VERÖFFENTLICHUNG publication
Ed Dellian / Philosophia Naturalis Bd.36 Nr.1 (1999) S.27
15. Nochmals: Die Newtonische Konstante
Bemerkungen zu Isaac Newtons Lehre von der absoluten Bewegung
Einleitung
Die Lehre Isaac Newtons von der Bewegung der Körper im absoluten Raum und in der absoluten Zeit gründet sich auf drei „Axiomata sive leges motus", die Newton eingangs seines Hauptwerks „Philosophiae naturalis principia mathematica" (im Folgenden: die Principia) von 1687 vorstellt. Diese Bewegungsgesetze werden bisher allgemein als das Fundament der sogenannten newtonischen oder klassischen oder analytischen Mechanik angesehen. Die wissenschaftshistorische Forschung weiß aber seit langem, daß die analytische Mechanik im Lauf des 18. Jahrhunderts von d'Alembert, Euler und Lagrange in kritischer Auseinandersetzung mit Newton formuliert wurde, wobei die Newton'schen Bewegungsgesetze mindestens eine positivistische Interpretation erfuhren. Bei näherer Untersuchung zeigt sich, daß diese Interpretation eine inhaltliche, auf die Rezeption Leibniz'scher mechanischer Prinzipien zurückzuführende Veränderung der Bewegungsgesetze einschloß. Die Veränderung bestand darin, daß ein im Zweiten Bewegungsgesetz Newtons geforderter Proportionalitätsfaktor eliminiert wurde – die „newtonische Konstante". Als Ergebnis der Untersuchung sei vorweggenommen, daß die klassische Mechanik ganz zu Unrecht Newton zugeschrieben wird. Tatsächlich entstammen ihre grundlegenden Prinzipien Leibniz' rationalistischer Philosophie.
Der philosophische Rationalismus erkennt Raum und Zeit nicht als Realitäten an, sondern nur als Kriterien zur Ordnung von Dingen relativ zueinander: der Raum für die verstandesmäßige Ordnung von Dingen „nebeneinander", die Zeit für ihre Ordnung „nacheinander", wie Leibniz sagt. Dem entspricht es, daß Raum und Zeit als absolute Größen oder Entitäten in der klassischen Mechanik nicht vorkommen. Aus dieser Tatsache hat nun mancher ebenso wie Ernst Mach den Schluß gezogen, daß Newtons realistische Lehre vom absoluten Raum, von der absoluten Zeit und von der absoluten Bewegung für die Mechanik entbehrlich sei. Und weil die klassische Mechanik ohne weiteres mit derjenigen Newtons identifiziert wurde, konnte Ernst Mach sogar behaupten, daß Newtons eigene Lehre gegen die absolute Bewegung sprechen würde.
Ich will durch Rekonstruktion der authentischen Bewegungslehre Newtons zeigen, daß Machs Behauptung für diese nicht zutrifft, weil in dieser Lehre, anders als in der von Leibniz'schen Prinzipien bestimmten und Newton fälschlich zugerechneten klassischen Mechanik, der unveränderliche absolute Raum und die unveränderliche absolute Zeit in Gestalt geometrischer Größen als Bezugssystem der absoluten Bewegung ebenso wie diese mathematisch und physikalisch sehr wohl präsent und unverzichtbar sind.
Im Folgenden geht es zunächst um die Rekonstruktion der Lehre Newtons am Beispiel des Zweiten Newtonischen Bewegungsgesetzes sowie um die Reduktion dieses Gesetzes mittels Leibniz'scher Prinzipien auf das Grundgesetz der klassischen Mechanik. Danach gebe ich einige Hinweise auf die Bedeutung dessen, was im ersten Teil gezeigt wird, für das Verständnis der Newton'schen Philosophie sowie der klassischen Mechanik und einiger Aspekte der Physik des 20. Jahrhunderts. Ich meine, daß die moderne Physik die Aktualität der authentischen Bewegungslehre Newtons einschließlich seiner Lehre von Raum und Zeit bestätigt.
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