N E U T O N U SR E F O R M A T U S

    VERÖFFENTLICHUNG publication

    Ed Dellian / Philos. Bibliothek Felix Meiner Verlag (1990)

    9. Samuel Clarke, Der Briefwechsel mit G.W. Leibniz von 1715/1716

    Vorwort des Herausgebers

    Der Schriftwechsel zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und Samuel Clarke von 1715/1716 spiegelt die geistige Auseinandersetzung zwischen dem englischen Realismus Newtonischer Prägung (der experimentellen Naturphilosophie) und der deutschen, von Leibniz in der Tradition des Cartesianismus weiterentwickelten rationalistischen Systemphilosophie wider. In Newtons ganzheitlicher, Erfahrung und Vernunft harmonisch verbindender Naturphilosophie erreicht der ungeheuere Aufbruch des Denkens, der mit der Wiederentdeckung Platons um die Mitte des 15. Jahrhunderts die italienische Renaissance und überhaupt die Neuzeit einleitete, dank der Perfektion der mathematischen Methode einen Höhepunkt. Mit Leibniz dagegen fällt Naturforschung, wie schon bei Aristoteles gegen Platon, wieder in erfahrungsunabhängige spekulative Metaphysik als eigentliche Philosophie auf der einen Seite, und in rationale Physik oder eigentliche Naturwissenschaft auf der anderen Seite auseinander, deren Paradigma die Leibnizsche analytische Mechanik wird. Hier also endet gewissermaßen die Renaissance und beginnt die neuerliche Trennung von Wissenschaft und Philosophie, die manche als Emanzipation der Naturwissenschaft feiern, obwohl sie eigentlich eine Restauration von Aristotelismus und Scholastik bedeutete; der Zustand des heutigen Wissenschaftsbetriebes und das, eingestanden oder uneingestanden, realitätsferne, rationalistisch-nominalistische Denken der allermeisten Wissenschaftler beweisen es.

    Da es in dem Schriftwechsel um Leibniz' Angriffe gegen die realistische Newtonische Philosophie geht, so werden hier die Standpunkte von Newton und Leibniz in ihrer vollen Gegensätzlichkeit und Unvereinbarkeit sichtbar. Man beginnt im einzelnen zu verstehen, in welchem Maße die Grundlagen der neuzeitlichen Naturwissenschaften tatsächlich und gegen alle Expertenmeinungen nicht von der Newtonischen Naturphilosophie, sondern von Leibnizschem Rationalismus, Subjektivismus und Relativismus geprägt sind. So liefert der Schriftwechsel brisantes Material für die gegenwärtige kritische Auseinandersetzung über diese Wissenschaften. Hier werden ihre geistigen Defizite aufgedeckt; hier beginnt man zu begreifen, in welche Richtung die heutigen Bemühungen um ein neues, ganzheitliches Naturverständnis werden gehen müssen, wenn sie Erfolg haben sollen.

    Dies ist die erste deutschsprachige Ausgabe des Schriftwechsels, die ihn nicht Leibniz zuordnet, sondern dem Newtonianer Samuel Clarke und Isaac Newton selbst, dessen geistige Miturheberschaft an den Clarkeschen Schriften außer Zweifel steht. Die Ausgabe enthält zum ersten Mal Clarkes umfangreiche Anmerkungen, die er seiner eigenen Ausgabe der Schriften 1717 als Erläuterungen des Newtonischen Standpunkts hinzugefügt hat. Newtonisch ist aber auch die Auswahl des im Anhang mitgeteilten Materials orientiert. Die Auszüge aus der Portsmouth Collection von Newtons Nachlass und der Brief Clarkes an Benjamin Hoadly werden erstmals in deutscher Übersetzung vorgestellt.

    Übersee/Chiemsee, im November 1989.

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