhend betrachtet wird.
Definition IV.
Die eingedrückte Kraft ist eine Einwirkung auf einen Körper, die auf eine Veränderung seines Zustands der Ruhe oder der gleichförmig-geradlinigen Bewegung gerichtet ist.
Diese Kraft tritt nur während der Einwirkung selbst auf und verbleibt nach der Einwirkung nicht in dem Körper. Denn ein Körper verharrt in jedem neuen Zustand allein durch die Kraft der Trägheit. Die eingedrückte Kraft hat im Übrigen verschiedene Ursprünge, sie stammt z. B. aus Stoß, Druck, oder aus der Zentripetalkraft.
Definition V.
Die Zentripetalkraft ist die Kraft, durch die Körper zu irgendeinem Punkt wie zu einem Mittelpunkt hin von allen Seiten gezogen oder gestoßen werden, oder wie auch immer hinstreben.
Von dieser Art ist (1) die Schwere, durch welche die Körper zum Mittelpunkt der Erde hinstreben; (2) die magnetische Kraft, durch die das Eisen zum Magneten zu kommen sucht, und (3) jene Kraft, wie sie auch beschaffen sein mag, durch die die Planeten beständig von geradlinigen Bewegungen nach innen abgelenkt und gezwungen werden, auf gekrümmten Bahnen umzulaufen. Der in der Schleuder herumgewirbelte Stein ist bestrebt, sich von der Hand, die ihn herumtreibt, zu entfernen, und durch dieses sein Bestreben spannt er den Schleuderriemen umso stärker, je schneller er im Kreis herumläuft; und sobald er losgelassen wird, fliegt er weg. Die diesem Bestreben entgegengesetzte Kraft, durch welche die Schleuder den Stein beständig zur Hand zurückzieht und auf der Kreisbahn hält, nenne ich, da sie sich zur Hand wie zum Zentrum eines Kreises richtet, die Zentripetalkraft. Und genauso ist das Verhalten aller Körper, die in eine Kreisbahn gezwungen werden; und wenn keine Kraft da sein sollte, die diesem Bestreben entgegengesetzt ist, durch die sie also gebändigt und auf den Kreisbahnen gehalten werden, weshalb ich sie Zentripetalkraft nenne, so werden sie sich geradlinig mit gleichförmiger Bewegung entfernen. Ein Wurfgeschoss würde, wenn die Schwerkraft es ausließe, nicht zur Erde herabgebeugt werden, sondern auf geradem Wege in den Weltraum wegfliegen, und zwar mit gleichförmiger Bewegung, wenn nur der Luftwiderstand beseitigt würde. Aufgrund seiner Schwere aber wird es vom geradlinigen Weg nach innen gezogen und beständig zur Erde hin abgelenkt, und zwar mehr oder weniger im Verhältnis zu seiner Schwere und der Geschwindigkeit seiner Bewegung. Je geringer seine Schwere im Verhältnis zur Materiemenge, oder je größer die Geschwindigkeit ist, mit der es abgeschossen wird, umso weniger wird es vom geradlinigen Weg abweichen, und umso weiter wird es fliegen. Wenn eine Bleikugel, mit gegebener Geschwindigkeit in horizontaler Richtung vom Gipfel irgendeines Berges durch Pulverkraft aus einem Geschütz abgefeuert, auf gekrümmter Bahn in eine Entfernung von zwei Meilen flöge, bevor sie auf die Erde herunterkommt, so würde sie mit der doppelten Geschwindigkeit etwa doppelt so weit, und mit der zehnfachen Geschwindigkeit etwa zehnmal so weit fliegen, wenn nur der Luftwiderstand aufgehoben werden könnte. Und durch die Vergrößerung der Geschwindigkeit könnte nach Belieben die Reichweite vergrößert und die Krümmung der Bahn verkleinert werden, die sie beschreibt, so sehr, dass sie endlich in einer Entfernung von 10°, 30° oder 90° herunterkäme, oder auch die ganze Erde umkreiste, oder schließlich in den Weltraum hinausflöge und mit der Bewegung, die zum Hinausfliegen nötig ist, sich weiter bewegte. Und in der gleichen Art und Weise, in der ein Projektil durch die Schwerkraft auf eine Kreisbahn gezwungen werden und die gesamte Erde umkreisen könnte, kann auch der Mond entweder durch die Schwerkraft, sofern er schwer sein sollte, oder durch eine beliebige andere Kraft, durch die er zur Erde hin gedrängt wird, immer von einer geradlinigen Bahn zur Erde hingezogen und in seine Kreisbahn abgelenkt werden. Und ohne eine solche Kraft kann der Mond nicht in seiner Kreisbahn gehalten werden. Wenn diese Kraft kleiner wäre, als seiner wirklichen Bahn angemessen ist, so würde sie den Mond nicht genügend vom geradlinigen Kurs ablenken; wäre sie größer als angemessen, so würde sie ihn im Übermaß ablenken und von der Kreisbahn zur Erde herabziehen. Verlangt wird also, dass sie die richtige Größe hat, und es ist Aufgabe der Mathematiker, die Kraft zu finden, durch welche ein Körper auf gegebener beliebiger Kreisbahn mit gegebener Geschwindigkeit exakt gehalten werden kann, und umgekehrt die gekrümmte Bahn zu finden, in die ein Körper, der sich von einem gegebenen beliebigen Ort mit gegebener Geschwindigkeit weiterbewegt hat, durch eine gegebene Kraft abgelenkt wird. Die Menge dieser Zentripetalkraft ist aber von dreierlei Art, und zwar von einer absoluten, einer beschleunigenden, und einer bewegenden.
Definition VI.
Die absolute Menge der Zentripetalkraft ist der Messwert derselben, der größer oder kleiner ist im Verhältnis zur Wirkfähigkeit der Ursache, die diese Art von Zentripetalkraft vom Mittelpunkt durch die ihn umgebenden Bereiche verteilt.
Zum Beispiel ist die magnetische Kraft je nach der Masse des Magneten oder die Stärke seiner magnetischen Fähigkeit in dem einen Magneten größer, in dem anderen kleiner.
Definition VII.
Die beschleunigende Menge der Zentripetalkraft ist der Messwert derselben, der der Geschwindigkeit proportional ist, welche sie in gegebener Zeit erzeugt.
Zum Beispiel ist die magnetische Fähigkeit desselben Magneten in kleinerer Entfernung größer, in größerer kleiner; oder die Schwerkraft ist größer in Tälern, kleiner auf den Spitzen hoher Berge, und noch viel kleiner (wie später klar werden wird) in größeren Entfernungen von der Erdkugel, in gleichen Entfernungen aber ist sie überall gleich, weil sie alle fallenden Körper (schwere oder leichte, große oder kleine) in gleicher Weise beschleunigt, sofern der Luftwiderstand aufgehoben ist.
Definition VIII.
Die bewegende Menge der Zentripetalkraft ist der Messwert derselben, der der Bewegung proportional ist, welche sie in gegebener Zeit erzeugt.
Zum Beispiel ist das Gewicht in einem größeren Körper größer, kleiner in einem kleineren, und das Gewicht desselben Körpers ist nahe der Erde größer, im Weltraum kleiner. Diese Menge ist die Zentripetalkraft des ganzen Körpers oder sein Bewegungsdrang zum Mittelpunkt hin, und (um es so zu sagen) sein Gewicht, und dieses ist immer feststellbar durch die ihm entgegengesetzte und gleich große Kraft, durch die das Herabsinken des Körpers verhindert werden kann.
Diese Kräftemengen kann man der Kürze halber als bewegende, beschleunigende, und absolute Kräfte bezeichnen, und um der Unterscheidung willen kann man sie zurückführen auf die zum Mittelpunkt strebenden Körper selbst, auf den jeweiligen Ort der Körper, und auf den Mittelpunkt der Kräfte: natürlich soll die bewegende Kraft auf den Körper zurückgeführt werden als Streben des ganzen Körpers zum Mittelpunkt hin, zusammengesetzt aus den Strebungen aller seiner Teile; die beschleunigende Kraft soll auf den Ort des Körpers zurückgeführt werden, als eine Wirkfähigkeit, die vom Mittelpunkt über die einzelnen Orte in der Umgebung verteilt ist, um die dort befindlichen Körper in Bewegung zu versetzen; die absolute Kraft aber soll auf den Mittelpunkt zurückgeführt werden, der gleichsam mit irgendeiner Ursache ausgestattet ist, ohne die sich die bewegenden Kräfte nicht durch die Bereiche in der Umgebung verbreiten können, ob nun diese Ursache irgendein Zentralkörper ist (wie der Magnet im Zentrum der magnetischen Kraft, oder die Erde im Zentrum der gravitierenden Kraft), oder irgendeine andere, die nicht offen zutage liegt.
Diese Kräftelehre ist natürlich rein mathematisch, denn die Ursachen der Kräfte und ihre physische Grundlage erwäge ich noch nicht.
Es verhält sich also die beschleunigende Kraft zur bewegenden wie die Geschwindigkeit zur Bewegung. Denn die Menge der Bewegung ergibt sich aus der Geschwindigkeit und der Menge der Materie, und die bewegende Kraft ist das Produkt aus der beschleunigenden Kraft und der Menge der gleichen Materie. Denn die Summe der Einwirkungen der beschleunigenden Kraft auf die einzelnen Teilchen des Körpers ergibt die bewegende Kraft des ganzen Körpers. Daher ist unmittelbar über der Oberfläche der Erde, wo die beschleunigende Schwerkraft oder die gravitative Kraft auf alle Körper gleich stark einwirkt, die bewegende Schwerkraft oder das Gewicht wie die Körpermasse. Steigt man aber in Regionen auf, wo die beschleunigende Schwerkraft kleiner wird, so wird sich das Gewicht gleichermaßen verkleinern, und es wird immer gleich dem Produkt aus der Körpermasse und der beschleunigenden Schwerkraft. So wird in Regionen, wo die beschleunigende Schwerkraft zweimal kleiner ist, das Gewicht eines Körpers, der zweimal oder dreimal kleiner ist, viermal oder sechsmal kleiner sein.
Des Weiteren bezeichne ich Anziehungen und Anstöße im gleichen Sinn als beschleunigend und bewegend. Ich benutze nämlich die Begriffe Anziehung, Anstoß oder jedwede Hinneigung zum Mittelpunkt unterschiedslos und gegeneinander austauschbar, da ich diese Kräfte nicht physisch, sondern nur mathematisch betrachte. Daher hüte sich der Leser zu denken, ich wollte irgend durch derartige Begriffe die Art und Weise von Einwirkungen oder ihre physische Ursache oder Seinsweise definieren; oder ich wollte den Mittelpunkten (die mathematischen Punkte sind) ganz wirklich und im physischen Sinne Kräfte zuschreiben, wenn ich vielleicht die Ausdrücke: die Mittelpunkte ziehen an, oder: es gibt Kräfte der Mittelpunkte, verwenden werde.
Scholium.
Bis hierher schien es mir richtig zu erklären, in welchem Sinne weniger bekannte Begriffe im Folgenden aufzufassen sind. Zeit, Raum, Ort und Bewegung sind allen wohlbekannt. Dennoch ist anzumerken, dass man gewöhnlich diese Größen nicht anders als in der Beziehung auf sinnlich Wahrnehmbares auffasst. Und daraus entstehen gewisse Vorurteile, zu deren Aufhebung man sie zweckmäßig in absolute und relative, wirkliche und scheinbare, mathematische und landläufige Größen unterscheidet.
I.
Die absolute, wirkliche und mathematische Zeit fließt in sich und in ihrer Natur gleichförmig, ohne Beziehung zu irgendetwas außerhalb ihrer Liegendem, und man nennt sie mit einer anderen Bezeichnung „Dauer". Die relative Zeit, die unmittelbar sinnlich wahrnehmbare und landläufig so genannte, ist ein beliebiges, sinnlich wahrnehmbares und äußerliches Maß der Dauer, aus der Bewegung gewonnen (sei es ein genaues oder ungleichmäßiges), welches man gemeinhin anstelle der wahren Zeit benützt, wie Stunde, Tag, Monat, Jahr.
II.
Der absolute Raum, der aufgrund seiner Natur ohne Beziehung zu irgendetwas außer ihm existiert, bleibt sich immer gleich und unbeweglich. Der relative Raum ist dessen Maß oder ein beliebiger veränderlicher Ausschnitt daraus, welcher von unseren Sinnen durch seine Lage in Beziehung auf Körper bestimmt wird, mit dem gemeinhin anstelle des unbewegten Raumes gearbeitet wird; so der Ausschnitt des unterirdischen Raumes, oder des Luftraumes, oder des Weltraumes, die durch ihre Lage zur Erdoberfläche bestimmt sind. Der absolute und der relative Raum sind von Art und Größe gleich, aber sie bleiben nicht immer das Gleiche. Bewegt sich z. B. die Erde, so wird der Raum der Atmosphäre, der relativ zur Erde und in Hinblick auf sie immer derselbe bleibt, einmal ein bestimmter Teil des absoluten Raumes, in den die Atmosphäre eintritt, ein andermal ein anderer Teil davon sein, und so wird er sich, absolut gesehen, beständig ändern.
III.
Ort ist derjenige Teil des Raumes, den ein Körper einnimmt, und er ist je nach dem Verhältnis des Raumes entweder absolut oder relativ. Er ist ein Teil des Raumes, sage ich, nicht die Lage des Körpers oder eine ihn umgebende Oberfläche. Denn die Orte gleichartiger fester Körper sind stets einander gleichartig, während die Oberflächen wegen der Unähnlichkeiten der Gestalt der Körper meist ungleich sind. Die Lagen der Körper haben genau genommen gar keine Größe und sind nicht so sehr Orte, als vielmehr eine Folge der jeweiligen Ortsbefindlichkeit. Die Bewegung des Ganzen ist gleich der Summe der Bewegungen der Teile, das heißt, die Ortsveränderung des Ganzen ist gleich der Summe der Ortsveränderungen der einzelnen Teile, und folglich ist der Ort des Ganzen identisch mit der Summe der Teile, und deshalb ist er innerhalb und im ganzen Körper.
IV.
Die absolute Bewegung ist die Fortbewegung eines Körpers von einem absoluten Ort zu einem absoluten Ort, die relative die Ortsveränderung von einem relativen Ort zu einem relativen. So ist bei einem unter Segeln fahrenden Schiff der relative Ort des Körpers jener Teil der Fahrstrecke, in dem sich der Körper befindet, oder jener Teil des gesamten Schiffsraumes, den der Körper gerade ausfüllt und der sich so zugleich mit dem Schiff bewegt. Und die relative Ruhe ist das Verbleiben des Körpers in der gleichen Position des Schiffes oder in dem gleichen Teil des Schiffsraumes. Doch die wahre Ruhe ist das Verbleiben des Körpers in demselben Teil jenes unbewegten Raumes, in dem sich das Schiff selbst zugleich mit seinem Schiffsraum und mit allem, was darin ist, bewegt. Gesetzt den Fall, die Erde ruhte wirklich, so wird ein Körper, der im Schiff relativ ruht, sich wirklich und absolut mit eben der Geschwindigkeit bewegen, mit der das Schiff sich auf der Erdkugel bewegt. Angenommen aber, die Erde bewege sich ebenfalls, so wird sich die wirkliche und absolute Bewegung eines Körpers teils aus der wirklichen Bewegung der Erde im unbewegten Raum, teils aus der relativen Bewegung des Schiffes auf der Erdkugel ergeben. Und wenn auch ein Körper sich relativ zum Schiff bewegen sollte, so wird sich seine wirkliche Bewegung teils aus der wirklichen Bewegung der Erde im unbewegten Raum, teils aus den relativen Bewegungen sowohl des Schiffes auf der Erdkugel, als auch des Körpers in dem Schiff ergeben, und aus diesen relativen Bewegungen wird sich die relative Bewegung des Körpers auf der Erde ergeben.
Angenommen, der Teil der Erde, wo das Schiff sich befindet, bewege sich wirklich nach Osten mit einer Geschwindigkeit von 10010 Einheiten, und durch Wind und Segel getrieben laufe das Schiff mit zehn Geschwindigkeitseinheiten nach Westen, ein Seemann aber gehe auf dem Schiff nach Osten gerade mit einer Geschwindigkeitseinheit, so wird sich der Seemann im unbewegten Raum wirklich und absolut mit 10001 Geschwindigkeitseinheiten nach Osten bewegen, relativ zur Erde aber nach Westen mit neun Geschwindigkeits-einheiten.
Die absolute Zeit wird in der Astronomie von der relativen durch eine Verstetigung des landläufigen Zeitbegriffs unterschieden. Die natürlichen Tage, die man allgemein für passend hält, um damit die Zeit zu messen, sind nämlich ungleich. Diese Ungleichheiten korrigieren die Astronomen, damit sie die Himmelsbewegungen aufgrund einer richtigeren Zeit messen können. Es ist möglich, dass es keine gleichförmige Bewegung gibt, durch die die Zeit genau gemessen werden kann. Alle Bewegungen können beschleunigt oder verzögert sein; aber der Fluss der absoluten Zeit kann sich nicht ändern. Die Dauer oder die Beständigkeit des Daseins aller Dinge ist gleich, ob Bewegungen nun schnell, langsam, oder gar nicht vorhanden sind. In der Tat wird die Dauer von ihren sinnlich erfahrbaren Maßeinheiten mit Recht unterschieden und erst durch astronomische Verstetigung aus ihnen bestimmt. Die Notwendigkeit dieser Verstetigung zur zeitlichen Bestimmung der Erscheinungen wird sowohl durch das Experiment mit der Pendeluhr, als auch insbesondere durch die Verfinsterung der Jupitermonde bewiesen.
Wie die Anordnung der Teile der Zeit unveränderlich ist, so ist es auch die Anordnung der Teile des Raumes. Bewegen sie sich nämlich von ihren Plätzen, so bewegen sie sich sozusagen von ihrem eigenen Wesen weg. Denn die Zeitteile und die Raumteile sind gleichsam die Orte ihrer selbst und aller Dinge. Alle haben ihren Platz in der Zeit in Bezug auf ihre Abfolge und im Raum in Bezug auf die Anordnung ihrer Lage. Es gehört zu ihrem Wesen, dass sie Orte sind, und es ist ein Widerspruch in sich, wenn die ersten Orte beweglich sind. Sie sind daher absolute Orte, und nur Ortsveränderungen von diesen Orten weg sind absolute Bewegungen.
Da nun aber diese Teile des Raumes nicht sichtbar und durch unsere Sinne nicht voneinander unterscheidbar sind, so verwenden wir an ihrer Stelle wahrnehmbare Maße. Wir legen nämlich alle Orte aus den Stellungen und Abständen von Dingen zu irgendeinem Körper fest, den wir als unbeweglich betrachten; sodann beurteilen wir auch alle Bewegungen in Bezug auf die eben genannten Orte, inwieweit Körper nach unserer Feststellung von diesen weg ihren Ort verändern. Ebenso benutzen wir anstelle der absoluten Orte und Bewegungen die relativen, und das ist nicht unbequem in unserem täglichen Leben. Bei philosophischen Untersuchungen aber muss man von den Sinnen abstrahieren. Es kann nämlich sein, dass es keinen wirklich ruhenden Körper gibt, auf den man Orte und Bewegungen beziehen könnte.
Ruhe und Bewegung, absolut wie relativ, unterscheiden sich voneinander durch ihre eigentümlichen Beschaffenheiten, wie auch durch ihre Ursachen und Wirkungen. Eigentümlichkeit der Ruhe ist es, dass Körper, die wirklich ruhen, im Verhältnis zueinander ruhen. Obwohl es nun möglich ist, dass irgendein Körper in den Bereichen der Fixsterne oder weit jenseits davon absolut ruht, ist es unmöglich, aufgrund der gegenseitigen Lage der Körper in unseren Weltgegenden eine sichere Kenntnis darüber zu erlangen, ob irgendeiner von ihnen eine gegebene Position zu jenem weit entfernten Körper beibehält oder nicht; die wahre Ruhe kann aus ihrer Lage zueinander nicht erschlossen werden.
Eigentümlichkeit der Bewegung ist es, dass Teile, welche zum jeweiligen Ganzen gegebene Positionen beibehalten, an der Bewegung dieses Ganzen teilnehmen. Denn alle Teile von sich drehenden Systemen sind bestrebt, sich von der Drehachse zu entfernen, und der Impetus sich radial bewegender Körper ergibt sich aus dem verbundenen Impetus ihrer einzelnen Teile. Haben sich also umlaufende Körper radial bewegt, so handelt es sich um eine Bewegung von Körpern, die im Rahmen des sich drehenden Systems relativ in Ruhelage sind. Und deswegen kann man aufgrund einer Ortsveränderung weg von der Nachbarschaft von Körpern, die als ruhende betrachtet werden, nicht zu der Definition kommen, es handle sich dabei um eine wirkliche und absolute Bewegung. Man darf nämlich im Drehsystem außen befindliche Körper nicht bloß als ruhend ansehen, sondern sie müssen wirklich ruhen. Andererseits werden alle inneren Teile, abgesehen von ihrer Ortsveränderung weg von der Nachbarschaft von sich drehenden Körpern, auch an deren wahrer Drehbewegung teilnehmen, und sie werden auch dann nicht wirklich ruhen, wenn jene Ortsveränderung aufgehört hat, sondern sie werden nur so aussehen, als ruhten sie. Es verhalten sich nämlich die sich drehenden Systeme zu ihren inneren Teilen wie der äußere Teil des Ganzen zum inneren Teil, oder wie die Rinde zum Kern. Bewegt sich aber die Rinde, so bewegt sich auch der Kern als Teil des Ganzen mit, auch wenn es keine Ortsveränderung von der Nachbarschaft der Rinde weg mehr gibt.
Der vorstehend erläuterten Eigentümlichkeit ist verwandt, dass etwas an einem Ort Befindliches sich mit bewegt, wenn sich der Ort bewegt; deshalb nimmt ein Körper, der sich von einem Ort bewegt, der sich seinerseits in Bewegung befindet, an der Bewegung seines bisherigen Ortes teil. Daher sind alle Bewegungen, die von bewegten Orten aus stattfinden, nur Teile von absoluten Gesamtbewegungen, und jede Gesamtbewegung setzt sich zusammen aus der Bewegung des Körpers von seinem ersten Ort weg, und aus der Bewegung dieses ersten Ortes von seinem eigenen Ort weg, und so weiter, bis man schließlich bei einem unbeweglichen Ort anlangt, wie in dem oben erwähnten Beispiel des Seemanns. Also können absolute Gesamtbewegungen nur durch unbewegte Orte bestimmt werden, und deshalb habe ich sie oben auf unbewegte, die relativen Bewegungen aber auf bewegte Orte bezogen. Orte sind aber nicht unbeweglich, wenn sie nicht alle von Ewigkeit zu Ewigkeit dieselbe gegenseitige Lage beibehalten und so immer unbewegt bleiben und den Raum bilden, den ich unbeweglich nenne.
Die Ursachen, durch die sich wirkliche und relative Bewegungen voneinander unterscheiden, sind die auf die Körper von außen eindrückenden Kräfte, die eine Bewegung erzeugen können. Eine wahre Bewegung wird nur durch Kräfte erzeugt oder verändert, die auf den bewegten Körper selbst von außen eindrücken, eine relative Bewegung kann jedoch erzeugt oder verändert werden, ohne dass auf den fraglichen Körper von außen Kräfte eindrückten. Es genügt nämlich, dass sie lediglich auf diejenigen Körper eindrücken, zu denen die Beziehung besteht, so dass diese Beziehung verändert wird, auf der Ruhe oder relative Bewegung des fraglichen Körpers beruhen, wenn die Bezugskörper ihren Bewegungszustand verändern. Umgekehrt verändert sich die wirkliche Bewegung durch Kräfte, die auf den bewegten Körper von außen eingedrückt haben, immer; die relative Bewegung wird dagegen von solchen Kräften nicht notwendigerweise verändert. Wenn nämlich dieselben Kräfte auch auf Körper, zu denen die Beziehung besteht, von außen so eindrücken, dass ihre relative Lage beibehalten wird, so bleibt auch die Beziehung erhalten, auf welcher die relative Bewegung beruht. Es kann also jede relative Bewegung verändert werden, wo die wahre beibehalten wird, und beibehalten werden, wo die wahre verändert wird, und deshalb beruht die wirkliche Bewegung am wenigsten auf derartigen Relationen.
Die Wirkungen, durch die man absolute und relative Bewegungen voneinander unterscheiden kann, sind die Fliehkräfte von der Achse der Kreisbewegung; denn in einer ausschließlich relativen Kreisbewegung existieren diese Kräfte nicht, in einer wirklichen und absoluten aber sind sie größer oder kleiner, je nach der Menge der Bewegung.
Wenn ein Eimer an einer sehr langen Schnur hängt und beständig im Kreis gedreht wird, bis die Schnur durch die Zusammendrehung sehr steif wird, dann mit Wasser gefüllt wird und zusammen mit diesem stillsteht, und dann durch irgendeine plötzliche Kraft in entgegengesetzte Kreisbewegung versetzt wird und, während die Schnur sich aufdreht, längere Zeit diese Bewegung beibehält, so wird die Oberfläche des Wassers am Anfang eben sein wie vor der Bewegung des Gefäßes. Aber nachdem das Gefäß durch die allmählich auf das Wasser von außen übertragene Kraft bewirkt hat, dass auch dieses Wasser merklich sich zu drehen beginnt, so wird es selbst allmählich von der Mitte zurückweichen und an der Wand des Gefäßes emporsteigen, wobei es eine nach innen gewölbte Form annimmt (wie ich selbst festgestellt habe), und mit immer schnellerer Bewegung wird es mehr und mehr ansteigen, bis es dadurch, dass es sich im gleichen Zeittakt dreht wie das Gefäß, relativ in diesem stillsteht. Dieser Anstieg zeigt ein Bestreben zur Entfernung von der Achse der Bewegung an, und durch dieses Bestreben wird die wirkliche und absolute Kreisbewegung des Wassers feststellbar und messbar, die seiner relativen Bewegung hier völlig entgegengesetzt ist. Am Anfang, als die relative Bewegung des Wassers gegenüber dem Gefäß am größten war, rief jene Bewegung keinerlei Bestreben zur Entfernung von der Achse hervor. Das Wasser strebte nicht nach außen, indem es zugleich an den Wänden des Gefäßes emporstieg, sondern blieb eben, und deshalb hatte seine wahre Kreisbewegung noch nicht begonnen. Nachher aber, als die relative Bewegung des Wassers abnahm, zeigte sein Anstieg an den Wänden des Gefäßes das Bestreben zur Entfernung von der Achse an, und dieses Bestreben zeigte seine wahre, ständig zunehmende Kreisbewegung an, und diese erreichte schließlich ihr Maximum, als das Wasser relativ im Gefäß stillstand. Daher hängt dieses Bestreben nicht von einer Ortsveränderung des Wassers in Hinsicht auf die kreisförmig umlaufenden Körper ab, und deshalb besteht kein definitorischer Zusammenhang zwischen der wahren Kreisbewegung und solchen Ortsveränderungen. Die wahre kreisförmige Bewegung eines jeden sich drehenden Körpers, genau bestimmt, ist eine einzige und entspricht einem genau bestimmten Bestreben als sozusagen zugehörige und adäquate Wirkung. Die relativen Bewegungen aber sind, je nach den verschiedenen Beziehungen zu äußeren Körpern, zahllos, und wie diese Beziehungen haben sie mit den wahren Wirkungen nichts zu tun, wenn sie nicht in einem gewissen Umfang an jener wirklichen und genau bestimmten Bewegung teilnehmen. Daher werden auch im Weltsystem derjenigen, die wollen, dass unsere Himmelssphären sich innerhalb derjenigen der Fixsterne im Kreise bewegen und die Planeten mit sich herumführen, einzelne Teile der Sphären und die Planeten, die jedenfalls in ihren Sphären, in die sie eingefügt sind, relativ stillstehen, sich in Wahrheit bewegen. Sie verändern nämlich ihre Positionen zueinander (anders als es bei wirklich ruhenden Körpern der Fall ist) und nehmen, zusammen mit den Sphären fortgetragen, an deren Bewegungen teil und haben, als Teile des gesamten umlaufenden Systems, das Bestreben, sich von dessen Achse zu entfernen.
Die relativen Größen sind daher nicht diejenigen Größen, deren Namen sie beanspruchen, sondern sie sind deren wahrnehmbare (wahre oder irrtümliche) Maße, deren man sich gemeinhin anstelle der wirklich zu messenden Größen bedient. Wenn aber die Bedeutung der Wörter durch ihren Gebrauch zu bestimmen ist, so hat man unter den Bezeichnungen Zeit, Raum, Ort und Bewegung eigentlich diese wahrnehmbaren Maße zu verstehen, und die Ausdrucksweise wird ungewöhnlich und rein mathematisch sein, wenn man die astronomisch gemessenen Größen darunter verstehen wollte. Deshalb tun diejenigen der Heiligen Schrift Gewalt an, die diese Bezeichnungen als astronomisch gemessene Größen dort hineininterpretieren. Aber nicht weniger besudeln diejenigen die Mathematik und die Philosophie, die die wirklichen Größen mit ihren Relationen und den gemeinhin verwendeten Maßen durcheinanderbringen.
Die wahren Bewegungen der einzelnen Körper zu erkennen und von den scheinbaren durch den wirklichen Vollzug zu unterscheiden, ist freilich sehr schwer, weil die Teile jenes unbeweglichen Raumes, in dem die Körper sich wirklich bewegen, nicht sinnlich erfahren werden können. Die Sache ist dennoch nicht gänzlich hoffnungslos, denn man kann Beweise dafür teils aus den scheinbaren Bewegungen finden, die die Differenzen zwischen wirklichen Bewegungen sind, teils aus den Kräften, die die Ursachen und die Wirkungen der wirklichen Bewegungen sind.
Würden z. B. zwei Kugeln in gegebener Entfernung voneinander durch einen Faden verbunden und kreisten sie weiter um einen gemeinsamen Schwerpunkt, so würde aus dem Maß der Spannung des Fadens das Ausmaß des Bestrebens der Kugeln, sich von der Achse der Bewegung zu entfernen, bestimmbar, und daraus könnte die Größe der kreisförmigen Bewegung berechnet werden. Ließe man dann beliebige gleiche Kräfte von außen auf die sich jeweils entsprechenden Seiten der Kugeln gleichzeitig einwirken, um die Kreisbewegung zu vergrößern oder zu verkleinern, so würde aus der vergrößerten oder verkleinerten Spannung des Fadens die Vergrößerung oder Verkleinerung der Bewegung bestimmbar, und daraus könnte man schließlich die Seiten der Kugeln ermitteln, auf die die Kräfte von außen einwirken müssen, um die Bewegung maximal zu vergrößern; das heißt die hinteren Seiten oder diejenigen, die in der kreisförmigen Bewegung nachfolgen.
Hätte man aber die Seiten erkannt, die nachfolgen, und die entgegengesetzten Seiten, die vorausgehen, so könnte auch die Richtung der Bewegung erkannt werden. Auf diese Weise könnte sowohl die Größe, als auch die Richtung dieser Kreisbewegung in jedem beliebig großen leeren Raum ermittelt werden, wo nichts Äußeres und Wahrnehmbares vorhanden ist, womit man die Kugeln in Beziehung setzen könnte.
Würden nun in jenem Raum irgendwelche Körper sehr weit voneinander platziert, welche eine gegebene gegenseitige Lage beibehalten, wie etwa die Fixsterne im Weltraum, so könnte man freilich nicht aus der relativen Ortsveränderung der Kugeln zwischen diesen Körpern feststellen, ob diesen oder ob jenen die Bewegung zuzuschreiben sei. Achtete man aber auf den Faden und würde man dabei feststellen, dass seine Spannung gerade so groß ist, wie sie aufgrund der Bewegung der Kugeln sein muss, so dürfte man folgern, dass die Bewegung den Kugeln zuzuordnen sei und die Körper stillstehen, und dann erst dürfte man aus der Ortsveränderung der Kugeln zwischen den Körpern die Richtung dieser Bewegung ermitteln. Wie man aber die wahren Bewegungen aus ihren Ursachen, ihren Wirkungen und ihren scheinbaren Unterschieden, und umgekehrt, wie man aus den wahren oder scheinbaren Bewegungen deren Ursachen und Wirkungen ermitteln kann, wird im Folgenden ausführlicher gezeigt werden. Denn zu diesem Zweck habe ich die folgende Abhandlung verfasst.
AXIOME ODER GESETZE DER BEWEGUNG
Gesetz 1
Jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmig-geradlinigen Bewegung, sofern er nicht durch eingedrückte Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.
Geschosse verharren in ihren Bewegungen, sofern sie nicht vom Luftwiderstand verlangsamt werden und durch die Schwerkraft nach unten getrieben werden. Ein Kreisel, dessen Teile, da sie zusammenhängen, sich selbst beständig von geradlinigen Bewegungen in die Kreisbahn zurückziehen, hört nicht auf sich zu drehen, sofern er nicht von der Luft gebremst wird. Die größeren Körper der Planeten und Kometen aber bewahren ihre fortschreitenden und umlaufenden Bewegungen, zumal diese Bewegungen in Räumen stattfinden, die ihnen weniger Widerstand bieten, für entsprechend längere Zeit.
Gesetz II
Die Bewegungsänderung ist der eingedrückten Bewegungskraft proportional und geschieht in der Richtung der geraden Linie, in der jene Kraft eindrückt.
Angenommen, irgendeine Kraft erzeuge irgendeine Bewegung, so wird die doppelte Kraft die doppelte, die dreifache Kraft die dreifache Bewegung erzeugen, ob sie nun gleichzeitig und auf einmal, oder ob sie schrittweise und nach und nach eingedrückt hat. Und diese Bewegung wird (da sie immer auf die mit der sie erzeugenden Kraft gleiche Richtung festgelegt wird), wenn ein Körper schon vorher in Bewegung war, entweder seiner gleichsinnigen Bewegung hinzugefügt, oder von seiner Gegenbewegung abgezogen, oder seiner im Winkel dazu stehenden Bewegung unter dem entsprechenden Winkel hinzugefügt und mit ihr gemäß der jeweiligen Bewegungsrichtung zu einer neuen vereinigt.
Gesetz III
Der Einwirkung ist die Rückwirkung immer entgegengesetzt und gleich, oder: Die Einwirkungen zweier Körper aufeinander sind immer gleich und wenden sich jeweils in die Gegenrichtung.
Was immer ein anderes drückt oder zieht, wird ebenso sehr von diesem gedrückt oder gezogen. Drückt jemand einen Stein mit dem Finger, so wird dessen Finger ebenso vom Stein gedrückt. Zieht ein Pferd einen mit einem Seil angehängten Stein, so wird auch das Pferd sozusagen ebenso zu dem Stein zurückgezogen werden. Denn das nach beiden Seiten gespannte Seil wird durch ein und dasselbe Bestreben, sich zu entspannen, das Pferd gegen den Stein zwingen und den Stein gegen das Pferd, und es wird die Vorwärtsbewegung des einen ebenso sehr hindern, wie es die des anderen fördern wird. Wenn irgendein Körper, der auf einen anderen gestoßen ist, dessen Bewegung durch seine Kraft irgendwie verändert hat, so wird dieser auch umgekehrt dieselbe Bewegungsänderung in entgegengesetzter Richtung durch die Kraft des anderen Körpers erfahren (wegen der Gleichheit des veränderten Druckes). Durch diese Einwirkungen werden gleiche Veränderungen erzeugt, und zwar nicht der Geschwindigkeiten, sondern der Bewegungen; natürlich nur bei Körpern, die nicht von anderswoher gehindert sind. Denn die Veränderungen der Geschwindigkeiten, die gleichartig in entgegengesetzte Richtungen erzeugt worden sind, sind den Körpern umgekehrt proportional, weil die Bewegungen in gleicher Weise verändert werden. Dieses Gesetz gilt auch bei Anziehungen, wie in dem nachfolgenden Scholium bewiesen werden wird.*
*Newton meint hier nicht das „Scholium generale", das in dieser meiner Kurzfassung weiter unten nachfolgt!
IV Isaac Newton, Principia, Buch III.
(Einleitung) Über das Gefüge der Welt.
In den vorangegangenen Büchern habe ich die Grundlagen der Philosophie dargestellt, doch nicht die philosophischen, sondern nur die mathematischen, von denen aus nämlich in philosophischen Dingen Untersuchungen angestellt werden können. Es sind das die Gesetze und Bedingungen der Bewegungen und der Kräfte, die am meisten Bedeutung für die Philosophie haben. Damit eben diese Untersuchungen aber nicht unergiebig erscheinen, habe ich sie durch gewisse philosophische Erläuterungen ins rechte Licht gesetzt, indem ich dasjenige behandelte, was allgemeingültig ist und worauf die Philosophie in größtem Umfang gegründet werden zu können scheint, wie die Dichte und den Widerstand der Körper, die von Körpern leeren Räume und die Bewegung des Lichtes und der Schallphänomene. Es bleibt noch übrig, dass wir, ausgehend von eben diesen Grundlagen, das Gefüge der Welt aufzeigen.
Über dieses Thema hatte ich das Dritte Buch in allgemeinverständlicher Weise geschrieben, damit es von mehr Leuten gelesen werden kann. Aber Leser, denen die geschaffenen Grundlagen nicht genug durchschaubar sind, werden die Kraft der Schlussfolgerungen herzlich wenig begreifen und die Vorurteile nicht ablegen, an die sie sich in der Vergangenheit seit vielen Jahren gewöhnt haben. Und deshalb habe ich, damit die Sache nicht in Auslegungsstreitigkeiten gezogen wird, die Quintessenz dieses Buches in Lehrsätze umgesetzt, und zwar nach der mathematischen Methode, damit diese nur von denen gelesen werden können, die vorher die Grundlagen durchgearbeitet haben.
Aber weil dort eine Fülle von Lehrsätzen vorkommen, welche auch mathematisch geschulten Lesern einen allzu großen Zeitaufwand abverlangen könnten, so will ich niemanden veranlassen, sie alle durchzuarbeiten; es mag genügen, wenn man die Definitionen, die Gesetze der Bewegung und die ersten drei Abschnitte des Ersten Buches mit voller Aufmerksamkeit liest, dann zu diesem Buch vom Gefüge der Welt übergeht, und die übrigen Lehrsätze der früheren Bücher, soweit sie hier zitiert werden, nach eigenem Gutdünken zu Rate zieht.
V Isaac Newton, Principia, Buch III: Leitsätze des Philosophierens.
Leitsatz I
Nicht mehr Ursachen der natürlichen Dinge dürfen in den Beweisgang eingeführt werden als die, die wahr sind und zur Erklärung ihrer Erscheinungen zureichen.
Die Philosophen sagen ja: Die Natur tut nichts überflüssigerweise; überflüssigerweise aber geschieht durch mehr [Ursachen], was durch weniger geschehen kann. Die Natur ist nämlich einfach und treibt keinen Luxus mit überschüssigen Ursachen der Dinge.
Leitsatz II
Daher muss man als Ursachen natürlicher Wirkungen derselben Art dieselben Ursachen bezeichnen, soweit es möglich ist.
So die Ursachen des Atmens beim Menschen und beim Tier; die Ursachen des Fallens von Steinen in Europa wie in Amerika; die Ursachen des Lichtes im Herdfeuer und in der Sonne; die Ursachen der Reflexion des Lichtes auf der Erde und auf den Planeten.
Leitsatz III
Eigenschaften der Körper, die weder gesteigert noch vermindert werden können und die allen Körpern zukommen, an denen es möglich ist, Erfahrungen zu gewinnen, müssen für Eigenschaften aller Körper gehalten werden.
Denn die Eigenschaften der Körper werden ausschließlich durch Erfahrungen bekannt, und deshalb sind alle Eigenschaften als allgemeine festzusetzen, welche im Rahmen der Erfahrungen übereinstimmen; und diejenigen, welche sich nicht vermindern lassen, lassen sich auch nicht beseitigen. Sicher dürfen entgegen einem Erfahrungsinhalt keine grundlosen Träumereien zusammenphantasiert werden, noch darf man sich von der Analogie zur Natur entfernen, die einfach und immer mit sich selbst im Einklang zu sein pflegt. Die Ausgedehntheit der Körper kommt ausschließlich nur durch die Sinne zu unserer Kenntnis, wird aber nicht bei allen sinnlich wahrgenommen; weil sie aber allen sinnlich erfahrbaren Körpern zukommt, wird sie von allen behauptet. Wir erfahren sinnlich, dass ziemlich viele Körper hart sind. Es entsteht aber die Härte des Ganzen aus der Härte seiner Teile; und von daher schließen wir zu Recht, dass nicht nur die unteilbaren Teilchen der sinnlich erfahrbaren Körper, sondern auch die aller anderen hart sind. Dass alle Körper undurchdringlich sind, stellen wir nicht durch Überlegung, sondern durch sinnliche Erfahrung fest. Alles, was wir bearbeiten, wird als undurchdringlich befunden; und daraus schließen wir, dass die Undurchdringlichkeit eine Eigenschaft aller Körper ist. Dass alle Körper beweglich sind und aufgrund gewisser Kräfte (die wir Trägheitskräfte nennen) in Bewegung oder in Ruhe verharren, entnehmen wir aus diesen Eigenschaften der Körper, die wir gesehen haben. Die Ausgedehntheit, die Härte, die Undurchdringlichkeit, die Beweglichkeit und die Trägheitskraft des Ganzen entsteht aus der Ausgedehntheit, Härte, Undurchdringlichkeit und aus den Trägheitskräften der Teile; und daher folgern wir, dass alle kleinsten Teile aller Körper ausgedehnt, hart, undurchdringlich, beweglich und mit Trägheitskräften ausgestattet sind. Und das ist die Grundlage der ganzen Philosophie. Dass ferner die voneinander getrennten und sich wechselseitig berührenden Teile der Körper voneinander gesondert werden können, wissen wir aufgrund der Erscheinungen; und dass die getrennten Teile in noch kleinere Teile in Gedanken unterteilt werden können, ist aufgrund der Mathematik sicher. Ob freilich jene unterscheidbaren und noch nicht wirklich geteilten Teile durch Kräfte der Natur geteilt und voneinander getrennt werden können, ist unsicher. Aber wenn aufgrund auch nur eines einzigen Experiments feststünde, dass irgendwelche ungeteilten Teilchen dadurch eine Teilung erlitten, dass der harte und feste Körper zerbrochen wird, so würden wir kraft dieses Leitsatzes folgern, dass nicht nur die geteilten Teile voneinander trennbar seien, sondern auch, dass die geteilten Teile ins Unendliche geteilt werden können.
Wenn schließlich durch Erfahrung und astronomische Beobachtungen feststehen sollte, dass alle Körper im Umkreis der Erde in Richtung auf die Erde schwer sind, und zwar im Verhältnis zur Menge der Materie in den einzelnen Körpern, und dass der Mond schwer ist in Richtung auf die Erde im Verhältnis zur Menge seiner Materie, und dass umgekehrt unser Meer schwer ist in Richtung auf den Mond, und dass alle Planeten wechselseitig schwer gegeneinander sind, und dass die Schwere der Kometen in Richtung auf die Sonne von ähnlicher Art ist, so wird man nach diesem Leitsatz sagen müssen, dass alle Körper wechselseitig gegeneinander gravitieren. Denn der Beweis aufgrund der Erscheinungen ist bezüglich der Schwere stärker als der bezüglich der Undurchdringlichkeit der Körper; von dieser haben wir jedenfalls bei den himmlischen Körpern keine Erfahrung und durchaus keine Beobachtung. Aber dennoch behaupte ich nicht im mindesten, dass die Schwere für die Körper wesenhaft sei. Unter der eingepflanzten Kraft verstehe ich allein die Trägheitskraft. Diese ist unveränderlich. Die Schwere dagegen verringert sich mit der Entfernung von der Erde.
Leitsatz IV
In der auf Erfahrung gegründeten Philosophie müssen die durch Induktion aus den Erscheinungen gewonnenen Lehrsätze, ungeachtet entgegengesetzter Hypothesen, entweder genau oder so nahe wie möglich für wahr gehalten werden, solange, bis andere Erscheinungen aufgetreten sind, durch die sie entweder genauer gemacht oder Einschränkungen ausgesetzt werden.
Dies muss geschehen, damit nicht der Induktionsbeweis durch Hypothesen aufgehoben werden kann.
VI. Principia, Buch III (Schlusswort) SCHOLIUM GENERALE.
Die [Cartesische] Wirbelhypothese kommt durch viele Schwierigkeiten in Bedrängnis. Damit jeder Planet mit dem zur Sonne gezogenen Radius der Zeit proportionale Flächen beschreibt, müssten die Umlaufzeiten der Bestandteile eines Wirbels im quadratischen Verhältnis zu den Abständen von der Sonne stehen. Damit die Umlaufzeiten der Planeten zu ihren Abständen von der Sonne im eineinhalbfachen Verhältnis stehen, müssten die Umlaufzeiten der Bestandteile des Wirbels im eineinhalbfachen Verhältnis zu den Abständen stehen. Damit die kleineren Wirbel, die den Saturn, den Jupiter und die anderen Planeten umkreist haben, Bestand haben und störungsfrei im Wirbel der Sonne schwimmen können, müssten die Umlaufzeiten der Teile des zur Sonne gehörenden Wirbels gleich sein. Die Umdrehungen der Sonne und der Planeten um ihre Achsen, die mit den Bewegungen der Wirbel übereinstimmen müssten, stehen zu all diesen angeführten Proportionen im Widerspruch. Die Bewegungen der Kometen sind in höchstem Maße regelmäßig, folgen zusammen mit den Planetenbewegungen den gleichen Gesetzen und können durch Wirbel nicht erklärt werden. Die Kometen bewegen sich in sehr exzentrischen Bahnen in alle Teile des Weltraums, was nicht möglich ist, es sei denn man machte mit den Wirbeln Schluss.
Wurfgeschosse erfahren in unserer Luft ausschließlich den Widerstand der Luft. Ist die Luft ausgepumpt, wie es im Boyleschen Vakuum der Fall ist, hört der Widerstand auf, weil ja eine zarte Flaumfeder und massives Gold mit gleicher Geschwindigkeit in diesem Vakuum fallen. Und genau so ist die Beschaffenheit des Weltraumes, der oberhalb der Atmosphäre der Erde ist. Alle Körper müssen sich in diesen Räumen vollkommen frei bewegen, und deshalb laufen Planeten und Kometen auf Bahnen, die nach Art und Lage gegeben sind, beständig um, gemäß den oben dargestellten Gesetzen. Sie werden jedenfalls in ihren Bahnen aufgrund der Gesetze der Schwere verharren, aber die regelhafte Lage dieser Bahnen konnten sie beim ersten Mal keineswegs aufgrund der genannten Gesetze erreichen.
Die sechs Hauptplaneten laufen in geschlossenen Bahnen um die Sonne, in zur Sonne konzentrischen Kreisen, mit der gleichen Bewegungsrichtung und in möglichster Annäherung in derselben Ebene. Zehn Monde laufen in geschlossenen Bahnen um Erde, Jupiter und Saturn in konzentrischen Kreisen mit der gleichen Bewegungsrichtung und in möglichster Annäherung in den Ebenen der Planetenbahnen. Und alle diese regelhaften Bewegungen haben ihren Ursprung nicht aus mechanischen Ursachen heraus, weil sich ja die Kometen auf sehr exzentrischen Bahnen und in alle Richtungen des Weltraums frei bewegen. Mit dieser Art von Bewegung durchqueren die Kometen die Bahnen der Planeten sehr schnell und sehr leicht, und in ihren Aphelen, wo sie langsamer sind und länger verweilen, sind sie möglichst weit voneinander entfernt, damit sie sich gegenseitig so wenig wie möglich anziehen. Dieses uns sichtbare, höchst erlesene Gefüge von Sonne, Planeten und Kometen konnte allein durch den Ratschluss und unter der Herrschaft eines intelligenten und mächtigen, wahrhaft seienden Wesens entstehen. Und wenn die Fixsterne die Mittelpunkte ähnlicher Systeme sein sollten, so wird dies alles, weil es nach einem ähnlichen Plan aufgebaut ist, unter der Herrschaft des Einen stehen, zumal da das Licht der Fixsterne von derselben Natur ist wie das Licht der Sonne und alle Systeme ihr Licht wechselseitig in alle anderen schicken. Und damit die Systeme der Fixsterne nicht durch ihre Schwere wechselseitig ineinander stürzen, dürfte Er dieselben in eine ungeheuere Entfernung voneinander gestellt haben.
Er lenkt alles, nicht als Weltseele, sondern als der Herr aller Dinge. Und wegen seiner Herrschaft wird der Herr Gott* oft Pantokrator genannt. Denn „Gott" ist ein Beziehungsbegriff, und zwar lässt er sich auf „Knecht" beziehen, und Göttlichkeit ist die Herrschaft Gottes nicht über seinen eigenen Leib, wie diejenigen meinen, für die Gott die Weltseele ist, sondern die Herrschaft über seine Knechte. Der höchste Gott ist das ewige, unendliche und absolut vollkommene Sein; aber ein Sein – wie vollkommen auch immer – ist ohne Macht nicht der Herrgott. Wir sagen nämlich „mein Gott", „euer Gott", „Gott Israels", „Gott der Götter", und „Herr der Herren"; aber wir sagen nicht „mein Ewiger", „euer Ewiger", „der Ewige Israels", „der Ewige der Götter"; wir sagen nicht „mein Unendlicher" oder „mein Vollkommener". Diese Bezeichnungen enthalten nicht die Beziehung auf „Knecht". Das Wort „Deus"** bezeichnet ganz allgemein den Herrn, aber jeder „Herr" ist nicht „Gott". Die Herrschaft eines spirituellen Seins ist es, was Gott ausmacht; eine wahre, höchste oder eingebildete Herrschaft macht einen wahren, höchsten oder eingebildeten Gott. Und aus seiner wahren Herrschaft folgt, dass der wahre Gott lebendig ist, einsichtsvoll wissend [intelligens] und mächtig; aus den übrigen Vollkommenheiten [folgt], dass er der Höchste oder höchst Vollkommene ist. Er ist ewig und unendlich, allmächtig und allwissend, das heißt, er währt von Ewigkeit zu Ewigkeit und ist da von Unendlichkeit zu Unendlichkeit; er lenkt alles und er erkennt alles, was geschieht oder geschehen kann. Er ist nicht „die Ewigkeit" und „die Unendlichkeit", sondern er selber ist ewig und unendlich; er ist nicht „die Zeit" und „der Raum", sondern er selber währt und ist da. Er währt immer und ist allgegenwärtig, und dadurch, dass er immer und überall ist, bringt er die Zeit und den Raum zum Sein. Da jedes einzelne Teilchen des Raumes immer ist, und da jeder einzelne nicht mehr teilbare Augenblick der Zeit überall ist, so wird gewiss der Bildner und Herr aller Dinge nicht niemals oder nirgends sein. Jede mit Sinnen begabte Seele ist zu verschiedenen Zeiten und bei aller Verschiedenheit der Organe der sinnlichen Wahrnehmungen und der Bewegungen doch ein und dieselbe unteilbare Person. Teile treten nacheinander auf in der Zeit, nebeneinander existierend im Raum, aber keine Teile treten auf in der Person des Menschen oder in seinem denkfähigen Urgrund; und um vieles weniger in der denkenden Substanz Gottes. Jeder Mensch, soweit er ein zu sinnlicher Wahrnehmung fähiges Wesen ist, ist ein und derselbe Mensch, solange sein Leben dauert, in allen wie auch in den einzelnen Organen seiner sinnlichen Wahrnehmung. Gott ist ein und derselbe Gott immer und überall. Er ist allgegenwärtig nicht allein kraft seiner Wirkfähigkeit, sondern auch durch seine Substanz, denn Wirkfähigkeit kann ohne Substanz nicht bestehen. In ihm*** nur wird die ganze Welt zusammengehalten und in ihm wird sie bewegt, aber ohne sich gegenseitig in Mitleidenschaft zu ziehen. Gott erleidet nichts durch die Bewegungen der Körper; jene ihrerseits erfahren keinen Widerstand aufgrund der Allgegenwart Gottes. Dass die Existenz des höchsten Gottes eine unausweichliche Tatsache ist, ist allgemein anerkannt, und mit der gleichen Unausweichlichkeit ist er immer und überall. Daher ist er auch ganz und gar sich selber ähnlich, ganz Auge, ganz Ohr, ganz Gehirn, ganz Arm, ganz die Kraft der Wahrnehmung, der Einsicht und des Handelns, aber keineswegs auf eine menschliche und keineswegs auf eine körperliche, sondern auf eine uns völlig unbekannte Weise. Wie der Blinde keine Vorstellung hat von den Farben, so haben wir keine Vorstellung von den Arten und Weisen, in denen der weiseste Gott alles wahrnimmt und erkennt. Er entbehrt völlig jeder Körperlichkeit und jeder körperlichen Gestalt; und deshalb kann man ihn nicht sehen noch hören noch berühren; noch darf man ihn in Gestalt irgendeiner körperhaften Sache anbeten. Wir haben zwar Vorstellungen von Eigenschaften, die ihm zukommen, aber was das eigentliche Wesen irgendeiner Sache sei, das erkennen wir keineswegs. Wir sehen nur die Formen und Farben der Körper; wir hören nur Töne; wir berühren nur ihre äußeren Oberflächen; wir riechen nur die Gerüche; wir schmecken nur den Geschmack; aber das Innere der Substanzen erkennen wir durch keinen Sinn und durch keine Anstrengung unseres Geistes; und um vieles weniger haben wir eine Vorstellung von der Substanz Gottes. Wir erkennen ihn einzig und allein durch seine Wesenseigenschaften und Attribute, sowie durch den höchst weisen und guten Plan und die Zweckursachen der Welt, und wir bewundern ihn wegen seiner vollkommenen Lösungen; unsere Anbetung und unser Dienst aber gilt seiner Herrschaft. Wir dienen ihm nämlich als seine Knechte; und Gott ohne Herrschaft, Vorsehung und Zweckursachen ist nichts anderes als blindes Schicksal und bloße Natur. Aus einer blinden, der Schöpfung zugrundeliegenden [metaphysica] Unausweichlichkeit, die ja immer und überall dieselbe ist, entsteht keine Veränderungsmöglichkeit der Dinge. Die ganze Vielfalt der nach Ort und Zeit geordneten Dinge konnte einzig und allein aus den Vorstellungen und dem Willen eines wahrhaften Seins, das notwendigerweise existiert, entstehen. Man sagt aber allegorisch, dass Gott sehe, höre, rede, lache, liebe, hasse, wünsche, gebe, annehme, sich freue, zürne, kämpfe, arbeite, gründe, baue. Denn alle Rede über Gott wird aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit aus menschlichen Verhältnissen entlehnt, einer Ähnlichkeit, die allerdings nicht vollkommen ist, aber doch einen gewissen Grad erreicht. Und soviel über Gott; über ihn auf der Grundlage von Naturerscheinungen Aussagen zu machen, gehört unbedingt zur Naturphilosophie.
Bis hierher habe ich die Naturerscheinungen des Weltraums und unseres Meeres, die durch die Kraft der Schwere zustande kommen, dargelegt, aber die Ursache der Schwere habe ich noch nicht bezeichnet. Diese Kraft entsteht jedenfalls aus irgendeiner Ursache, die durchdringt bis zu den Mittelpunkten der Sonne und der Planeten, ohne eine Verringerung ihrer Wirkfähigkeit, und die nicht entsprechend der Menge der Oberflächen von Teilchen wirkt, auf die sie einwirkt (wie mechanische Ursachen das gewöhnlich tun), sondern entsprechend der Menge der festen Materie, und deren Einwirkung sich auf allen Seiten in unermessliche Entfernungen ausdehnt, wobei sie stets im quadratischen Verhältnis der Entfernungen abnimmt. Die Schwere zur Sonne hin setzt sich aus den Schwerewirkungen zu den einzelnen Teilchen der Sonne hin zusammen, und mit wachsendem Abstand von der Sonne nimmt sie genau im quadratischen Verhältnis der Entfernungen ab bis zur Bahn des Saturn, wie aufgrund der Ruhe der Aphele der Planeten klar ist, und bis zu den äußersten Aphelen der Kometen, sofern jene Aphele ruhen. Eine theoretische Erklärung für diese Eigenschaften der Schwere habe ich aus den Naturerscheinungen noch nicht ableiten können, und bloße Hypothesen denke ich mir nicht aus. Was immer nämlich sich nicht aus den Naturerscheinungen ableiten lässt, muss Hypothese genannt werden, und Hypothesen, sei es metaphysische, sei es physische, sei es solche über verborgene Eigenschaften, sei es solche über die Mechanik, haben in der experimentellen Philosophie keinen Platz. In dieser Philosophie werden Lehrsätze aus Naturerscheinungen abgeleitet und durch Induktion allgemeingültig gemacht. So sind die Undurchdringlichkeit, Beweglichkeit und der Impetus der Körper, die Gesetze der Bewegung und der Schwere zu unserer Kenntnis gekommen. Und es genügt, dass die Schwere tatsächlich existiert, gemäß den von uns dargelegten Gesetzen wirkt und für alle Bewegungen der Himmelskörper und unseres Meeres hinreicht.
Es mag jetzt gestattet sein, hier noch einiges über ein gewisses äußerst feines immaterielles Prinzip [spiritus] hinzuzufügen, das dichte Körper durchzieht und in ihnen verborgen ist; durch dessen Kraft und Einwirkung ziehen Teilchen der Körper sich auf kleinste Entfernung wechselseitig an und hängen zusammen, nachdem sie in Berührung gebracht sind; durch das elektrische Körper auf größere Entfernungen hin wirken, dadurch, dass sie benachbarte Korpuskeln ebenso abstoßen wie anziehen; durch das das Licht ausgesandt, reflektiert, gebrochen, gebeugt wird und das Körper erwärmt; durch das jede Empfindung erregt wird; durch das die Glieder der Lebewesen nach Willen bewegt werden, nämlich durch die Schwingungen dieses immateriellen Prinzips, die sich durch die festen Fasern der Nerven von den äußeren Sinnesorganen zum Gehirn und vom Gehirn in die Muskeln fortgepflanzt haben. Aber diese Dinge können nicht mit wenigen Worten dargelegt werden, und es steht noch keine ausreichende Anzahl von Experimenten zur Verfügung, durch welche die Gesetze der Einwirkungen dieses immateriellen Prinzips genau bestimmt und aufzeigt werden müssen.
ENDE DER GRUNDLAGEN.
Fußnoten:
* Das ist der Herr über alles.
** Unser Landsmann Pococke leitet das Wort Deus vom arabischen Wort Du her (im Genitiv Di), welches den Herrn bezeichnet. Und in diesem Sinn werden die Fürsten Dei genannt, Psalm 84, 6 und Joh. X, 45. Und Moses wird Deus seines Bruders Aaron und Deus des Königs Pharao genannt (Exodus IV, 16 & VII, 1). In demselben Sinn nannten die Völker einst die Seelen der toten Fürsten Die, freilich mangels Herrschaft zu Unrecht.
*** So dachten die Alten, wie Pythagoras bei Cicero, Über die Natur der Götter, Buch 1. Thales, Anaxagoras, Virgil, Georgicon, Buch 4 Vers 220, und Aeneis Buch 6 Vers 721. Philo zu Beginn der Allegorien, Buch 1. Aratus zu Beginn der Phänomene. Ebenso auch die Heiligen Schriften, wie Paulus in Act. XVII, 27, 28. Johannes in Evang. XIV, 2. Moses in Deut. IV, 39 & X, 14. David Psal. 139; 7, 8, 9. Salomon Könige 1 VIII, 27. Hiob 22; 12; 13, 14. Jeremias 23; 23, 24. Sie machten sich außerdem Götzenbilder von Sonne, Mond und Sternen, von den Seelen der Menschen und von anderen Teilen der Welt, die sie für Teile des höchsten Gottes und deshalb für verehrungswürdig hielten, freilich zu Unrecht.
VII. Isaac Newton, Opticks (1717), Query 31 (Auszug).
All these things being considered, it seems probable to me, that God in the beginning formed matter in solid, massy, hard, impenetrable, moveable particles; of such sizes and figures, and with such properties, and in such proportion to space, as most conduced to the end for which he formed them; and that these primitive particles being solids, are imcomparably harder than any Porous bodies compounded of them; even so hard as never to wear or break into pieces: no ordinary power being able to divide what God himself made one, in the first creation. While the particles continue entire, they may compose bodies of one and the same nature and texture in all ages: but should they wear away, or break in pieces, the nature of things, depending on them, would be changed….
It seems to me farther, that these particles have not only a Vis inertiae, accompanied with such Passive laws of motion as naturally result from that force; but also that they are moved by certain Active principles, such as is that of gravity; and that which causes fermentation, and the cohesion of bodies. These principles I consider not as Occult qualities, supposed to result from the specifick forms of things, but as general laws of Nature, by which the things themselves are formed; their truth appearing to us by phenomena, though their causes being not yet discovered. For these are manifest qualities, and their causes only are occult. And the Aristotelians gave the name of Occult qualities not to manifest qualities, but to such qualities only as they supposed to lie hid in bodies, and to be the unknown causes of manifest effects: such as would be the causes of gravity, and of Magnetick and Electrick attractions, and of fermentations, if we should suppose that these forces, or actions, arose from qualities unknown to us, and uncapable of being discovered and made manifest. Such occult qualities put a stop to the improvement of Natural Philosophy, and therefore of late years have been rejected. To tell us, that every species of things is endowed with an occult specifick quality, by which it acts and produces manifest effects, is to tell us nothing: but to derive two or three general principles of motion from phenomena, and afterwards to tell us how the properties and actions of all corporeal things follow from these manifest principles, would be a very great step in philosophy, though the causes of those principles were not yet discovered: and therefore I scruple not to propose the principles of motion above-mentioned, they being of very general extent, and leave their causes to be found out.
Now, by the help of these principles, all material things seem to have been composed of the hard and solid particles above-mentioned; variously associated, in the first creation, by the counsel of an intelligent Agent. For it became Him who created them, to set them in order. And if he did so, it is unphilosophical to seek for any other origin of the world, or to pretend that it might arise out of a chaos by the mere laws of Nature; though being once formed, it may continue by those laws for many ages. For while comets move in very excentrick orbs in all manner of positions, blind Fate could never make all the planets move one and the same way in orbs concentrick, some inconsiderable irregularities excepted, which may have risen from the mutual actions of comet and planets upon one another, and which will be apt to increase, till this system wants a reformation.
Such a wonderful uniformity in the planetary system must be allowed the effect of choice. And so must the uniformity in the bodies of animals, they having generally a right and a left side shaped alike, and on either side of their bodies two legs behind, and either two arms, or two legs, or two wings before upon their shoulders; and between their shoulders a neck running down into a backbone, and a head upon it; and in the head two ears, two eyes, a nose, a mouth and a tongue, alike situated. Also the first contrivance of those very artificial parts of animals, the eyes, ears, brain, muscles, heart, lungs, midriff, glands, larynx, hands, wings, swimming bladders, natural spectacles, and other organs of sense and motion; and the instinct of brutes and insects, can be the effect of nothing else than the wisdom and skill of a powerful ever-living Agent; who, being in all places, is more able by his will to move the bodies within his boundless uniform sensorium, and thereby to form and reform the parts of the universe, than we are by our will to move the parts of our own bodies.
And yet we are not to consider the world as the body of God, or the several parts thereof as the parts of God. He is an uniform Being, void of organs, members or parts; and they are his creatures subordinate to him, and subservient to his will; and he is no more the soul of them, than the soul of a man is the soul of the species of things carried through the organs of sense into the place of its sensation, where it perceives them by means of its immediate presence, without the intervention of any third thing. The organs of sense are not for enabling the soul to perceive the species of things in its sensorium, but only for conveying them tither; and God has no need of such organs, he being every where present to the things themselves. And since space is divisible in infinitum, and matter is not necessary in all places, it may be also allowed, that God is able to create particles of matter of several sizes and figures, and in several proportions to space, and perhaps of different densities and forces, and thereby to vary the laws of Nature, and make worlds of several sorts in several parts of the universe. At least, I see nothing of contradiction in all this.
As in Mathematicks, so in Natural Philosophy, the investigation of difficult things by the method of analysis, ought ever to proceed the method of composition. This analysis consists in making experiments and observations, and in drawing general conclusions from them by induction, and admitting of no objections against the conclusions, but such as are taken from experiments, or other certain truths. For hypotheses are not to be regarded in Experimental Philosophy. And although the arguing from experiments and observations by induction be no demonstration of general conclusions; yet it is the best way of arguing which the nature of things admits of, and may be looked upon as so much the stronger, by how much the induction is more general. And if no exception occur from phenomena, the conclusion may be pronounced generally. But if at any time afterwards any exception shall occur from experiments; it may then begin to be pronounced, with such exception as occur.
By this way of analysis we may proceed from compounds to ingredients; and from motions to the forces producing them; and in general, from effects to their causes; and from particular causes to more general ones, till the argument end in the most general. This is the method of Analysis. And the Synthesis consists in assuming the causes discovered, and established as principles, and by them explaining the phenomena proceeding from them, and proving the explanations.
In the two first Books of these Opticks, I proceeded by this analysis to discover and prove the original differences of the rays of light in respect of refrangibility, reflexibility, and colour; and their alternate fits of easy Reflexion and easy Transmission; and the properties of bodies, both opake and pellucid, on which their reflexions and colours depend. And these discoveries being proved, may be assumed in the method of composition for explaining the phenomena arising from them: an instance of which method I gave in the end of the first Book. In this third Book I have only begun the analysis of what remains to be discovered about light, and its effects upon the frame of nature; hinting several things about it, and leaving the hints to be examined and improved by the farther experiments and observations of such as are inquisitive.
And if Natural Philosophy in all its parts, by pursuing this method, shall at length be perfected; the bounds of Moral Philosophy will be also enlarged. For so far as we can know by Natural Philosophy what is the First cause, what power he has over us, and what benefits we receive from him; so far our duty towards him, as well as that towards one another, will appear to us by the light of Nature.
VIII Albert Einstein (1927): Newtons Mechanik und ihr Einfluss auf die Gestaltung der theoretischen Physik (in der Zeitschrift „Die Naturwissenschaften", 1927).
Vorbemerkung:
Von Albert Einstein stammt folgende Eloge auf Newton:
„Newton, verzeih' mir. Du fandest den einzigen Weg, der zu deiner Zeit für einen Menschen von höchster Denk- und Gestaltungskraft eben noch möglich war. Die Begriffe, die du schufst, sind auch jetzt noch führend in unserem physikalischen Denken, obwohl wir nun wissen, dass sie durch andere, der Sphäre der unmittelbaren Erfahrung ferner stehende ersetzt werden müssen, wenn wir ein tieferes Begreifen der Zusammenhänge anstreben".
Wer sich damit kritisch auseinandersetzt, wird sehen: Diese scheinbare Eloge auf Newton enthält in Wahrheit eine anmaßend-überhebliche Verwerfung der Naturlehre Newtons als sozusagen zeitbedingt und deshalb durch „tieferes Begreifen der Zusammenhänge", das Einstein zwischen den Zeilen für sich beansprucht, überholt.
Ähnlich erweist sich Einsteins Aufsatz bei genauer Betrachtung als krudes Sammelsurium aus fehlerhaften Zuschreibungen, haltlos-willkürlichen Unterstellungen und schlichtweg falschen Behauptungen. Ich habe das Satz für Satz in meinem 2022 in Buchform erschienenen Essay „Taking Sides with Nature, Taking Sides with Truth" nachgewiesen.
Einsteins Aufsatz beweist jedenfalls, dass dieser Mann Newtons Naturlehre nie studiert hat. Dass er sich über Newton lediglich aus dem informierte, was in den Lehrbüchern seiner Zeit zu finden war, hat Einstein selbst eingeräumt, in einem Interview, das er 1955 auf dem Sterbebett dem Wissenschaftshistoriker I. Bernard Cohen gab.
Einsteins entscheidender Fehler
Einsteins entscheidender Fehler war, Newtons Naturlehre ganz selbstverständlich und gedankenlos als eine „Idee" zu behandeln wie andere auch, als eine kopfgeborene „Theorie" wie seine eigenen „Relativitätstheorien", und nicht zu erkennen, dass diese Lehre kein „Gedankengebäude" ist, weder eine Idee noch eine Theorie, sondern das ganze Gegenteil davon: nämlich das Ergebnis genauer Beobachtung der Natur, gegründet auf Experimente und auf die Prinzipien der allgemeinen, in Jahrtausenden gesammelten Menschheitserfahrung namens „Mechanik".
Das sollte man beim Lesen des Einsteinschen Aufsatzes, den ich im Folgenden ungekürzt wiedergebe, immer bedenken.
(Einstein:)
„In diesen Tagen werden es zweihundert Jahre, dass Newton die Augen geschlossen hat. Da ist es uns Bedürfnis, dieses leuchtenden Geistes zu gedenken, der wie kein anderer vor und nach ihm dem abendländischen Denken, Forschen und praktischen Gestalten die Wege gewiesen hat. Er war nicht nur ein genialer Erfinder einzelner führender Methoden, sondern er beherrschte auch das zu seiner Zeit bekannte empirische Material in einzigartiger Weise, und er war wunderbar erfinderisch bezüglich der mathematischen und physikalischen Beweisführung im Einzelnen. Aus all diesen Gründen ist er unserer hohen Verehrung würdig. Diese Gestalt bedeutet aber dadurch noch mehr, als es der ihr eigenen Meisterschaft entspricht, dass sie vom Schicksal an einen Wendepunkt der Geistesentwicklung gestellt wurde. Um dies lebhaft zu sehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass es vor Newton kein geschlossenes System physischer Kausalität gab, das irgendwie tiefere Züge der Erfahrungswelt wiederzugeben vermochte.
Wohl hatten die großen Materialisten des griechischen Altertums gefordert, dass alles materielle Geschehen auf einen streng gesetzlichen Ablauf von Atombewegungen zurückgeführt werden solle, ohne dass dabei von lebendigen Geschöpfen Gewolltes als selbständige Ursache auftritt. Wohl hatte Descartes in seiner Weise dies Ziel wieder aufgegriffen. Aber dies blieb ein kühner Wunsch, das problematische Ideal einer Philosophenschule. Tatsächliche Erfolge, die das Vertrauen in die Existenz einer lückenlosen physikalischen Kausalität hätten stützen können, existierten vor Newton kaum.
Newtons Ziel war die Beantwortung der Frage: Gibt es eine einfache Regel, nach der man die Bewegung der Himmelskörper unseres Planetensystems vollständig berechnen kann, wenn der Bewegungszustand aller dieser Körper in einem Zeitpunkt bekannt ist? Keplers aus Tycho Brahes Beobachtungen ermittelte empirische Gesetze über die Planetenbewegung lagen vor und forderten zu einer Deutung heraus. Jeder weiß heute, was für ein Bienenfleiß dazu gehörte, diese Gesetze aus den empirisch ermittelten Bahnen zu finden. Aber wenige überlegen sich die geniale Methode, nach der Kepler die wahren Bahnen aus den scheinbaren, d. h. aus von der Erde aus beobachteten Richtungen ermittelte. Diese Gesetze gaben zwar eine vollständige Antwort darauf, wie sich die Planeten um die Sonne bewegen: Ellipsenform der Bahn, gleiche Radienflächen in gleichen Zeiten, Beziehung zwischen großen Halbachsen und Umlaufzeiten. Aber diese Regeln befriedigten doch nicht das Kausalitätsbedürfnis. Es sind drei logisch voneinander unabhängige Regeln, die jeden inneren Zusammenhang vermissen lassen. Das dritte Gesetz lässt sich zahlenmäßig nicht ohne weiteres auf einen anderen Zentralkörper als die Sonne übertragen (es besteht z. B. keine Beziehung zwischen der Umlaufszeit eines Planeten um die Sonne und zwischen der Umlaufszeit eines Mondes um seinen Planeten). Das Wichtigste aber ist: Diese Gesetze beziehen sich auf die Bewegung als Ganzes und nicht darauf, wie aus einem Bewegungszustand eines Systems der zeitlich unmittelbar folgende hervorgeht; es sind – in unserer heutigen Sprechweise – Integralgesetze und nicht Differentialgesetze.
Das Differentialgesetz ist diejenige Form, die allein das Kausalitätsbedürfnis des modernen Physikers voll befriedigt. Die klare Konzeption des Differentialgesetzes ist eine der größten geistigen Taten Newtons. Nicht nur der Gedanke war nötig, sondern auch ein mathematischer Formalismus, der zwar in Rudimenten vorhanden war, aber eine systematische Form gewinnen musste. Auch diesen fand Newton in der Differential- und Integralrechnung. Dabei mag unerörtert bleiben, ob Leibniz unabhängig von Newton auf dieselben mathematischen Methoden gekommen ist oder nicht. Jedenfalls war ihre Entwicklung für Newton eine Notwendigkeit, indem sie zu seinen Gedanken erst die Ausdrucksmittel zu liefern hatten.
Einen bedeutungsvollen Anfang in der Erkenntnis des Bewegungsgesetzes hatte bereits Galilei gemacht. Er fand das Trägheitsgesetz und das Gesetz des freien Falles im Schwerefeld der Erde: eine von anderen Massen nicht beeinflusste Masse (genauer: ein materieller Punkt) bewegt sich gleichförmig und in gerader Linie. Die Vertikalgeschwindigkeit eines freien Körpers wächst im Schwerefeld gleichmäßig mit der Zeit. Für uns mag es heute scheinen, dass von Galileis Erkenntnissen bis zum Newtonschen Bewegungsgesetz nur mehr ein kleiner Schritt sei. Es ist jedoch zu bemerken, dass die beiden obigen Aussagen sich der Form nach auf die Bewegung als Ganzes beziehen, während Newtons Bewegungsgesetz eine Antwort auf die Frage gibt: wie äußert sich der Bewegungszustand eines Massenpunktes in einer unendlich kurzen Zeit unter dem Einfluss einer äußeren Kraft? Erst durch Übergang zur Betrachtung des Vorganges während einer unendlich kurzen Zeit (Differentialgesetz) gelangt Newton zu einer Formulierung, die für beliebige Bewegungen gilt. Den Begriff der Kraft entnimmt er aus der bereits hochentwickelten Statik. Verknüpfung der Kraft und Beschleunigung sind ihm nur möglich durch Einführung des neuen Begriffes der Masse, der allerdings merkwürdigerweise durch eine Scheindefinition gestützt wird. Wir sind heute so gewöhnt an die Bildung von Begriffen, die Differentialquotienten entsprechen, dass wir kam mehr ermessen können, was für ein bedeutendes Abstraktionsvermögen dazu gehörte, um durch einen doppelten Grenzübergang zum allgemeinen Differentialgesetz der Bewegung zu gelangen, wobei noch der Begriff der Masse erfunden werden musste.
Damit war aber noch lange kein kausales Erfassen von Bewegungsvorgängen gewonnen. Denn durch die Bewegungsgleichung war ja die Bewegung nur dann bestimmt, wenn die Kraft gegeben war. Newton hatte, wohl angeregt durch die Gesetzmäßigkeiten der Planetenbewegung, den Gedanken, dass die auf eine Masse wirkende Kraft bestimmt sei durch die Lage aller Massen, die sich in hinreichend geringer Entfernung von der betrachteten Masse befinden. Erst wenn dieser Zusammenhang bekannt war, war eine restlose kausale Erfassung von Bewegungsvorgängen gewonnen. Wie Newton – ausgehend von den Keplerschen Gesetzen der Planetenbewegung – diese Aufgabe für die Gravitation löste und so die Wesenseinheit der auf die Gestirne wirkenden bewegenden Kräfte und der Schwere auffand, ist allgemein bekannt. Erst die Gemeinschaft (Bewegungsgesetz) plus (Attraktionsgesetz) macht das wunderbare Gedankengebäude aus, das aus dem zu einer Zeit herrschenden Zustand eines Systems die früheren und die späteren Zustände zu berechnen gestattet, insoweit die Vorgänge unter der Wirkung der Gravitationskräfte allein stattfinden. Die logische Geschlossenheit des Newtonschen Begriffssystems lag darin, dass als Beschleunigungsursachen der Massen eines Systems nur diese Massen selbst auftreten.
Aufgrund der skizzierten Basis gelang es Newton, die Bewegungen der Planeten, Monde und Kometen bis in feine Einzelheiten zu erklären, ferner die Ebbe und Flut, die Präzisionsbewegung der Erde – eine deduktive Leistung von einzigartiger Großartigkeit. Besonders wunderbar musste auch die Erkenntnis wirken, dass die Ursache der Bewegungen der Himmelskörper identisch ist mit der uns aus der alltäglichen Erfahrung so geläufigen Schwere.
Die Bedeutung von Newtons Leistung lag aber nicht nur darin, dass sie eine brauchbare und logisch befriedigende Grundlage für die eigentliche Mechanik schuf, sondern sie bildete bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das Programm jeglichen theoretisch-physikalischen Forschers. Alles physikalische Geschehen sollte zurückgeführt werden auf Massen, die Newtons Bewegungsgesetzen unterworfen sind. Lediglich das Kraftgesetz musste erweitert, dem in Betracht kommenden Typus des Geschehens angepasst werden. Newton selbst versuchte eine Anwendung dieses Programms in der Optik, indem er das Licht als aus trägen Korpuskeln bestehend voraussetzte. Auch die Optik der Undulationstheorie bediente sich des Newtonschen Bewegungsgesetzes, nachdem dasselbe auf kontinuierlich verbreitete Massen angewendet wurde.
Auf Newtons Bewegungsgleichungen allein stützte sich die kinetische Theorie der Wärme, die nicht nur die Geister für die Erkenntnis des Gesetzes der Erhaltung der Energie vorbereitete, sondern auch eine in ihren feinsten Zügen bestätigte Theorie der Gase und eine vertiefte Auffassung des Wesens des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik lieferte. Auch die Lehre von Elektrizität und Magnetismus entwickelte sich bis in die moderne Zeit ganz unter der Leitung der Newtonschen Grundideen (elektrische und magnetische Substanz; Fernkräfte). Sogar die Faraday-Maxwellsche Umwälzung der Elektrodynamik und Optik, die den ersten großen prinzipiellen Fortschritt der Grundlagen der theoretischen Physik seit Newton bedeutete, vollzog sich noch ganz unter der Führung Newtonscher Ideen. Maxwell, Boltzmann, Lord Kelvin wurden nicht müde, die elektromagnetischen Felder und deren dynamische Wechselwirkungen zurückzuführen auf mechanische Vorgänge kontinuierlich verteilter hypothetischer Massen. Aber unter dem Einfluss der Fruchtlosigkeit oder doch mindestens der Unfruchtbarkeit jener Bemühungen vollzog sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts allmählich ein Umschwung der Grundanschauungen, ein Hinauswachsen der theoretischen Physik aus dem Newtonschen Rahmen, welcher der Wissenschaft fast zwei Jahrhunderte lang Halt und gedankliche Führung gab.
Newtons Grundprinzipien waren vom logischen Standpunkt derart befriedigend, dass der Anstoß zu Neuerungen aus dem Zwang der Erfahrungstatsachen entspringen musste. Bevor ich darauf eingehe, muss ich betonen, dass Newton selbst die seinem Gedankengebäude anhaftenden schwachen Seiten besser kannte als die folgenden gelehrten Generationen. Dieser Umstand hat stets meine ehrfürchtige Bewunderung erregt; ich möchte deshalb ein wenig dabei verweilen.
1. Trotzdem man allenthalben das Streben Newtons bemerkt, sein Gedankensystem als durch die Erfahrung notwendig bedingt hinzustellen und möglichst wenige auf Erfahrungs-Gegenstände nicht unmittelbar beziehbare Begriffe einzuführen, stellte er den Begriff des absoluten Raumes und den der absoluten Zeit auf. Man hat ihm dies in unserer Zeit öfter zum Vorwurf gemacht. Aber gerade in diesem Punkt ist Newton besonders konsequent. Er hatte erkannt, dass die beobachtbaren geometrischen Größen (Abstände der materiellen Punkte voneinander) und deren zeitlicher Verlauf die Bewegungen in physikalischer Beziehung nicht vollständig charakterisieren. An dem berühmten Eimerversuch beweist er diesen Umstand. Es gibt also außer den Massen und ihren zeitlich variablen Abständen noch etwas, das für das Geschehen maßgebend ist; dieses „Etwas" fasst er als die Beziehung zum „absoluten Raum" auf. Er erkennt, dass der Raum eine Art physikalischer Realität besitzen muss, wenn seine Bewegungsgesetze einen Sinn haben sollen, eine Realität von derselben Art wie die materiellen Punkte und deren Abstände.
2. Diese klare Erkenntnis zeigt ebenso Newtons Weisheit wie auch eine schwache Seite seiner Theorie. Denn der logische Aufbau der letzteren wäre gewiss befriedigender ohne diesen schattenhaften Begriff; dann gingen nämlich in die Gesetze nur Gegenstände ein (Massenpunkte, Entfernungen), deren Beziehung zu den Wahrnehmungen vollkommen klar sind.
3. Die Einführung unvermittelter, instantan wirkender Fernkräfte zur Darstellung von Gravitationswirkungen entspricht nicht dem Charakter der meisten Vorgänge, die uns aus der täglichen Erfahrung bekannt sind. Diesem Bedenken begegnet Newton durch den Hinweis darauf, dass sein Gesetz der Schwere-Wechselwirkung keine letzte Erklärung sein soll, sondern eine aus der Erfahrung induzierte Regel.
3. Newtons Lehre lieferte keine Erklärung für die höchst merkwürdige Tatsache, dass Gewicht und Trägheit eines Körpers durch ein und dieselbe Größe (die Masse) bestimmt werden. Auch die Merkwürdigkeit dieser Tatsache ist Newton aufgefallen.
Keiner dieser drei Punkte hat den Rang eines logischen Einwandes gegen die Theorie. Sie bilden gewissermaßen nur ungestillte Wünsche des nach restloser und einheitlicher gedanklicher Durchdringung des Naturgeschehens ringenden wissenschaftlichen Geistes.
Newtons Bewegungslehre als Programm für die gesamte theoretische Physik aufgefasst, erfuhr ihre erste Erschütterung durch die Maxwellsche Theorie der Elektrizität. Es zeigte sich, dass die Wechselwirkungen zwischen Körpern durch elektrische und magnetische Körper nicht durch momentan wirkende Fernkräfte erfolgen, sondern durch Vorgänge, die sich mit endlicher Geschwindigkeit durch den Raum fortpflanzen. Es entstand neben dem Massenpunkt und seiner Bewegung nach Faradays Konzeption eine neue Art physikalischer realer Dinge, nämlich das „Feld". Dieses wurde zunächst in Anlehnung an die mechanische Denkweise als mechanischer (Bewegungs- oder Zwangs-) Zustand eines raumerfüllenden hypothetischen Mediums (des Äthers) aufzufassen gesucht. Als aber trotz hartnäckigster Bemühung diese mechanische Interpretation nicht gelingen wollte, gewöhnte man sich langsam daran, das „elektromagnetische Feld" als letzten irreduziblen Baustein der physikalischen Realität aufzufassen. Wir verdanken Heinrich Hertz die bewusste Lösung des Feldbegriffes von allem Beiwerk aus dem Begriffsschatz der Mechanik, H. A. Lorentz die Loslösung des Feldbegriffes von einem materiellen Träger; nach Letzterem figurierte als Träger des Feldes nur mehr der physikalische leere Raum oder Äther, der ja schon in Newtons Mechanik nicht aller physikalischer Funktionen bar gewesen war. Als sich diese Entwicklung vollzogen hatte, glaubte niemand mehr an unvermittelte momentane Fernwirkungen, auch nicht auf dem Gebiet der Gravitation, obschon eine Feldtheorie der Letzteren mangels genügendem Tatsachenwissen nicht eindeutig vorgezeichnet war. Die Entwicklung der elektromagnetischen Feldtheorie führte auch – nachdem Newtons Fernkraft-Hypothese verlassen war – zum Versuch, das Newtonsche Bewegungsgesetz elektromagnetisch zu erklären bzw. durch ein genaueres zu ersetzen, das auf die Feldtheorie gegründet war. Obschon diese Bemühungen zu keinem vollen Erfolg führten, so hatten doch die mechanischen Grundbegriffe aufgehört, als fundamentale Bausteine des physikalischen Weltbildes betrachtet zu werden.
Die Maxwell-Lorentzsche Theorie führte mit Notwendigkeit zur speziellen Relativitätstheorie, die zur Vernichtung des absoluten Gleichzeitigkeitsbegriffs die Existenz von Fernkräften ausschloss. Diese Theorie ergab, dass die Masse keine unveränderliche, sondern eine vom Energieinhalt abhängige, ja mit diesem gleichwertige Größe sei. Sie zeigte auch, dass Newtons Bewegungsgesetz nur als ein für kleine Geschwindigkeiten gültiges Grenzgesetz aufzufassen sei; sie setzte an dessen Stelle ein neues Bewegungsgesetz, in dem die Vakuum-Lichtgeschwindigkeit als Grenzgeschwindigkeit auftritt.
Den letzten Schritt in der Entwicklung des Programmes der Feldtheorie bildete die allgemeine Relativitätstheorie. Sie modifiziert Newtons Theorie quantitativ nur wenig, qualitativ hingegen umso tiefgreifender. Trägheit, Gravitation und metrisches Verhalten der Körper und Uhren wurden auf eine einheitliche Feldqualität zurückgeführt, dies Feld selbst wieder als von den Körpern abhängig gesetzt (Verallgemeinerung des Newtonschen Gravitationsgesetzes bzw. des ihm entsprechenden Feldgesetzes, wie es Poisson formuliert hatte). Damit waren Raum und Zeit zwar nicht ihrer Realität entkleidet, wohl aber ihrer kausalen Absolutheit (beeinflussend, aber nicht beeinflusst), die ihnen Newton zuschreiben musste, um den damals bekannten Gesetzen Ausdruck verleihen zu können. Das verallgemeinerte Trägheitsgesetz übernimmt die Rolle des Newtonschen Bewegungsgesetzes. Aus dieser kurzen Charakterisierung erhellt schon, wie die Elemente der Newtonschen Theorie in die allgemeine Relativitätstheorie übergingen, wobei die oben genannten drei Mängel überwunden wurden. Es scheint, dass im Rahmen der allgemeinen Relativitätstheorie das Bewegungsgesetz aus dem dem Newtonschen Kraftgesetz entsprechenden Feldgesetz hergeleitet werden kann. Erst nach völliger Erreichung dieses Zieles kann von einer reinen Feldtheorie die Rede sein.
Newtons Mechanik hat noch in einem mehr formalen Sinn der Feldtheorie den Weg bereitet. Die Anwendung von Newtons Mechanik auf die kontinuierlich verteilten Massen führt nämlich mit Notwendigkeit zur Entdeckung und Anwendung der partiellen Differentialgleichungen, die ihrerseits erst die Sprache für die Gesetze der Feldtheorie lieferten. In dieser formalen Beziehung bildet Newtons Konzeption des Differentialgesetzes den ersten entscheidenden Schritt der folgenden Entwicklung.
Die ganze Entwicklung unserer Ideen über das Naturgeschehen, von der bisher die Rede war, könnte als eine organische Fortbildung Newtonscher Gedanken aufgefasst werden. Aber während die Durchbildung der Feldtheorie noch in vollem Gang war, offenbarten die Tatsachen der Wärmestrahlung, der Spektren, der Radioaktivität usw. eine Grenze der Brauchbarkeit des gesamten Gedankensystems, die uns heute noch, trotz gigantischer Erfolge im einzelnen, schier unübersteigbar erscheint. Nicht ohne gewichtige Argumente behaupten viele Physiker, dass diesen Tatsachen gegenüber nicht nur das Differentialgesetz, sondern auch noch das Kausalitätsgesetz – bisher das letzte Grundpostulat aller Naturwissenschaft – versagte. Selbst die Möglichkeit einer raumzeitlichen Konstruktion, die dem physikalischen Geschehen eindeutig zugeordnet werden könne, wird geleugnet. Dass ein mechanisches System nur diskreter Energiewerte bzw. Zustände dauernd fähig sei – wie die Erfahrung sozusagen direkt zeigt -, scheint zunächst aus einer Feldtheorie, die mit Differentialgleichungen arbeitet, kaum ableitbar zu sein. Die deBroglie-Schrödingersche Methode, die im gewissen Sinn den Charakter einer Feldtheorie hat, deduziert zwar aufgrund von Differentialgleichungen aus einer Art Resonanzbetrachtung die Existenz nur diskreter Zustände in verblüffender Übereinstimmung mit Erfahrungstatsachen, aber sie muss auf eine Lokalisierung der Masseteilchen und auf streng kausale Gesetze verzichten. Wer sollte so vermessen sein, heute die Frage zu entscheiden, ob Kausalgesetz und Differentialgesetz, diese letzten Prämissen Newtonscher Naturbetrachtung, definitiv verlassen werden müssen?"
Anmerkung (Ed Dellian, 8. Sept 2025):
Diese letzte Einsteinsche Formel, beginnend mit „Wer sollte so vermessen sein …", kann als Abschluss des vorliegenden Buches nicht unkommentiert bleiben. Was Einstein hier sagt, ist, ob gemessen an Newtons authentischer Lehre oder an den jahrtausendealten, auf Versuch und Irrtum, auf Experiment und Erfahrung beruhenden Erkenntnissen der Mechnik unsäglich falsch. Einstein demonstriert ganz einfach seine umfassende Ignoranz. Denn wer sich je auf Newtons Naturphilosophie ernstlich eingelassen hat, muss wissen: Es gibt da keine „Prämissen", d. h. keine Voraussetzungen (Hypothesen) der Naturbetrachtung. Vielmehr ist diese „Betrachtung" (Erfahrung; Beobachtung; Experiment) selbst das Fundament und insofern auch die „Prämisse" aller weiterführenden Erkenntnisse. Auch und gerade das „Kausalgesetz" ist keine intellektuelle Voraussetzung irgendwelcher Folgerungen, sondern eine Frucht der genauen „philosophia experimentalis", der genauen Methode der experimentellen Philosophie.
Völlig unklar bleibt, was an dieser Stelle Einsteins Nennung eines „Differentialgesetzes" bedeuten soll. In der Naturlehre Newtons jedenfalls findet man von diesem „Gesetz" keine Spur, wohl aber bei seinem philosophischen Antipoden Gottfried Wilhelm Leibniz. So ist festzustellen, dass Einstein nicht nur das „Oben" und „Unten" willkürlich vertauscht, indem er „Prämissen" und „Naturbetrachtung" durcheinanderbringt; darüber hinaus weist er Newton auch eine philosophische „Errungenschaft" zu, die ganz gewiss niemand anderer für sich in Anspruch nehmen kann als eben jener Gottfried Wilhelm Leibniz, der es unternahm, in den Spuren von René Descartes den experimentellen Philosophen in den Weg zu treten, um die Fortdauer des realitäts- und wahrheitsfernen scholastischen Wissenschaftsbetriebes sicherzustellen. Woran er übrigens in seinem (weithin unbekannten) „Specimen Dynamicum" von 1695 keinen Zweifel lässt.
