N E U T O N U SR E F O R M A T U S

    VERÖFFENTLICHUNG publication

    Ed Dellian / Münchener Theologische Zeitschrift (1995) S.381

    14. Eine Bemerkung zu Johannes Paul II. Buch: »Die Schwelle der Hoffnung überschreiten«

    Johannes Paul II. kritisiert den cartesischen Rationalismus als eine Philosophie, deren europa- und weltweite Durchsetzung im Zuge der Aufklärung als »Kampf gegen Gott« verstanden werden kann; die Kritik ist berechtigt. Wie der Autor richtig sieht, vollzog sich der Prozeß unter Abwendung von der Philosophie des Seins (der sogenannten Metaphysik) hin zum modernen Subjektivismus. In der Naturphilosophie geschah das mittels fortschreitender Eliminierung aller ontologischen Inhalte aus der Lehre von der Bewegung, welche die Grundlage der theoretischen Mechanik und damit das Paradigma der exakten neuzeitlichen Wissenschaft überhaupt seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts lieferte.

    Versteht man mit dem Autor die Metaphysik als Philosophie des wirklichen Seins, welches hinter den unzulänglichen Wahrnehmungen unserer Sinne als das »Eigentliche«, die wahre Wirklichkeit oder eben die Wahrheit liegt, so müßte die Beschränkung der Naturphilosophie, im weiteren dann der Naturwissenschaft, auf die Gegenstände der sinnlichen Erfahrung unter Ausschluß dessen, was der Autor »transempirische Wahrheiten« nennt, die Wissenschaft und unser Weltbild zunehmend von der wahren Wirklichkeit entfernt haben. Dann ließe sich sagen, daß das moderne wissenschaftliche Weltbild ebenso wahrheitsfern wie gottfern ist. Es kann gezeigt werden, daß dies nicht nur eine sinnfällige Metapher ist.

    Nun schweigt allerdings der Autor darüber, daß die Kirche selbst in erheblichem Maße zur Abwendung der Wissenschaft von der transempirischen oder transzendenten Wahrheit beigetragen hat, als sie von Galileo Galilei verlangte, den Wahrheitsanspruch der nuova scienza, der neuen copernicanischen Wissenschaft aufzugeben. Die Forderung des Kardinals Bellarmin, Galilei möge sich darauf zurückziehen, die Lehre von der Erdbewegung um die Sonne als eine Hypothese unter anderen ebenso berechtigten Hypothesen zu vertreten, wird von der heutigen Naturwissenschaft durchaus erfüllt, insofern sie generell mit Hypothesen arbeitet (heute nennt man sie »Theorien«), deren Geltungskriterium nicht Wahrheit heißt, sondern Erfolg.

    Der Autor übersieht im übrigen, daß es im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert eine starke anti-cartesische Strömung aus neuplatonischer Wurzel gab, die insbesondere mit dem Namen Isaac Newton zu verbinden ist. Gerade Newton hatte die Wahrheitsferne der cartesischen Philosophie und ihr unausweichliches Einmünden in den wissenschaftlichen Materialismus und Atheismus erkannt und setzte dieser Entwicklung seine Philosophie kontrapunktisch entgegen, in der es um die Realität des Transzendenten und die Transzendenz der Realität geht, und zu der die Rede von Gott unbedingt hinzugehört, wie Newton im Scholium generale zu seinem Hauptwerk Philosophiae naturalis principia mathematica betont.

    Bei Newton findet man die Grundlegung einer natürlichen Theologie aus wissenschaftlicher Erkenntnis der Natur. Der Autor tut Newton in erheblichem Maße Unrecht, indem er ihn mit den Deisten des 17. und 18. Jahrhunderts in eine Reihe stellt, die hinter der Annahme, daß Gott die Welt wohl irgendwann einmal erschaffen, sich danach aber nicht mehr um sie gekümmert habe, ihren eigentlichen aufklärerischen Materialismus und Atheismus nur schlecht verbargen. Der Briefwechsel, den in Newtons Auftrag Samuel Clarke 1715/1716 mit Leibniz führte, zeigt sehr deutlich den Cartesianer und Rationalisten Leibniz als denjenigen, der Gott zur außerhalb der Welt angesiedelten »intelligentia supramundana« macht, während Clarke mit Newton für den in der Welt gegenwärtig wirkenden Gott streitet, »in dem wir leben, weben und sind«. Noch im Jahr 1764 schreibt der Newtonianer Voltaire im Dictionnaire philosophique: Der Religionslehrer verkündet Gott den Kindern; Newton aber beweist ihn den Philosophen.

    Freilich muß man sehen, daß das, was seit Ende des 18. Jahrhunderts als »Newtonianismus« gelehrt wird, den ursprünglichen Absichten des Namensgebers nicht mehr entspricht. Bedenkt man, daß Roger Cotes 1713 im Vorwort zur zweiten Ausgabe der Principia Newtons in dessen Auftrag geschrieben hatte, dieses Werk werde »die sicherste Festung gegen die Angriffe der Atheisten sein, denn nirgends wird man wirkungsvoller als aus diesem Köcher Geschosse gegen die gottlose Schar hervorholen«, so hatte sich der Newtonianismus offenbar in sein Gegenteil verkehrt, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts Pierre Simon de Laplace seine vorgeblich von Newton hergeleitete Himmelsmechanik Napoleon mit den Worten erklärte, Gott (»cette hypothèse là«) sei dazu nicht vonnöten.

    Was war geschehen? Geschehen war, daß bis zu diesem Zeitpunkt alle transempirischen (wie der Autor sagt) Gegenstände, welche die originale Newtonische Lehre gekennzeichnet hatten — der absolute Raum, die absolute Zeit, die absolute Bewegung und die Lehre von den bewegenden Ursachen, den wirkenden Kräften der Natur — säuberlich aus der rationalen Mechanik entfernt worden waren; dafür stehen neben de Laplace die Namen d'Alemberts, Lagranges und Immanuel Kants.

    In der Folge kannte die Mechanik des 19. Jahrhunderts nur noch relative Räume, Zeiten und Bewegungen, und das schöpferische Kausalgesetz der Entstehung von Wirkungen aus ihren Ursachen in Raum und Zeit hatte sie durch zeitlose (instantane) logisch-funktionale Abhängigkeiten ersetzt; an die Stelle der ontologischen Ursache-Wirkung-Beziehung war die logische Relation von Grund und Folge getreten. Daß die neue Bewegungslehre, in die die rationale Mechanik zu Beginn des 20. Jahrhunderts einmündete, sich die Bezeichnung »Relativitätstheorie« zulegte, obwohl im wesentlichen absolute Elemente und die Rückkehr des Kausalgesetzes sie der rationalen Mechanik überlegen machen, ist eine geistesgeschichtliche Merkwürdigkeit besonderer Art.

    Die richtig verstandenen realistischen Elemente der modernen Physik zeigen, was schon Newton lehrte: Der Rationalismus als Wissenschaftsphilosophie kann keinen Bestand haben, weil Wissenschaft ohne das Kausalgesetz und die transempirischen absoluten Wirklichkeiten des Raumes, der Zeit und der Bewegung mangelhaft, unrealistisch und wahrheitsfern bleibt. Die newtonische Alternative zum Rationalismus heißt nicht Irrationalismus, sondern Realismus, nämlich kritischer Realismus, insofern diese Philosophie der sinnlichen Wahrnehmung mißtraut, und transzendenter Realismus, insofern sie die Realität des Transzendenten und die Transzendenz der Realität erkennt.

    Dazu gehört und dazu führt die Rückbesinnung auf die Erfahrbarkeit Gottes aus seiner Schöpfung als dem »zweiten Buch der Offenbarung«, die Isaac Newton und Galileo Galilei gelehrt haben. Die Kirche sollte, wenn sie will, daß die Menschen Gottes Anwesenheit in der Welt wieder erkennen, und wenn sie nicht will, daß Rationalismuskritik zu Irrationalismus und Okkultismus führt (wofür es böse Zeichen gibt), der natürlichen Theologie Galileis und Newtons Raum geben.

    [1] Der Verfasser beschäftigt sich mit Newtons Naturphilosophie. Er ist Herausgeber einer Auswahlausgabe von Newtons Philosophiae naturalis principia mathematica sowie des Briefwechsels zwischen Leibniz und Clarke von 1715/1716, beides erschienen bei Felix Meiner Hamburg 1988 und 1990 (Philos. Bibliothek); siehe auch MThZ 1993, S. 263.